Sandra Navidi: „Die Demokratie ist Trump kaum gewachsen“

Interview mit Finanzexpertin Navidi : „Die Demokratie ist jemandem wie Trump kaum gewachsen“

Die Finanzexpertin Sandra Navidi hat für den Nachrichtensender ntv ihre Wahlheimat, die USA, bereist. Im Interview spricht die gebürtige Mönchengladbacherin über die Furcht der Amerikaner vor einem Bürgerkrieg und die unlauteren Methoden Donald Trumps.

Frau Navidi, Sie haben für den Nachrichtensender ntv die Stimmung in Ihrer Wahlheimat dokumentiert. Wie haben sich die Vereinigten Staaten seit dem Amtsantritt Donald Trumps vor zwei Jahren verändert?

Sandra Navidi Die bereits bestehende politische Polarisierung hat unter Trump noch einmal extrem zugenommen und ist offensichtlicher geworden. Für meine Dokumentation „Wie tickt Amerika“ habe ich sowohl Menschen am oberen wie auch am unteren Spektrum des sozio-ökonomischen Gefüges interviewt. Auffällig ist, dass beide Seiten der Gesellschaft Angst vor einer Konfrontation äußern. Das Wort „Bürgerkrieg“ fiel häufiger, und die Reichen haben einen „Plan B“ für den Fall der Fälle. Der US-Präsident heizt die bereits bestehende Spaltung ganz bewusst und drastisch weiter an. Aber auch wirtschaftlich sorgt er dafür, dass die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Schichten größer wird. Bei seiner sogenannten Steuerreform handelt es sich weniger um eine echte Reform als vielmehr um Steuergeschenke, die überproportional den obersten 15 Prozent zugutekommen. Die Einkommen steigen zwar wieder leicht, aber im Verhältnis zur Inflation bei Weitem nicht genug.

Konnten Sie das auch konkret bei Ihrer Reise sehen?

Navidi Ja. Ich habe einen Afroamerikaner in Pennsylvania interviewt, der seit mehreren Jahren bei einer Steakhaus-Kette als Kellner arbeitet. Sein Stundenlohn beträgt unglaubliche 2,70 Dollar plus Trinkgeld. Ja, es gibt mehr Jobs, aber viele Menschen müssen auch mehrere gleichzeitig ausüben, weil sie mit einem nicht über die Runden kommen. Interessant ist dabei, dass viele der „working poor“ nicht die Eliten für die Missstände verantwortlich machen, sondern eher andere Gruppierungen der Gesellschaft, mit denen sie im Wettbewerb stehen. Nach ihrer Ansicht haben die Reichen sich wohlverdient den amerikanischen Traum erfüllt. Das deckt sich mit dem Narrativ, das Donald Trump verbreitet: Er propagiert soziale Mobilität, die es de facto kaum noch gibt, während er die Schuld für Missstände anderen, vorzugsweise eher sozial Schwächeren, in die Schuhe schiebt: Einwanderern, Mexikanern, Schwarzen, aber auch China, nebulösen Globalisten oder der WHO.

Was sagt das über die USA aus, wenn gerade die armen Leute einen äußerst wohlhabenden Menschen wie Trump zu ihrem Präsidenten gewählt haben?

Navidi Trump hat die Welle des perfekten Sturms geritten. Psychologisch geschickt und rhetorisch versiert hat er sich populistische Strömungen zunutze gemacht, wie wir sie derzeit in vielen Teilen der Welt sehen. In unserer „Aufmerksamkeits-Ökonomie“ verschafft Aufmerksamkeit Erfolg. Trump hat seinen Reality-Star-Ruhm genutzt und diesen mit der Macht der sozialen Netzwerke noch vergrößert. Sein über die Dauer von drei Jahrzehnten in den Medien aufgebautes Image des erfolgreichen und vertrauenswürdigen Geschäftsmannes hat sich in vielen Köpfen festgesetzt. Gleichzeitig profitiert er von der „Superstar-Ökonomie“, in der einige Wenige aufgrund des technologischen Fortschritts und der Globalisierung überproportional große Gewinne einstreichen. Hierzu zählen Sportstars, Medienstars wie die Kardashians, aber auch Geschäftsführer großer Konzerne, die heute über 300-mal mehr verdienen als ihre Arbeitnehmer.

Sandra Navidi vor der New Yorker Börse. Foto: MG RTL D/Spreitzenbarth

Sie habe gute Verbindungen in die Wall Street, dem Finanzzentrum der USA. Wie stehen die Firmenchefs Trump gegenüber?

Navidi Sie äußern sich ausgesprochen negativ über ihn, aber nur hinter den Kulissen, weil sie Angst vor seinen Repressalien haben. Mit einem Tweet oder einem Boykottaufruf kann Trump über Nacht Milliarden an Unternehmenswert vernichten.

Trump hat bei den Zwischenwahlen eine voraussehbare Niederlage erlitten. Das Repräsentantenhaus ist nun mehrheitlich mit Demokraten besetzt. Wie geht es jetzt weiter?

Navidi Trump steht seit den „Midterms“ stark geschwächt da. Die Demokraten werden das gesamte Repertoire an Kontrollmechanismen, das ihnen zur Verfügung steht, nutzen. Derweil verliert Trump seit den Wahlen zunehmend die Fassung. Er „wut-tweeted“ non-stop, beleidigt mehrere Reporter vor verlaufenden Kameras und stößt Alliierte beim Weltkriegs-Gedenktag in Paris vor den Kopf.

Welche Möglichkeiten haben die Demokraten nun?

Navidi Die Demokraten haben viele Möglichkeiten, aber die Gefahr ist, dass Trump sich mit unlauteren Mitteln zur Wehr setzt. Er verstößt nicht nur gegen Gesetze, sondern auch gegen Normen und Konventionen, was schwierig zu ahnden ist. Alle vorherigen Präsidenten haben ihre Steuererklärungen veröffentlicht und sich von ihren persönlichen Geschäftsinteressen getrennt, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Zwar sind Dutzende von Verfahren gegen Trump anhängig, aber die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Er führt einen feindlichen Angriff auf die Demokratie durch, und diese ist jemandem wie ihm, der außerhalb der etablierten Regeln fungiert, kaum gewachsen.

Wie gefährlich könnten die Russland-Ermittlungen noch für Trump werden?

Navidi Sehr gefährlich, wobei der Sonderermittler Robert Mueller auch noch andere, möglicherweise vielversprechendere, Tatbestände verfolgt, wie zum Beispiel Strafvereitelung und illegale Parteienfinanzierung. Informationen aus meinen Quellen lassen vermuten, dass er ein paar für Trump unschöne Überraschungen in der Schreibtischschublade hat. Weil Trump weiß, dass es langsam brenzlig wird, versucht er, die Ermittlungen zu blockieren. Deswegen hat er auch Jeff Sessions (Justizminister, Anm. Red.) rausgeworfen und Matthew Whitaker an Bord geholt. Whitaker ist absoluter Loyalist und hat in der Vergangenheit mehrfach im Fernsehen kundgetan, dass es für eine Absprache mit Russland keinerlei Beweise gäbe, wohlgemerkt ohne jemals Einblicke in die Akten gehabt zu haben. Er könnte es Mueller sehr schwer machen.

Wie das?

Navidi Whitaker hatte ja schon angekündigt, dass man den Sonderermittler unterminieren könne, indem man ihm einfach die Mittel kürzt und so logistisch aushungert. Allerdings ist das Budget für das nächste Jahr schon beschlossen, doch es gibt noch zahlreiche andere praktische Möglichkeiten, die Ermittlungen zu sabotieren, ohne Mueller zu feuern. Offen ist aber noch, ob es Whitaker gelingen wird, sich überhaupt im Amt zu halten. Aufgrund seiner Befangenheit, fehlenden Qualifikation, zweifelhaften Vergangenheit und Interessenkonflikten, könnte das schwer werden. Möglicherweise zieht er sich aber auch selbst wegen Befangenheit von dem Fall zurück, um nicht Gefahr zu laufen, sich wegen Strafvereitelung im Amt strafbar zu machen.

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