Milosevic-Tod: Russland bezweifelt Autopsie-Ergebnis

Milosevic-Tod : Russland bezweifelt Autopsie-Ergebnis

Den Haag/Moskau (rpo). Nach Auffassung eines niederländischen Toxikologen hat der jugoslawische Ex-Präsident Slobodan Milosevic absichtlich falsche Medikamente eingenommen, um eine Behandlung in Russland erzwingen. "Ich bin sicher, dass er die Medizin selbst genommen hat, weil er einen Fahrschein nach Moskau wollte", so der Mediziner Ronald Uges. Russland äußerte hingegen Zweifel am Ergebnis der amtlichen Autopsie.

Milosevics Sohn Marko bekam ein Drei-Tages-Visum für die Niederlande, um den Leichnam seines Vaters nach Belgrad zu überführen. Milosevic habe ein starkes Antibiotikum namens Rifampicin eingenommen, das normalerweise bei Tuberkulose und Lepra verschrieben wird und die Wirkung von Medikamenten gegen Bluthochdruck aufhebt, sagte der Toxikologe. Er habe den 64-Jährigen untersucht, weil die behandelnden niederländischen Ärzte wissen wollten, weshalb Milosevics Blutdruck trotz der Medikamente nicht sinke. Der frühere Staatschef hatte im Dezember beim UN-Kriegsverbrechertribunal vergeblich beantragt, sich in Moskau behandeln lassen zu dürfen.

In Milosevics Zelle wurden in der Vergangenheit nicht verordnete Medikamente gefunden, wie die Brüsseler Tageszeitung "Le Soir" unter Berufung auf einen Mitarbeiter des Tribunals in Den Haag berichtete. Die Arzneimittel seien im Januar bei einer Durchsuchung von Milosevics Zelle im UN-Gefängnis in Scheveningen entdeckt worden.

Misstrauen in Moskau

Das russische Außenministerium erhielt nach eigenen Angaben einen handgeschriebenen Brief von Milosevic, in dem dieser sich über eine "unangemessene Behandlung" durch die Ärzte des Haager Tribunals beklagte. Der Brief sei am Samstag in der russischen Botschaft in Den Haag eingetroffen. In dem Schreiben vom 8. März habe Milosevic sich auf eine Blutuntersuchung bezogen, die eine hohe Dosis eines Lepra- oder Tuberkulosemedikaments nachgewiesen habe. Er befürchte, vergiftet zu werden, schrieb Milosevic demnach.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow zog die Ergebnisse der Autopsie von Milosevics Leiche in Zweifel. Es stehe ihm zu, der Autopsie des Haager Tribunals "nicht zu vertrauen". Er werde russische Ärzte nach Den Haag schicken, um zumindest in den Bericht Einblick zu nehmen.

Milosevics Sohn Marko bekam nach Angaben des niederländischen Außenministeriums ein Visum für drei Tage, das ab Montag gültig war. In dieser Zeit könne der Sohn des Verstorbenen in die Niederlande kommen und den Leichnam seines Vaters überführen. Der Milosevic-Anwalt Zdenko Tomanovic teilte mit, dass Milosevics Ehefrau Mira und sein Sohn beschlossen hätten, den früheren Staatschef in Belgrad zu bestatten. Die Frage sei noch offen, ob es ein Staatsbegräbnis werde. Der serbische Präsident Boris Tadic hatte ein Staatsbegräbnis wegen Milosevics Rolle in den Balkankriegen zuvor ausgeschlossen. Milosevics Partei SPS drohte mit dem Sturz der serbischen Regierung, sollte Milosevic nicht im Beisein seiner Familie in Serbien beigesetzt werden können.

Tomanovic beantragte als Anwalt von Milosevics Witwe die Rücknahme des Haftbefehls gegen seine Mandantin, nach der in Serbien wegen Machtmissbrauchs gefahndet wird. Der Antrag werde geprüft, sagte eine Gerichtssprecherin. Markovic war 2003 geflohen und hält sich wahrscheinlich in Russland auf.

Milosevic war am Samstag tot in seiner Zelle aufgefunden worden. Ersten Autopsieergebnissen zufolge starb der mutmaßliche Kriegsverbrecher an einem Herzinfarkt. Bislang könnten aber auch Selbstmord oder eine Vergiftung als Todesursache nicht ausgeschlossen werden, sagte eine Tribunalssprecherin. Milosevic war wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord angeklagt.

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(afp)