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Minister auf Israel-Reise: Röslers Start-up-Mission in heiklem Umfeld

Minister auf Israel-Reise : Röslers Start-up-Mission in heiklem Umfeld

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) besucht drei Wochen nach seinem Besuch im kalifornischen Silicon Valley mit einer großen Wirtschaftsdelegation die High-Tech-Szene in Tel Aviv. Für den Nahost-Friedensprozess und das Gedenken an den Holocaust bleibt dem Minister beim Kurztrip indes nur wenig Zeit.

Philipp Rösler nimmt die Brille ab, wischt sich über die Augen. Er muss sich sammeln. Der Wirtschaftsminister steht vor einer gusseisernen Miniatur-Nachbildung des Vernichtungslagers Treblinka in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Über 700.000 Juden haben die Nazis in wenigen Monaten in dem Lager ermordet. Die Tourführerin erzählt die Geschichte von Janusz Korczak, dem polnischen Arzt, der freiwillig mit 146 Kindern eines Waisenhauses in den Tod ging, obwohl er selbst nicht auf der Liste der Nazis stand. Nach dem knapp einstündigen Rundgang durch den dunkelsten Teil der deutschen Geschichte sagt Rösler nur: "Das war noch bedrückender, als ich es mir je vorgestellt hatte."

Zum ersten Mal in Israel

Israel ist für deutsche Politiker nie ein gewöhnlicher Staatsbesuch. Der Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte gehört für jeden Minister zum Pflichtprogramm. Der 40-jährige FDP-Chef ist an diesem Montag zum ersten Mal hier. Die Medien beobachten solche Reisen besonders genau. Nie habe er sich auf eine Reise so intensiv vorbereitet wie auf diese, sagt Rösler. Mit dem israelischen Botschafter in Berlin sprach er vor der Abreise. Sogar Reiseliteratur studierte Rösler. Wohl auch, um Fehler auf dem heiklen diplomatischen Parkett zu vermeiden, streift Rösler den Nahost-Konflikt nur leicht. Kein gewichtiges Wort von ihm zum stockenden Friedensprozess in der Region.

Vor zwei Jahren hatte Philipp Rösler im Gerangel mit Außenminister Guido Westerwelle noch die Richtlinienkompetenz in der Außenpolitik für sich beansprucht. Nun lässt sich der FDP-Chef und gläubige Katholik bei einem Altstadtbesuch in Jerusalem von einem Benediktiner-Mönch die Geschichte der Grabeskirche erläutern, während zur gleichen Zeit im Westjordanland ein israelischer Bus beschossen wird.

Ein ursprünglich geplantes Treffen mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu findet nicht statt. Terminschwierigkeiten, heißt es. Um ein Treffen mit Staatspräsident Shimon Peres hatte sich Röslers Ministerium indes besonders eifrig bemüht. Der 90-jährige Friedensnobelpreisträger ist populär. Am Dienstagfrüh empfängt Peres den deutschen Gast für eine knappe halbe Stunde in seiner Residenz. Eine Pressekonferenz gibt es allerdings nicht. Peres hatte das Gespräch als "informell" deklariert. Ein kleiner Wermutstropfen für den deutschen Gast.

Tel Aviv ist High-Tech-Mekka

Aber vielleicht ist das auch besser so. Denn eigentlich ist der Bundeswirtschaftsminister ins Heilige Land gereist, um der Start-up-Industrie in Tel Aviv mit einer mehr als 50-köpfigen Wirtschaftsdelegation seine Aufwartung zu machen. "Die High-Tech-Szene in Tel Aviv ist beeindruckend und entwickelt sich rasant", sagt Rösler bei einem Empfang der Handelskammer. Ziel sei es, die aufstrebende Szene Deutschlands mit der von Israel zusammenzubringen. Kurzum: Kontakte knüpfen, netzwerken.

Nach Silicon Valley und London gilt Tel Aviv weltweti als Nummer drei der besten Standorte für die junge, internet-basierte Wirtschaft. Danach folgt übrigens Berlin. Und Rösler, erst 40 Jahre alt, im Umgang betont unprätentiös, hat die junge, aber in Deutschland noch unterentwickelte Branche zu seinem politischen Steckenpferd erkoren. Gleich nach seiner Amtsübernahme vor knapp zwei Jahren, ließ Rösler Strategien für die digitale Wirtschaft und Bedingungen für High-Tech-Fonds in seinem Haus erarbeiten. Mit seiner Reise ins Silicon Valley vor drei Wochen erwarb sich der FDP-Minister bei den IT-Unternehmern erste Meriten. Einige sind nun zum zweiten Mal dabei. Sie duzen ihren "Philipp", schicken Erinnerungsfotos mit dem Vizekanzler durch die sozialen Netzwerke und trinken mit Rösler am Montagabend auf der Dachterrasse eines Szene-Clubs in Tel Aviv ein paar Bier. Auch der gemeinsame Strandlauf mit dem Minister, in Kalifornien erprobt und im Internet vielfach kommentiert, darf nicht fehlen. Nur muss dieses Mal soll der Fotograf draußen bleiben. Rösler will nicht, dass seine Nähe zur Startup-Branche inszeniert wirkt.

Kontakte knüpfen, Türen öffnen

"Er verschafft der Branche Aufmerksamkeit und er nimmt uns ernst", sagt Julia Bösch, Gründerin des Berliner Online-Modeversands für Männer, "Outfittery". Außerdem gehe es doch darum, Türen zu öffnen, ergänzt Sebastian Diehmer, Gründer einer Online-Plattform zur Kreditwürdigkeit von Personen. "Das ist für uns ersteinmal das Wichtigste." Das Berliner Biotech-Unternehmen Fiagon kann am Dienstag gar den erfolgreichen Abschluss einer neuen Finanzierung für ihre Produkte, medizinische Navigationsgeräte, verkünden. "Das ist doch schon ein Erfolg", sagt Minister Rösler.

Die vom Wirtschaftsminister - entgegen der liberalen Logik - aufgelegten Staatsfonds zur Finanzierung der Startup-Industrie werden in der Delegation aber auch kritisch gesehen. Wer seine Firmen geschickt verschachtele, könne gleich mehrfach Steuerzahlergeld für das gleiche Projekt in Anspruch nehmen, sagt einer. "Wenn Rösler uns Kontakte verschafft und ab und zu unsere Themen öffentlich macht, dann reicht das." Subventionen seien eben immer auch missbrauchsanfällig.

Stolz sind die IT-Unternehmer auf den jungen Minister, der mit seiner hemdsärmeligen und lockeren Art so sehr zum Selbstverständnis der Szene passt, aber doch irgendwie. Beim gemeinsamen Gruppenbild am Regierungsflieger kurz vor der Abreise drängeln sich die Delegationsteilnehmer um die besten Plätze neben Rösler.

Kurz darauf wird das Gruppenfoto bereits in die sozialen Netzwerke verschickt. "Freunde fürs Leben", twittert einer. So etwas hat Rösler in seiner eigenen Partei wohl länger nicht mehr gehört.


Hier geht es zur Bilderstrecke: Philipp Rösler reist durch Israel

(brö)