Nach Festnahme von Uni-Professor: Rassismus-Debatte in den USA

Nach Festnahme von Uni-Professor : Rassismus-Debatte in den USA

(RP). Harvard, ein "aggressiver Bulle" und ein Plausch beim Bier – ein Streit in der Universitätsstadt Cambridge zeigt, wie schnell die Emotionen hochkochen, wie rasch Vorurteile die Runde machen, wie sehr Amerika noch immer an seinem rassistischen Erbe zu knabbern hat.

(RP). Harvard, ein "aggressiver Bulle" und ein Plausch beim Bier — ein Streit in der Universitätsstadt Cambridge zeigt, wie schnell die Emotionen hochkochen, wie rasch Vorurteile die Runde machen, wie sehr Amerika noch immer an seinem rassistischen Erbe zu knabbern hat.

Washington. Überm Bier mögen sich die Streithähne doch bitte vertragen. Barack Obama hat sie beide ins Weiße Haus eingeladen, den Harvard-Gelehrten Henry Louis Gates und den Polizisten James Crowley. Gates ist schwarz, Crowley weiß. Und dem Präsidenten geht es nicht um ein stilles Versöhnungstreffen. Nein, das ganze Land soll zusehen, wie sich die beiden die Hand reichen. Er hoffe auf Lerneffekte, sagt Obama.

Vorausgegangen war eine Geschichte, wie sie immer wieder passiert in Amerika. Zugetragen hat sie sich am 16. Juli, lange bevor sie Wellen schlug. Gates, an der Eliteuniversität Harvard der gefragteste Experte für afroamerikanische Geschichte, kehrt von einer Vortragsreise aus China zurück. Er kann die Tür seines Hauses nicht aufschließen, irgendwas klemmt. Also macht er sich am Schloss zu schaffen, sein Fahrer hilft ihm dabei.

Was Nachbarn sehen, sind laut Polizeibericht "zwei schwarze Männer mit Rucksäcken", offenbar drauf und dran, in eine Villa einzubrechen. Und das in einem lauschigen, wohlhabenden Viertel der netten Stadt Cambridge, Massachusetts.

Der alarmierte Sergeant, der in Windeseile erscheint, lässt nicht mit sich spaßen. Crowley ist ein Polizist, wie man ihn an jeder Ecke trifft in den USA. Einer, der Fragen knapp beantwortet haben und auf Belehrungen ein "Yes, Sir" hören will, keinen Widerspruch. Dem wollte sich der Professor offenbar nicht fügen. Nach langem Asien-Flug war er müde, gereizt und obendrein sauer, weil man ihn auf der eigenen Veranda behandelte wie einen potenziellen Verbrecher.

Was genau passierte, ist strittig. Gates sagt, er habe dem Sergeanten seinen Führerschein samt eingetragener Adresse gezeigt. Crowley sagt, der Akademiker sei laut geworden, er habe ihn als Rassisten und "aggressiven Bullen" beschimpft. Woraufhin er dem Aufmüpfigen Handschellen anlegte und ihn wegen Beamtenbeleidigung mitnahm auf sein Revier.

Hat Crowley überreagiert? Hätte er Gates genauso behandelt, wenn der weiß gewesen wäre? Daraus bezieht die Kontroverse ihre Brisanz, aus einer langen Geschichte von "racial profiling". So nennt man es, wenn die Polizei Autofahrer öfter anhält, Jugendliche öfter kontrolliert, wenn sie generell härter reagiert, nur weil es sich um Afroamerikaner handelt oder Latinos.

In den neunziger Jahren sorgten spektakuläre Fälle für Empörung, in der Erinnerung flackern sie sofort wieder auf: etwa die wilden Fausthiebe, die in Los Angeles auf Rodney King niederprasselten, oder die tödlichen Schüsse auf den unschuldigen Amadou Diallo in New York. Verprügelt und erschossen, weil sie Schwarze waren — die Entgleisungen lösten nicht nur Krawalle aus, sondern auch intensive Schulungen in den Wachstuben.

Im Jahr 2009 ist "racial profiling" zwar offiziell untersagt, wird aber inoffiziell nach wie vor praktiziert. In Los Angeles, ermittelte die Bürgerrechtsorganisation ACLU, stoppen Patrouillen Passanten mit dunkler Haut immer noch dreimal öfter als solche mit weißer. Ein privates Schwimmbad bei Philadelphia ließ die schwarzen Schüler eines Sommercamps nicht mehr herein, nachdem sich weiße Badegäste in ihrem Milieu eingeschränkt fühlten. Anfang Juli war das.

Man kann verstehen, warum Obama überaus deutliche Worte fand, als die Nachricht von der Festnahme des Harvard-Gelehrten die Runde machte. "Dumm" habe sich die Polizei in Cambridge verhalten, fand der Präsident. Als sich die Adressaten geschlossen gegen die Schelte verwahrten, räumte Obama einen Fehler ein. "Meine Wortwahl war unglücklich, ich hätte die Worte anders abwägen sollen." Nur mache das ganze Kapitel eben auch deutlich, was für ein "aufwühlendes Thema" die Rassenbeziehungen in Amerika immer noch seien. Vielleicht solle man gründlicher zuhören, als gleich in Getöse zu verfallen, schlug der Präsident vor.

Die Einladung zum Bier soll genau dies bewirken. Während Crowleys Antwort noch aussteht, hat Gates bereits zugesagt. Er hoffe, das Gespräch im Weißen Haus könne bei Polizei und Justiz mehr Gerechtigkeit garantieren. "Am Ende geht es ja überhaupt nicht um mich."

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