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Tortur im Irak: Quälendes Warten - wie Geiseln leiden

Tortur im Irak : Quälendes Warten - wie Geiseln leiden

Berlin (rpo). Bereits seit elf Wochen sind die beiden deutschen Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitschke in der Gewalt von Geiselnehmern im Irak. Eine quälend lang Zeitspanne für die Entführten und ihre Angehörigen. Doch häufig zieht sich die Tortur noch deutlich länger hin: Nicht selten dauern Geiselnahmen sogar Jahre.

Die vorangegangene Kidnappingfälle der Archäologin Susanne Osthoff im Irak und der Diplomatenfamilie Chrobog im Jemen hatten wegen ihre Kürze schon den Eindruck vermittelt, das Auswärtige Amt könne Freilassungen innerhalb weniger Tage oder Wochen herbeizaubern.

Es gibt in der Tat zahlreiche Entführungen Deutscher etwa im Jemen, in Lateinamerika oder in Ostasien, die sich relativ schnell klärten. Aber häufig zieht sich die Geiselhaft lange hin und das Schicksal der Betroffenen bleibt ungewiss.

Am Ende stehen zermürbte Angehörige, traumatisierte Betroffene sowie oft hohe Geldausgaben und seit dem Krieg im Irak immer öfter so genannte Hinrichtungen. Deutsche Geiseln im Irak waren von solchen Morden bisher nicht betroffen.

Bräunlich und Nitzschke gerieten am 24. Januar in der nordirakischen Stadt Beidschi in die Falle der Entführer, weil sie an falscher Stelle untergebracht waren. Ihr Arbeitgeber Peter Bienert von Cryotec hatte nach eigenen Angaben arrangiert, dass die beiden 20 Meter von ihrer Arbeitsstelle wohnen sollten. Warum sie tatsächlich einen Kilometer entfernt einquartiert wurden, blieb unklar. Die Strecke zum Arbeitsplatz reichte den Geiselnehmern für den Zugriff.

Politik des Schweigens

Der Krisenstab des Auswärtige Amt hatte lange keine Verbindung zu den Geiselnehmern und verhängte schließlich eine Politik des völligen Schweigens. Ziel war es, das Schicksal der beiden Techniker durch Sensationsmeldungen in den Medien nicht zu gefährden.

Um die Angehörigen kümmerten sich Profis und auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier persönlich.

Susanne Osthoff wurde am 25. November 2005 zusammen mit ihrem Fahrer im Irak entführt. Knapp einen Monat später wurde die 43-Jährige am 18. Dezember in Bagdad wieder freigelassen. Nach unbestätigten Berichten floss Lösegeld.

Glimpflich ging auch die Gefangensetzung des früheren Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Jürgen Chrobog, ab, der zusammen mit seiner Familie am 28. Dezember im Jemen als Geisel genommen wurde. Bereits am 31. Dezember kommen alle wieder frei. Chrobog erklärte sich bereit, den auf entfallen Kostenanteil für seine Befreiung zu bezahlen.

Streit ums Geld

Diese Bereitschaft gibt es nicht immer. Vor dem Verwaltungsgericht Berlin verlor das Auswärtige Amt vergangene Woche einen Rechtsstreit mit der Ex-Geisel Reinhilt Weigel. Sie muss laut Urteil eine Rechnung für ihre Befreiung aus kolumbianischer Gefangennahme 2003 über 12.500 Euro nicht bezahlen.

Am 23. Februar 2003 und danach verschwanden 32 Touristen auf Sahara-Tour in Algerien, darunter 16 Deutsche. Erst rund ein halbes Jahr später kamen sie wieder frei, eine 45-jährige Deutsche überlebt die Strapazen nicht. Bis zu fünf Monaten waren 21 Geiseln in Haft, darunter die deutsche Familie Wallert, die am 23. April 2000 von einem Kommando der Rebellengruppe Abu Sayyaf von Malaysia aus verschleppt wurde.

Der Hoechst-Manager Rudolf Cordes, der zusammen mit anderen am 17. Januar 1987 in Beirut gefangen wird, kam erst nach 605 Tagen wieder frei. Nach 1.127 Tagen endete für die Deutschen Heinrich Strübing und Petra Schnitzler die Geiselhaft im Libanon. Erst am Mittwoch berichtete Steinmeier über die glückliche Freilassung von Lothar Hintze, der fünf Jahre Geisel in Kolumbien war.

Sieben Jahre in Geiselhaft

Die längste Tortur dieser Art überlebte der ehemalige AP-Korrespondent in Beirut, Terry Anderson. Der Amerikaner wurde fast sieben Jahre von der radikalislamischen Hisbollah mit verbundenen Augen in Ketten gehalten. Im Dezember 1991 kam er nach 2.454 Tagen frei.

Gezielte Geiselmorde begannen in den 90-er Jahren. So ist der Verbleib des Erfurter Studenten Dirk Hasert offen, der am 4. Juli 1995 in Kaschmir entführt wurde. Ein mitgefangener Norweger wurde einen Monat später von den Kidnappern enthauptet.

405.000 Dollar zahlte die Familie des deutschen Pharmamanagers Christoph Voigt für dessen Freilassung in Guatemala. Nach weniger als einem Monat Gefangenschaft wurde jedoch am 31. Mai 2001 seine Leiche gefunden.

Per Video dokumentierte Morde

Per Video dokumentierte Geiselmorde gibt es erst seit dem Irak-Krieg, besonders an Amerikanern und Briten durch die Terrorgruppe um Abu Mussab al Sarkawi: Die Serie begann 2002 mit dem US-Journalisten Daniel Pearl, der vor laufender Kamera enthauptet wurde.

Auch der Mord an Nick Berg am 11. Mai 2004 wurde gefilmt und als "Schockvideo" ins Internet gestellt. Die Amerikaner Eugen Armstrong und Jack Hensley kamen auf diese Weise am 20. und 21. September 2004 ums Leben, während der mitgefangene Brite Kenneth Bigley am 18. Oktober umgebracht wurde.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Entführt im Irak - Bilder aus Leipzig

(ap)