Nervöser Kreml Putins Angst vor Nawalnys Leichnam

Meinung | Moskau · Erst hielt Putins Regime den Leichnam des Kremlgegners zurück, nun fürchtet es eine Beerdigung, die Proteste gegen den Kreml auslösen könnte. Etwas Entscheidendes ist damit schon passiert.

Dorothee Krings
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 Gefährliche Anteilnahme: Frauen legen an der Gedenkstätte für die Opfer politischer Repression in St. Petersburg Blumen für Nawalny nieder.

Gefährliche Anteilnahme: Frauen legen an der Gedenkstätte für die Opfer politischer Repression in St. Petersburg Blumen für Nawalny nieder.

Foto: dpa/Dmitri Lovetsky

Zurückhalten, vertuschen, warten lassen. Das waren bisher effektive Strategien, mit denen das Putin-Regime seine Gegner abfertigt. Die Ohnmacht der Bürger soll die Macht des Staates spiegeln. Doch bei Nawalny ist alles anders. Dass der Kreml den Leichnam des im Straflager zu Tode gekommenen Regimegegners Tage zurückhielt, war schon kein Zeichen obrigkeitlicher Stärke mehr, sondern der Defensive. Welche Gift- oder Gewaltspuren mussten da vertuscht werden? Was war so lange zu untersuchen, wenn der politische Gefangene doch angeblich eines natürlichen Todes gestorben war? Das Verhalten des Kremls hat solche Fragen provoziert. Auch wenn sie in Russland nicht öffentlich gestellt werden, stehen sie im Raum. Und das ist auch deswegen so, weil Nawalnys Mutter eben nicht ängstlich darauf gewartet hat, bis die Obrigkeit ihr den Leichnam ihres gestorbenen Sohns überstellen würde, sondern weil sie einleuchtende Forderungen öffentlich gestellt und vehement wiederholt hat. Weil sie in Erscheinung getreten ist vor Ort. Als Mutter. Als Unerschrockene. Zudem hat Nawalnys Witwe Putin in einem neuen Video an einer empfindlichen Stelle getroffen, als sie ihn der religiösen Heuchlerei bezichtigt. Seinem Gegner ein christlich-orthodoxes Begräbnis zu versagen, sei dämonisch.

Nun hat Russland den Leichnam übergeben, will die Mutter aber nach deren Aussage zwingen, Nawalny in aller Stille zu beerdigen. Obwohl das Regime seit dem Tod des Kremlkritikers jeden Anflug öffentlicher Trauer und Anteilnahme unterdrückt, Menschen festnimmt, scheint es zu fürchten, dass aus einer öffentlichen, nach traditionellen Riten begangenen Beerdigung Protestkundgebungen werden könnten. Das liegt nahe, weil es bei einer Beisetzung nun mal um ein Vermächtnis geht, darum, was Menschen dem Verstorbenen schuldig zu sein glauben. Und weil sich normalerweise Angriffe auf Trauergemeinden verbieten, da sie eine Aura der Würde und Unantastbarkeit umgibt. Natürlich fürchtet der Kreml all das. Er soll darum damit gedroht haben, Nawalny innerhalb des Straflagers zu beerdigen, in dem er umgekommen ist. Ob die Familie Nawalny Zugeständnisse machen musste, um den Leichnam nun nach Tagen doch zu bekommen und ob sie sich daran halten wird, wird sich zeigen. Eine Sprecherin der Familie schrieb jedenfalls auf der Plattform X, die Bestattung sei noch nicht erfolgt und es sei unklar, ob sie tatsächlich so stattfinden könne, wie die Angehörigen es wünschten. Eine Intervention der russischen Behörden sei nicht ausgeschlossen.

Eines aber ist schon jetzt geschehen: Es dürfte inzwischen auch innerhalb Russlands trotz aller Propaganda die Wahrnehmung geben, dass eben nicht alle geschlossen hinter Putin und seinem Krieg stehen, sondern, dass da etwas ist, dass die Familie Nawalny stark macht. Ein Widerstandsgeist, der sich auf die Hoffnung stützt, dass es Zustimmung für die Opposition im Land noch gibt. Unterdrückt, aber vielleicht breiter als gedacht.

Einer Familie die religiöse Beisetzung ihres Angehörigen unmöglich zu machen, verstößt gegen uralte Vorstellungen von Anstand, Menschlichkeit, Würde und lässt sich selbst mit totaler Propaganda nur schwer verkaufen. Das Regime offenbart Schwäche, weil es keine andere Sprache beherrscht als die der Unterdrückung – doch das taugt nicht im Angesicht von Tod und Trauer.

Alexej Nawalny: Bekanntester Krem-Kritiker ist tot
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Aus dem Leben von Alexej Nawalny

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Foto: dpa/Pavel Golovkin

Putin muss gerade etwas scheinbar Schwaches fürchten: die vage Ahnung, dass da noch etwas rumort im Land, dass es die Opposition jenseits der unterdrückten Öffentlichkeit weiter gibt und dass sie sich artikulieren könnte. Etwa, wenn Menschen einem Aufruf der Opposition folgen, und massenweise erst am letztenTag der Pseudo-Wahl Putins für eine weitere Amtszeit als Präsident, genau mittags zur Wahl gehen. Das zielt nicht nur auf ein verstecktes Zeichen des Protests nach außen. Es könnte auch nach innen etwas sichtbar machen, dass es vielleicht gibt: Widerstand von vielen.

(RP)
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