Kreml bombardiert Ukrainer mit Nazi-Szenarien: Putins Propaganda trägt Früchte

Kreml bombardiert Ukrainer mit Nazi-Szenarien : Putins Propaganda trägt Früchte

Die Medien spielen im Kampf um die Ukraine eine zentrale Rolle. Moskautreue Sender bedienen entschlossen die gesamte Nazi-Klaviatur. Die neue Regierung in Kiew kämpft gegen Windmühlen.

Ohne Zwischentöne kommentieren Medien und Behörden den Maidan und die neue Regierung in Kiew im Zusammenhang mit Faschismus und NS-Zeit. Das Dauerfeuer zeigt Wirkung. In der Bevölkerung im Osten wachsen die Ängste vor den neuen Herrschern in Kiew.

Dabei halten die wilden Thesen des Kreml-TV einer Überprüfung nur selten stand. So nennt Moskau das Lager, das die Ukraine in der Nähe zur russischen Grenze gerade bauen lässt, ein "faschistisches Konzentrationslager". Doch innerhalb des von Stacheldraht umgebenen Areals sieht es wenig bedrohlich aus: Es handelt sich um ein von der EU finanziertes Projekt zur Aufnahme von Asylbewerbern und illegal Eingewanderten, ähnlich vielen anderen solcher Camps in ganz Europa.

"Nazis", "Faschisten" und "Fritze"

Die Beschuldigung steht exemplarisch für die vom Kreml gesteuerte Propagandaoffensive, die Begriffe und Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg einsetzt, um gegen die Übergangsregierung der Ukraine Front zu machen.

"Nazis", "Faschisten" und "Fritze" sind einige der Begriffe, mit denen Russland die ukrainischen Behörden belegt. Wegen der in Russland bis heute mit dem Krieg verbundenen Emotionen ist diese Taktik effektiv.

Der sowjetische Sieg über Hitler eint die Nation. Indem sie mit ihrem Vokabular die Erinnerungen an Nazideutschland wachrufen, stützen die loyal zu Präsident Wladimir Putin stehenden Medien dessen aggressive Haltung gegenüber der Ukraine, sowohl unter den Russen als auch unter der russisch sprechenden Bevölkerung im Osten der Ukraine.

Reflexartig beschuldigen Medien den "rechten Sektor"

Die Propagandaschlacht begann während der monatelangen prowestlichen Proteste, die im Februar zur Absetzung des prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch führten. Russische Staatsmedien beschrieben die Proteste als Werk ukrainischer Neonazis. Ein besonders schwerwiegender Vorwurf, denn ukrainische Nationalisten, die seinerzeit mit den Nazis kollaborierten, werden für besonders grausame Racheakte im Zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht.

An den Protesten auf dem Maidan waren tatsächlich Ultranationalisten des sogenannten Rechten Sektors beteiligt, doch scheint ihr Einfluss deutlich geringer als von den russischen Medien dargestellt.

Auch Putin selbst nutzte den Begriff "Nazis" als Beschreibung der Demonstranten in der Ukraine. Im April warnte er in seiner jährlichen Bürgersprechstunde, in der Ukraine sei der "Neonazismus im Aufstieg begriffen". Der Kreml spricht damit die Emotionen von Millionen Russen an. "Das Einzige, was die Nation wirklich eint, ist der Mythos des Zweiten Weltkriegs und die Vorstellung des Siegs", sagt der Politologe Dmitri Oreschkin.

"Es wird Zellen für jeden geben"

Der TV-Journalist Arkadi Mamontow, der bereits die Medienkampagne gegen die Punkband Pussy Riot anführte, zeigte in seiner Sendung Aufnahmen des Lagers Schdaniwka 40 Kilometer östlich der ukrainischen Stadt Donezk. Er erklärte, die Ukraine baue "faschistische Konzentrationslager" für prorussische Aktivisten, die in Städten im Osten des Landes demonstrierten. "Es wird genügend Zellen für jeden geben", erklärte Mamontow, während er am Stacheldrahtzaun entlang ging. Beweise präsentierte er nicht.

Reporter der Nachrichtenagentur AP konnten das Gelände während eines nicht angekündigten Besuchs eingehend besichtigen und entdeckten nichts, was darauf hingedeutet hätte, dass es sich nicht um ein reguläres Flüchtlingslager handelt. Mehrere Reihen Baracken für jeweils 100 Menschen befanden sich im Bau, ohne vergitterte Fenster oder Wachtürme.

"Wir bauen hier kein Auschwitz", sagt Wolodimir Paschtschenko, ein ukrainischer Mitarbeiter der türkischen Baufirma. "Dies ist kein Gefängnis. Das ist ein Zentrum, das Menschen eine normale Unterkunft bietet, die nach Europa geflohen sind oder die irgendwie illegal in die Ukraine gelangt sind." Die Firma habe den Auftrag zum Bau des Lagers für Einwanderer bereits 2010 erhalten, die EU finanziere das Projekt.

Obama mit Hitlerbärtchen

Der antiukrainischen Stimmungsmache aus Russland liegt eine dunkle Geschichte zugrunde. Als NS-Truppen 1941 in die Ukraine einmarschierten, heuerten sie Einheimische an, um für sie und gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Diese nationalistischen ukrainischen Brigaden betrachteten sich selbst als Patrioten, die für die Unabhängigkeit kämpften. Doch im Dienst der Nazis beteiligten sich einige von ihnen an Kriegsverbrechen. Nach Kriegsende 1945 kämpften Banden ukrainischer Nationalisten in den Wäldern weiter gegen die sowjetische Wiederbesetzung der Ukraine. Um das Jahr 1948 wurden sie besiegt.

Prorussische Aufständische im Osten der Ukraine lassen sich in ihrer Rhetorik vom Kreml inspirieren. Vor dem besetzten Regierungssitz in Donezk flattern Banner mit der Aufschrift "Nein zum Faschismus", Lieder aus der Zeit des Kriegs ertönen aus Lautsprechern. Im Inneren des Gebäudes zeigt ein Plakat US-Präsident Barack Obama mit Hitlerbärtchen und den blonden Zöpfen der früheren ukrainischen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko.

Gerüchte über durchgeschnittene Kehlen

Unheil verkündende Gerüchte machen die Runde, seit Russland die ukrainische Regierung als faschistisch bezeichnet. Eines davon besagt, dass die Regierung in Kiew einen Plan ausgearbeitet habe, russischsprachige Bewohner im Osten des Landes auszurotten. Die Gerüchte stützen Putins Argument, dass Moskau die russische Bevölkerung der Ukraine schützen müsse.

"Sie haben schon alles geplant", sagt der frühere Minenarbeiter Wolodimir Tschernenko. "In den sozialen Netzwerken sagen sie, dass ein Partisanenkrieg geführt werden soll, und sie führen die Namen derjenigen auf, deren Kehlen durchgeschnitten werden sollen und die in die Luft gejagt werden sollen."

Und auch die russischen Behörden greifen die Weltkriegsrhetorik der Medien auf. Das Außenministerium zitierte den Bericht des Journalisten Mamontow über Konzentrationslager in einer Erklärung und stellte selbst die Frage: "Wird das Regime in Kiew unzufriedene Bürger aus dem Südosten des Landes dort hineinwerfen?"

(ap)
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