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Psychografie im Fokus: Der gläserne Wähler bringt den Sieg

Psychografie im Fokus : Der gläserne Wähler bringt den Sieg

Die Liste der Gewinner und Verlierer der amerikanischen Präsidentschaftswahl muss um einen besonders wichtigen Punkt ergänzt werden. Der Sieger heißt… - Psychografie. Aber Steckerziehen allein reicht nicht als Reaktion auf die Datenerhebungen.

Die gute alte Psychologie mit ihren Erkenntnissen, wie eine individuelle Persönlichkeit strukturiert ist, liefert in der Ergänzung um die Auswertung von Millionen von Daten den Schlüssel, wie sich Wahlverhalten steuern lässt. Die Grundprinzipien sind zwar auch in Deutschland längt bekannt: Gebt den Arbeitslosen Beschäftigungschancen, den Radfahrern Radwege, den Kernkraftgegnern den Atomausstieg. Doch was die Psychografie und ihre konsequente Anwendung in wichtigen US-Bundesstaaten nun geliefert hat, ist der unerwartete Wahlsieg des Außenseiters Donald Trump. Er erreichte Unentschlossene mit individuellen, auf ihr Verhaltensmuster ausgerichtete Botschaften und brachte sie zur Wahl.

Verwundern kann es nicht, dass ein Milliardär aus der Wirtschaft das in seinen Wahlkampf einbaut, was die Wirtschaft längst einsetzt. Zu besichtigen ist es auch in Deutschland. Wer im Netz nach einem Flug nach Lissabon sucht, wundert sich kaum noch, dass er in den folgenden Tagen beim Surfen vor allem mit Anzeigen für Flüge nach Lissabon versorgt wird. So wie sich die Internet-Werbewirtschaft längst den Algorithmus zum erwarteten Konsumverhalten gesichert hat, lassen sich mit ungleich größerem, aber inzwischen leistbarem Aufwand das wahrscheinliche Wahlverhalten und die vorherrschenden Orientierungen jedes Einzelnen ermitteln. Fehlende Informationsbruchstücke können bei professionellen Datensammlern dazugekauft werden. In dem einen Land einfacher, in dem anderen komplizierter. Die USA sind in dieser Hinsicht ein Land der unbegrenzten Datenverfügbarkeit.

Damit war es nur eine Frage der Zeit, wann die Politik den gläsernen Wähler entdeckt. Demoskopen lieferten auch in Deutschland schon seit Jahrzehnten detaillierte Typenbeschreibungen und Angaben darüber, wer durch welche Argumente überzeugt werden kann. Hinzu kommt nun, dass diese Wählertypen nicht mehr anonym im Verborgenen leben, sondern durch Algorithmen individuell ansprechbar werden. Das ist zwar eine Revolution für den Wahlkampfstil, in dieser Hinsicht jedoch lediglich zunächst nur eine Verfeinerung der Instrumente.

Ein Einfallstor für Demagogen und Manipulatoren

Deutlich verhängnisvoller wird die Entwicklung, wenn die Missbrauchsmöglichkeiten in den Blick geraten. Bislang konnten im Wahlkampf auf großer Bühne Lügen und Falschdarstellungen durch Entlarvung und Aufklärung pariert werden. Was nun in den elektronischen Postfächern und geschlossenen Internet-Foren der einzelnen Wähler behauptet, unterstützt und emotionalisiert wird, bleibt für den großen Wahlkampf unsichtbar. Es ist das Einfallstor für Demagogen und Manipulatoren, die auch im Interesse anderer Staaten und Bestandteil eines Informationskrieges handeln. Dass Bundesinnenminister Thomas de Maizière jüngst die Forderung erhob, dass hinter jeder Meinung ein Mensch stehen müsse, kommt nicht von ungefähr: so genannte social bots, das sind computergenerierte künstliche Adressaten, können eine Zustimmungs- oder Ablehnungswelle suggerieren, ohne dass dem einzelnen Bürger klar wird, wie er hier bei seiner Meinungsbildung betrogen wird.

Steckerziehen, offline gehen, das sind beliebte Reaktionen von Intellektuellen. Sie greifen zu kurz. Aber auch online sind treffende Antworten schwer zu finden. Nötig ist eine neue gründliche Durchdringung der Gefahren für die Demokratie durch die Möglichkeiten aus dem Cyberraum. Das ist nicht mit einem Kongress getan. Dazu braucht es regelmäßige parlamentarische Untersuchungen, intensive Forschungen — und vor allem die Sensibilisierung der Bevölkerung.

(may-)