Proteste im Iran: Was hinter den Demonstrationen steckt

Iranischer Flüchtling erklärt die Proteste: "Wie ein Funke in einem Schießpulverlager"

2009 demonstrierte Davood A. gegen die iranischen Machthaber in Teheran, mittlerweile hat er Asyl in Deutschland. Wegen der Demonstrationen gegen die iranischen Machthaber macht er sich Sorgen um seine Familie.

Wenn Davood A. (Name von der Redaktion geändert) gefragt wird, was er sich für seine Heimat wünscht, sagt er: "Eine demokratische Regierung, die Religion von Politik trennt."

A. hat als Illustrator im Iran gearbeitet. Er hat 2009 die "Grüne Revolution" unterstützt. Damals demonstrierten Tausende in der iranischen Hauptstadt Teheran gegen die Wahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Der 36-Jährige hat mehrere Jahre im Untergrund gelebt, um sich vor dem Regime zu verbergen. Schließlich gelang ihm 2015 die Flucht nach Europa. Deswegen möchte Davood seinen echten Namen nicht preisgeben. Seine Mutter, sein Bruder und seine Schwester leben im Iran. An seine Rückkehr ist derzeit nicht zu denken. Das wäre zu gefährlich, sagt er.

Von demokratischen Verhältnissen ist der Iran nach westlichen Maßstäben weit entfernt. Seit der vergangenen Woche demonstrieren in vielen Provinzstädten tausende Gegner des iranischen Regimes. An den Protesten haben sich nach Angaben des iranischen Innenministers etwa 42.000 Menschen beteiligt. Das sei nicht viel. Das klingt wie der Versuch, die Demonstrationen kleinzureden. Doch seit der vergangenen Woche sind mindestens 20 Menschen bei den Unruhen gestorben.

Vor gut einer Woche begannen die Proteste in der Provinzstadt Maschhad. "Die Proteste wurden von einem konservativen Regierungskleriker organisiert", sagt Davood A.. Kenner der politischen Situation im Iran berichten, dass sich diese ersten Proteste gegen die liberalere Politik von Präsident Hassan Ruhani gerichtet haben. "Aber dann haben auch viele gewöhnliche Menschen daran teilgenommen, die sauer über ihre Situation sind. Es war wie ein Funke in einem Schießpulverlager", sagt Davood A.. "Die Menschen haben gegen die schlechte wirtschaftliche Lage demonstriert. Dann kamen politische Gruppen hinzu, die fordern, das gesamte islamische System zu stürzen."

A. hält wenig von Ruhani, der für seine moderate Politik bekannt ist. Ruhani hat sich seit 2013 darum bemüht, die Kontakte zum Westen zu verbessern, was ihm in Teilen auch gelungen ist. Er hat erreicht, dass die wirtschaftlichen Sanktionen gegen den Iran gelockert wurden. Doch an der Wirtschaftskrise hat sich seither nichts geändert. "Er hat seine Wahlversprechen nicht erfüllt", sagt Davood A.. Beispielsweise stehe der Führer der "Grünen Revolution", Mir Hossein Moussavi, weiterhin unter Hausarrest. Und wirtschaftlich gehe es den Menschen schlecht. Auch A.s Familie hat finanzielle Probleme. Er würde seiner Mutter gerne Geld überweisen, doch er hat hier noch keinen festen Job als Illustrator gefunden.

Die Informationen über die Demonstrationen fließen spärlich. Eine unabhängige Berichterstattung ist im Iran nicht möglich. Mittlerweile sind die Proteste gegen das Regime wieder abgeebbt. Das melden politische Beobachter. Stattdessen mobilisiert das Regime seine Anhänger, die ihre Unterstützung in Gegendemonstrationen zeigen. Auch am Freitag plant die Regierung Demonstrationen gegen Regimekritiker nach dem Freitagsgebet.

Extreme Unterdrückung bewirke den Rückgang der Proteste. Überall seien paramilitärische Revolutionsgarden, Polizei und Armee präsent. Das jedenfalls berichtet A.s Familie im Iran. Die Kommunikation mit der Familie ist schwierig. Das Regime hat Nachrichtendienste wie Telegram gesperrt, auch soziale Netzwerke wie Instagram kann er derzeit nicht nutzen. Außerdem ist die Internet-Geschwindigkeit im Iran gedrosselt.

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A. macht sich Sorgen um seine Geschwister. Denn beide haben an einer Demonstration teilgenommen, erzählt er. Mehr möchte er dazu nicht sagen. Seine Familie wird vom Regime beobachtet - weil er als politisch abtrünnig gilt. Er befürchtet, dass seine Geschwister ähnliches erleben könnten wie er 2009.

Davood A. hat damals nach der Präsidentschaftswahl an den regierungskritischen Demonstrationen teilgenommen und wurde danach verfolgt. (Seine Geschichte hat er für die RP 2016 aufgezeichnet.) Aber die aktuellen Demonstrationen seien anders als die von 2009, meint A.. "Die Demonstranten fordern den Sturz des gesamten Systems", sagt er. "2009 richteten sich die Proteste wegen der Wahlfälschungen gegen die politische Elite und die Regierung."

Foto: schnettler

Viele junge Leute, auch einige seiner Freunde, äußerten sich nun positiv über die Pahlevi-Monarchie und den Thronfolger Reza Pahlevi, der im Exil lebt. Die Pahlevi-Familie ist die letzte Herrscherdynastie des Iran vor der Islamischen Revolution 1979, als der Schah das Land verlassen musste und die Mullahs die Herrschaft übernahmen. Davood A. kann sich eine parlamentarische Monarchie als Staatsform für den Iran vorstellen. "Ein König, der sich nicht in die Regierung einmischt wie in Schweden oder Großbritannien, wäre gut für Iran."

Im Augenblick hat er wenig Hoffnung, dass die Proteste so stark werden, dass sie das Regime gefährden. "Iran ist ein reiches, zivilisiertes und schönes Land. Der Iran wurde in den Händen des Ajatollahs zerstört. Er muss gestürzt werden. Die Welt sollte dem iranischen Volk helfen", sagt er. "Da das korrupte System die Forderungen der Bürger nicht mehr erfüllt, werden sich neue Proteste bilden."

Darauf hofft Davood A.. Denn dann wäre es ihm möglich, in seine Heimat zurückzukehren. Er hat großes Heimweh.

Foto: Davood A.

>>> Hier hat Davood A. 2016 seine Flucht-Geschichte für die RP aufgezeichnet.

(heif)