Opposition um Vitali Klitschko gibt nicht auf: Proteste erfassen immer mehr Landesteile in der Ukraine

Opposition um Vitali Klitschko gibt nicht auf : Proteste erfassen immer mehr Landesteile in der Ukraine

Das Angebot von Präsident Janukowitsch, sich an der Regierung zu beteiligen, reicht der Opposition nicht aus. Sie setzt die Proteste fort, die immer mehr Landesteile erfassen.

Mitten in der politischen Krise und der aufgeheizten Stimmung in der Ukraine haben Regierungsgegner am Sonntag einen Moment innegehalten, um eines erschossenen Demonstranten zu gedenken.

Die Leiche des 25-Jährigen wurde durch das Zentrum von Kiew zum Unabhängigkeitsplatz getragen. In der Nacht zuvor war es in der Hauptstadt abermals zu schweren Ausschreitungen gekommen. Präsident Viktor Janukowitsch hatte der Opposition überraschend die Führung der Regierung angetragen, was diese aber vorerst ausschlug.

Für die Trauerfeier zum Gedenken an den jungen Weißrussen Michail Schisnewski - eines von drei Todesopfern einer Demonstration am Mittwoch - hatte die Opposition eine geplante Massenkundgebung kurzfristig abgesagt.

Dennoch kamen Tausende Ukrainer ins Zentrum von Kiew. Als der Sarg durch die Straßen getragen wurde, sangen die Demonstranten die Nationalhymne und riefen "Held!". In der Menge waren auch Schreie wie "Janukowitsch ist ein Mörder" und "Nieder mit den Kriminellen" zu hören. Durch wen die Demonstranten zu Tode kamen, ist umstritten.

Gepanntes Warten auf Dienstag

Die seit zwei Monaten währenden Proteste der Regierungsgegner weiteten sich am Sonntag auf den Osten des Landes aus, wo viele Unterstützer von Janukowitsch leben. In Dnjepropetrowsk, 390 Kilometer südöstlich von Kiew am Fluss Dnjepr gelegen, versuchten mehrere hundert Demonstranten, ein Gebäude der örtlichen Verwaltung zu stürmen. Die Polizei drängte sie nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax mit Wasserwerfern zurück. Im Westen der Ukraine werden bereits seit Tagen aus Protest Regierungsgebäude besetzt gehalten.

Die Opposition wartet gespannt auf den Dienstag, an dem das Parlament auf Order von Janukowitsch zu einer Sondersitzung zusammenkommt. Möglicherweise wird er als weitere Geste in Richtung der Demonstranten die Regierung umbilden und die erst kürzlich verabschiedeten Anti-Demonstrationsgesetze lockern.

Mit seinem plötzlichen Angebot, die Oppositionführer Arsenij Jazenjuk und Vitali Klitschko an die Spitze der Regierung zu berufen, drang Janukowitsch aber zunächst nicht durch. Beobachter werteten es als vergiftetes Geschenk: Würde Jazenjuk unter Janukowitsch Regierungschef, wäre er in Augen der Demonstranten womöglich ein Verräter, sträubt er sich aber, könnte man ihm eine Blockadehaltung vorhalten.

Jazenjuk reagierte deshalb zwiespältig auf Janukowitschs Ansinnen: Die Opposition sei grundsätzlich zur Führung der Regierung bereit, doch müssten davor Schlüsselforderungen erfüllt werden, unter anderem der Rücktritt von Janukowitsch. Die Opposition glaube der Regierung kein Wort, solange sie keine Aktionen oder Resultate sähen. Den Dienstag bezeichnete er als den "Jüngsten Tag".

Die Opposition verlange ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union und die Freilassung politischer Gefangener, darunter die frühere Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Zudem pochen die Regierungsgegner weiter auf Neuwahlen. In diesem Punkt werde man nicht nachgeben, erklärte Protestführer Klitschko.

Gebäude gestürmt

Unmittelbar nach dem Angebot von Janukowitsch wurde Kiew von neuer Gewalt erschüttert. Demonstranten stürmten Samstagabend eine Konferenzhalle, in der sich bis zu 200 Polizisten aufhielten. In der Folge kam es zu schweren Ausschreitungen. Die Polizei antwortete mit dem Einsatz von Tränengas. Schließlich wurde ein Korridor gebildet, und die Polizei konnte das Gebäude verlassen.

Anlass der seit November anhaltenden Massenproteste gegen die Regierung war zunächst die Abkehr Janukowitschs von einem bereits ausgehandelten EU-Assoziierungsabkommen. Doch richtete sich der Widerstand rasch allgemein gegen seine Regierung. In der Zwischenzeit erhielt Janukowitsch die Zusage für Milliardenkredite von Russland.

(ap)
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