Pressestimmen zu Macrons Wahl: "Europa ist nur vorübergehend gerettet"

Pressestimmen zu Macrons Wahl : "Europa ist nur vorübergehend gerettet"

Nach dem Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich atmen viele Kommentatoren auf. Gleichzeitig erinnern sie an die zehn Millionen Stimmen von Marine Le Pen und warnen: Die Probleme in Frankreich und Europa seien noch nicht gelöst. Eine Übersicht internationaler Pressestimmen.

Macrons Wahlsieg wird von Medien weltweit kommentiert. Er hatte die französische Präsidentenwahl am Sonntag deutlich gewonnen. Nach Auszählung aller Stimmen entfielen 66,1 Prozent auf Macron. Aber Marine Le Pen erreichte 33,9 Prozent, wie das französische Innenministerium am Montag im Internet bekanntgab. Damit stimmten etwa 10,6 Millionen Franzosen für die Rechtspopulistin. Deshalb warnen viele internationale Medien vor zu viel Euphorie.

  • Die linksliberale polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza"

"(...) In dem wichtigsten Krieg des 21. Jahrhunderts, der auf dem europäischen Kontinent geführt wird, hat die Demokratie im Fall Frankreichs eine unerwartete Lebenskraft gezeigt. (...) Die Wahl der Franzosen bedeutet noch nicht den Sieg dieses europäischen Krieges. Es ist erst ein Anfang, aber er lässt hoffen. Viel hängt nun davon ab, was für ein fähiger und vertrauenswürdiger Präsident Macron sein wird. (...) Die nächste Schlacht sind die Parlamentswahlen im Juni. (...)"

  1. Die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera"

"Mit Macron im Élysée erwacht Frankreich noch europäischer und wehrt die populistische und euroskeptische Versuchung ab, trotzdem ist es krass, wenn man die hohe Zahl an Enthaltungen, ungültigen Stimmzetteln und das schließlich bedeutende Ergebnis von Marine Le Pen berücksichtigt. Die Umstände, unter denen der Sieg erreicht wurde, und das Bild eines geteilten Landes dämpfen allerdings nicht die große Hoffnung, dass Frankreich, mit Blick auf Europa, nicht länger Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein wird. (...)"

  1. Die australische Zeitung "Sydney Morning Herald"

"Die Niederlage für Frankreichs Anti-EU-Führerin Marine Le Pen fiel deutlicher aus als erwartet. Für die Rechtsaußen-Kräfte, die Europa umstürzen wollen, bedeutet dies einen vernichtenden Realitäts-Check: Trotz der Erfolge für den Brexit und für Donald Trump werden sie wahrscheinlich auf Jahre hinaus von der Macht abgeschnitten bleiben. Nach der November-Wahl (in den USA) hatte man das Gefühl, als ob eine populistische Anti-Flüchtlings-Welle über die westliche Welt hereinbrechen werde. Aber seither haben Westeuropas Wähler jedes Mal Mainstream-Kandidaten ins Amt gebracht. In Westeuropa gibt es einen klaren Trend: Die Wähler haben von ihren Spitzenpolitikern die Nase voll. Aber sie sind noch nicht bereit, der extremen Rechten Macht zu überlassen."

  1. Die liberale schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter"

"Le Pens reaktionäres und protektionistisches Modell führte zur Niederlage, was für die Gesundheit der Union notwendig war. Es war möglich, die populistische Welle zu stoppen. Offenheit und Toleranz haben zum Glück einen engstirnigen Nationalismus besiegt. Wie Macron Frankreichs Umstellung bewältigt, kann für die Zukunft der EU entscheidend sein. In fünf Jahren gibt es wieder eine Präsidentschaftswahl."

  1. Die katholische französische Zeitung "La Croix"

"Was auch immer passiert: Emmanuel Macron darf nie vergessen, dass er auf sehr gute und zugleich sehr schlechte Weise gewählt wurde. Auf sehr gute Weise, weil er eines der höchsten Wahlergebnisse in der Geschichte von Frankreichs Fünfter Republik erzielt hat. Auf sehr schlechte Weise, weil viele Bürger nicht aus Zustimmung für ihn gestimmt haben, sondern nur, weil sie die Bedrohung der Front National ausschließen wollten. (...) Für den neuen Staatschef ist es eine dringliche Aufgabe, Antworten auf das soziale Leid zu finden."

  1. Die linksgerichtete Pariser Tageszeitung "Libération"

"In der letzten Schlacht hat die Republik gewonnen. Frankreich wurde von einer Partei der Intoleranz erschüttert, gespalten und durcheinandergebracht, einer Partei, die in den Wahlabsichten stellenweise auf bis zu 42 Prozent gekommen war. Aber Frankreich hat den Ausländerfeinden — selbst wenn sie stark, bedrohlich und aktiv bleiben — gezeigt, dass es sie nicht will. (...) Die größte Herausforderung des neuen Präsidenten: Nach und nach den Graben zu schließen, der das glückliche Frankreich vom wütenden Frankreich trennt; das Frankreich, dem es gut geht, und vom abgehängten Frankreich."

  1. Die national-konservative lettische Tageszeitung "Latvijas Avize"