Prager Frühling: Wie ein Fotograf Zeuge des Einmarschs wurde

Fotograf der Rheinischen Post : Wie Volker Krämer das Ende des „Prager Frühlings“ erlebte

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 beenden die Truppen des Warschauer Pakts den „Prager Frühling“. Volker Krämer, damals Fotograf der Rheinischen Post, erlebte die dramatischen Stunden zufällig mit. Zum 50. Jahrestag zeigen wir noch einmal seine historischen Aufnahmen.

Am Grenzübergang Waidhaus trägt der Zollbeamte Trauerflor. „Als ich ihm die Extrablätter der Prager Zeitungen zeige, bricht er in Tränen aus.“ So notiert es Volker Krämer in seinem Bericht, der am 24. August 1968 in der Rheinischen Post erscheint. Wie der Grenzer steht damals ein ganzes Land unter Schock, denn nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts endet in der Tschechoslowakei ein Reformprozess, der als „Prager Frühling“ begonnen hatte. Nun werden Demokratie- und Freiheitsbestrebungen zu Grabe getragen.

„Die Russen sind da“, titelte unsere Zeitung an jenem Samstag auf ihren Sonderseiten, vier Nächte und drei Tage waren seit dem Einmarsch in der Tschechoslowakei vergangen. Nur wenige Bilder aus den nunmehr besetzten Gebieten waren seitdem veröffentlicht worden, plötzlich aber lagen Aufnahmen vor: Volker Krämer, Fotograf der Rheinischen Post, hatte sie in jenen Schicksalsstunden in Prag gemacht, als sich die Besatzer am Abend des 20. August zunächst mit Flugzeugen ankündigten, den Flughafen besetzten und schließlich das gesamte Land. Als am nächsten Morgen die Panzer auf dem Wenzelsplatz Stellung bezogen, als die Menschen sich den Schwerbewaffneten in den Weg stellten, auf die Panzer kletterten, Militärkolonnen aufhielten, drückte Krämer auf den Auslöser.

Berührend sind diese Bilder bis heute, weil die vornehmlich jungen Leute darauf ihr Innerstes nach außen zu kehren scheinen. Krämer, damals erst 25 Jahre alt, dokumentierte nicht bloß Truppenaufgebot und Zerstörungsgewalt, er zeigte, was das mit den Menschen machte. Trauer, Wut und Trotz beherrschten jene Gefühlswelten, durch die der Fotograf an diesem Tag schritt. Es war der 21. August in Prag, „der Mittwoch grau und trist“, schrieb er.

Volker Krämer war zufällig in den Umsturz geraten, er war zu Besuch bei Verwandten. Er war eine Woche zuvor gemeinsam mit seiner Mutter ins Land gekommen und wie Tschechen und Slowaken von den Truppen des Warschauer Pakts überrascht worden. Heute – 50 Jahre später – weiß man, dass die Entscheidung zum Einmarsch bereits Mitte Juli gefallen war, dass die Sowjetunion und ihre Verbündeten sich längst einig waren, dem dortigen Demokratisierungsprozess ein Ende zu setzen.

Der Einmarsch erfolgte aus Angst. Seit Anfang 1968 sahen die Führer in Moskau und den kremltreuen Nachbarstaaten mit wachsender Nervosität den Umwälzungen in der Tschechoslowakei zu. Alexander Dubcek hatte dort am 5. Januar 1968 den Posten als Erster Sekretär der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei von Antonín Novotny übernommen, und bald wurde deutlich, dass da nicht ein Apparatschik den anderen ersetzte, sondern ein ganzes System infrage gestellt wurde. Wirtschafts- und Sozialreformen brachte die neue Führung auf den Weg, bald erweiterte sie die Re­de-, Reise- und Versammlungsfreiheit. Auch die Pressezensur hoben Dubceks Leute auf, die von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ träumten. Freie Fernseh- und Radioprogramme gingen auf Sendung. Kunst und Wissenschaft trieben neue Blüten.

Es waren dann die Eliten der DDR-Einheitspartei SED, die ihre Ostblock-Partner als Erste vor einer „Konterrevolution“ in der benachbarten Tschechoslowakei warnten und die Staatssicherheit sogleich Dossiers über die Prager Reformer anlegen ließen. Am Einmarsch aber beteiligte sich die Nationale Volksarmee der DDR nicht. Das sowjetische Militärbündnis wollte keine Erinnerungen an die NS-Zeit wecken. Lieber keine deutschen Truppen mehr in Prag, entschied man.

Eine halbe Million Soldaten aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien rückten schließlich in die Tschechoslowakei ein. Sie wurden empfangen von einer Bevölkerung, die das gerade erst Errungene nicht aufgeben wollte. Mehr als 100 Menschen starben bei den Unruhen.

In Wort und Bild berichtete auch Volker Krämer von Toten und Verletzten; davon, wie Anwohner die Demonstranten von der Straße zogen. Krämer selbst wurde von der Druckwelle eines explodierenden Panzers erfasst und in einen Haus­eingang geschleudert, so erzählte er es später seinem Sohn Felix. Was in Prag geschehen war, das habe ihn ein Leben lang begleitet, sagt der Sohn heute über seinen Vater: „Es ist ein Ort, der für ihn von besonderer Bedeutung war.“

Volker Krämer, Jahrgang 1943, war nicht vorbereitet worden auf diesen Tag in Prag. „Er war blutjung“, sagt Felix Krämer. „Er spürte, dass sich dort Großes tat“, sagt der frühere RP-Fotograf Ulrich Horn. Ein Draufgänger sei sein Kollege indes nicht gewesen: „Er war ein guter, sensibler Fotograf.“ Zurück in Düsseldorf, entwickelten Krämer und Horn die Bilder, die schließlich in der Zeitung erscheinen sollten. Bloß zwei Filme hatte Krämer dabei, gedacht für Urlaubsfotos. Er hatte sie in den Socken versteckt aus der Tschechoslowakei geschmuggelt. So gerieten diese Bilder in die Welt.

Ein Jahr später ging Volker Krämer zum „Stern“ nach Hamburg, für das Magazin fotografierte er in den nächsten 30 Jahren Reportagen in Teheran, auf Kuba, aber auch beim evangelischen Kirchentag in Hannover. Helmut Kohl begleitete er 1983 auf dessen Japan-Reise und machte offenbar so viele Bilder, dass ihn der Kanzler mahnte: „Hören Sie doch auf zu fotografieren, ich bin doch kein Gorilla.“ Krämer sei ein „Spezialist für die Wirklichkeit“ gewesen, schrieb einmal sein Kollege Cornelius Meffert. „Was ihn interessiert hat, war das Leben“, sagt Felix Krämer. Aus Japan brachte Volker Krämer schließlich eine Aufnahme mit, die berühmt werden sollte. Sie zeigte den großen Kaiser Hirohito und den mächtigeren Kanzler Kohl nebst Gattin.

Einer der tschechischen Aufständischen wird von einem Mitkämpfer gestützt. Das Foto erschien am 24. August 1968 auf der Titelseite der Rheinischen Post. Foto: Krämer, Volker
Einer der tschechischen Aufständischen wird von einem Mitkämpfer gestützt. Das Foto erschien am 24. August 1968 auf der Titelseite der Rheinischen Post. Foto: Volker Krämer
Diskussionen mit den Besatzern, die die Pistole im Anschlag haben (r.). Foto: Krämer, Volker
Eine Lastwagenkolonne der Besatzungstruppen wird geplündert, Uniformstücke fliegen durch die Luft. Foto: Krämer, Volker
Ein Bild der Verwüstung bieten die Straßen der tschechoslowakischen Hauptstadt nach dem Einmarsch der Truppen aus den sozialistischen „Bruderländern“. Vielerorts versammeln sich Menschen; viele tragen Nationalflaggen. Foto: Krämer, Volker
Ein Bild der Verwüstung bieten die Straßen der tschechoslowakischen Hauptstadt nach dem Einmarsch der Truppen aus den sozialistischen „Bruderländern“. Vielerorts versammeln sich Menschen; viele tragen Nationalflaggen. Foto: Krämer, Volker
Ein Bild der Verwüstung bieten die Straßen der tschechoslowakischen Hauptstadt nach dem Einmarsch der Truppen aus den sozialistischen „Bruderländern“. Vielerorts versammeln sich Menschen; viele tragen Nationalflaggen. Foto: Krämer, Volker

Im Juni 1999 brach Volker Krämer noch einmal in ein Krisengebiet auf. Mit „Stern“-Reporter Gabriel Grüner sollte er über den Friedensprozess im Kosovo berichten. 40 Kilometer südlich von Pristina, nahe der Ort­schaft Dulje, wurden Krämer, Grüner und ihr Dolmetscher Senol Alit am 13. Juni erschossen. Volker Krämer wurde 56 Jahre alt.

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