Polen denkt um - Grüne Gedanken im Land der Kohle

Klimaschutz : Grüne Gedanken im Land der Kohle

Polen bezieht 80 Prozent seiner Energie aus Kohle. Die Regierung hält daran fest. Umweltschützer glauben dennoch an eine Wende.

Wer kann, geht weg aus Bytom. Mehr als 20.000 Einwohner hat die Stadt im oberschlesischen Kohlerevier seit der Jahrtausendwende verloren. Die übrigen 165.000 Menschen droht buchstäblich die Erde zu verschlingen. Denn seit Beginn der Kohleausbeutung vor 70 Jahren haben sich große Teile von Bytom um rund sieben Meter abgesenkt. Immer wieder kommt es zu kleineren Erdbeben, die von den Arbeiten unter Tage ausgelöst werden oder von schlecht gesicherten alten Stollen. Diese „Maulwurfsgänge“ müssten zwingend mit Abraum gefüllt werden, um das Erdreich zu stabilisieren. Aber das kostet Geld und unterbleibt nicht selten.

2011 war das bislang größte Katastrophenjahr für Bytom. „Man kann nachts hören, wie die Wände aufbrechen“, berichteten damals Bewohner des Stadtteils Karb, der schlagartig abgesackt war, und warnten: „Wir leben auf einer Bombe.“ Kurz darauf wurden die Menschen tatsächlich evakuiert und Hunderte Häuser abgerissen. Wer heute nach Karb kommt, sieht nur noch die Freiflächen. Er sieht aber auch, wie sich in der nahen Zeche Bobrek die Förderräder drehen. Denn die Kohleausbeutung geht weiter. An der Zecheneinfahrt prangt zwischen zwei Wappen mit Schlägel und Eisen in Großbuchstaben die trotzige Parole: „Es lebe der Bergarbeiterstand.“

Wer nach dem Sinn der fortgesetzten Verfeuerung von Kohle in Polen fragt, wird den Stolz der Kumpel als wichtigen Posten in Rechnung stellen müssen, auch wenn die Gegen­argumente weit schwerer zu wiegen scheinen. Denn das Land selbst leidet am meisten unter dem „Kohlewahn“, von dem Umweltschützer sprechen. Und das gilt nicht nur für das seismische Katastrophengebiet Bytom. Von den 50 Städten mit der schmutzigsten Luft in Europa liegen 33 in Polen. Fünf kommen unter die dreckigsten Top Ten.

An der energiepolitischen Ausrichtung des wirtschaftlich boomenden Landes ändert das wenig. Noch immer bezieht Polen fast 80 Prozent seiner Primärenergie aus Kohle. „Unsere Regierung folgt der chinesischen Argumentation“, erklärt der Politikwissenschaftler Rafal Riedel, der im oberschlesischen Revier aufgewachsen ist und an der Universität Opole lehrt. Das zentrale Argument richte sich an die Adresse der westlichen Staaten: „Als ihr eure Industrialisierung vorangetrieben habt und reich geworden seid, habt ihr die globale Umwelt ruiniert. Jetzt bringt das wieder in Ordnung, aber nicht auf Kosten unserer Entwicklung.“

Es ist eine klassische populistische Argumentation. Die rechtsnationale PiS, die seit vier Jahren in Warschau regiert, hat sie sich früh zu eigen gemacht und alle weiteren Debatten über eine Energiewende abzuwürgen versucht. Staatspräsident Andrzej Duda, der seine politischen Wurzeln in der PiS hat, erklärte ausgerechnet zur Eröffnung der Weltklimakonferenz 2018 im oberschlesischen Katowice (Kattowitz): „Ich werde nicht zulassen, dass irgendjemand unseren heimischen Bergbau ermordet. Kohle ist unser größter Schatz.“ Er gehe davon aus, dass Polen das schwarze Gold noch 200 Jahre nutzen werde.

Kurz vor der Klimakonferenz 2019, die am 2. Dezember in Madrid begann, hat die wiedergewählte PiS-Regierung immerhin einen Beauftragten für erneuerbare Energien ernannt. Aber die Partei hat den Bergarbeitern im Wahlkampf auch sichere Jobs versprochen. Patryk Bialas, der als einziger Grüner für die liberalkonservative Bürgerkoalition im Stadtrat der Kohlemetropole Katowice sitzt, hält beides für durchaus vereinbar. Man müsse die Jobs nur jenseits der Zechen neu schaffen. „Unsere Kumpel haben fantastische Fähigkeiten in vielen technischen Bereichen“, sagt der Klimaschützer, der weit davon entfernt ist, den Bergleuten ihren Stolz nehmen zu wollen. „Wir können sie umschulen.“

Tatsächlich werden im boomenden Polen händeringend Facharbeiter gesucht. Allerdings sind in der Kohleindustrie aktuell noch rund 80.000 Menschen beschäftigt. „Das ist viel“, gibt Bialas zu. Gerade deshalb sei es so wichtig, schnellstmöglich die entsprechenden Förderprogramme aufzulegen und Weiterbildung zu ermöglichen. „Das Wichtigste für die Menschen ist Planungssicherheit. „Die Regierung dagegen setzt mit ihrem Plan auf Langsamkeit. Den Anteil der Kohle am polnischen Energiemix will sie bis 2030 maximal auf 60 Prozent reduzieren. „Das wird nicht reichen“, sagt Bialas und verweist auf neueste Umfragen. Demnach sprechen sich 72 Prozent der Polen für eine Energiewende aus, weg von der Kohle. Und satte 83 Prozent der Befragten halten den Klimawandel für eine Bedrohung.

Das sind überraschend hohe Werte für ein Land mit einer so großen Kohletradition. Allerdings ist in vielen Regionen Polens der Wintersmog in den vergangenen Jahren zu einem derart existenziellen Problem geworden, dass die Sehnsucht nach sauberer Luft enorm gewachsen ist. Längst haben die meisten Medien im Land Sendeplätze für tägliche Smogmeldungen eingerichtet, bis hin zur Warnstufe Rot. Dennoch sterben Jahr für Jahr mehr als 40.000 Menschen vorzeitig wegen der hohen Schadstoffbelastung. Bialas ist deshalb auch zutiefst davon überzeugt, dass Polen eine Zukunft ohne Kohle hat: „Die grüne Wende kommt.“

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