Singapur, Finnland, Kanada Deutschland kann sich von Pisa-Spitzenreitern einiges abschauen

Analyse | Düsseldorf · Nach den katastrophalen Ergebnissen der Pisa-Studie sorgt sich Deutschland um die Bildung. Ein Blick auf die erfolgreichen Länder zeigt, woran Deutschlands Schulsystem krankt.

  Kinder lesen in einer Grundschule.

Kinder lesen in einer Grundschule.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Nun liegt sie vor: die neueste Pisa-Studie. In bewährter Tradition folgt auf ihre Veröffentlichung der große politische Aufschrei. Die Bundesregierung nennt die Ergebnisse besorgniserregend und schreibt sich "Fortschritte machen" ins Hausaufgabenheft. Doch – wie einst in der Schule – kann in ausweglosen Situationen auch mal der Blick zum Nachbarn helfen: Wie lösen andere Länder ihre bildungspolitischen Aufgaben? Ein Blick auf die Klassenbesten der Pisa-Prüfung.

Spitzenreiter Singapur – ausgeprägte Feedbackkultur

Die Spitzenränge der Pisa-Studie belegen ostasiatische Staaten. Unangefochtener Primus ist Singapur. Das hat gute Gründe, weiß der Innsbrucker Erziehungswissenschaftler Michael Schratz. Seit Gründung Singapurs habe Bildung in dem Stadtstaat einen hohen Stellenwert. Nur die besten Absolventen würden sich für den Beruf des Lehrers qualifizieren, was das grundsätzlich hohe Ansehen von Lehrpersonen noch einmal steigere. Ihr hohes Ansehen erklärt den geringen Lehrermangel Singapurs.

Auch investiert Singapur viel in die Weiterbildung seines Lehrpersonals. Schratz berichtet von einer hohen Fortbildungsverpflichtung und guten Aufstiegschancen für Lehrer. Das Bildungsministerium verfolgt zudem eine gezielte Versetzungspolitik. Gute Lehrkräfte werden bewusst dorthin geschickt, wo der Förderbedarf am höchsten ist.

Anders als hierzulande ist das Bildungssystem Singapurs zentralistisch organisiert. Einzelne Schulen sind zu Clustern zusammengefasst, die jeweils von einem Vertreter des Ministeriums beaufsichtigt werden. Diese Organisation steigert die Effizienz und Effektivität des Schulsystems und sichert die Einhaltung von Standards. Die ausgeklügelte Vernetzung macht auch vor den Türen einzelner Schulen nicht halt. Eine ausgeprägte Feedbackkultur kennzeichne das Miteinander der Lehrpersonen, weiß Innsbrucker Erziehungswissenschaftler. Dazu gehörten auch institutionalisierte, gegenseitige Unterrichtsbesuche und Arbeitssitzungen.

Doch nicht nur Singapurs Lehrerschaft vernetzt sich: Auch Schülerinnen und Schüler lernen voneinander – so ist es regelmäßig Aufgabe höherer Klassen, entsprechende Inhalte niedrigeren Klassenstufen zu vermitteln. Auch die hohe Bedeutung von Anstrengung, Fleiß und Disziplin und die konfuzianische Überzeugung, dass Bildung Grundlage gesellschaftlicher Ordnung sei, führen Singapur zum Pisa-Gipfel. Studien zeigen jedoch, dass diese Effizienz und Spitzenleistung zulasten von Freizeit und psychischer Gesundheit einiger Schüler gehen kann.

Finnland – Einheitsschule in Wohnortnähe

In Europa schneidet traditionell Finnland besonders gut bei Pisa ab. Den hohen gesellschaftlichen Stellenwert von Bildung zeigt schon das finnische Recht auf kostenfreie Bildung. Die Schülerinnen und Schüler haben Anspruch auf Gratis-Schulbücher und Lernmaterialien. Zudem sorgt der Staat für den Schultransport und täglich warmes Mittagessen.

Bildung wird als Grundrecht und wichtige gesellschafts- und sozialpolitische Aufgabe verstanden. Schüler besuchen neun Jahre lang gemeinsam eine Einheitsschule in Wohnortnähe. Diese Einheitsschule sieht keine Leistungsdifferenzierung vor, jedoch werden eine Vielzahl von Unterstützungsmaßnahmen geboten.

Schule wird nicht als Selektionsort, sondern als Ort der individuellen Förderung verstanden. Jede finnische Schule erhält Hilfe eines Schülerfürsorgeteams, das sich um Sozialarbeit, Gesundheitspflege und Psychologie kümmert. Anders als in Singapur ist das Schulsystem dezentral organisiert. Das hohe Bibliotheksnetz Finnlands ist zudem der Leseförderung zuträglich.

Estland – Kindergärten als Vorschulen

In allen drei Pisa-Kategorien (Mathe, Lesen, Naturwissenschaften) schneidet auch Estland mit Bestwerten ab. Kindergärten werden hier explizit als Vorschulen betrachtet. Wie in Finnland werden auch hier alle Schüler die ersten neun Jahre gemeinsam unterrichtet. Womit ebenfalls die Leitungsselektion erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt. Beratungszentren bieten bei Problemen individuelle Hilfe. Eine so angepasste Förderung der Lernenden spielt eine herausragende Rolle, was zu einer Verbesserung der schwachen Schüler führt und die Gruppe der Leistungsstärksten vergrößert.

Dank weit vorangeschrittener Digitalisierung im Bildungswesen, stellte die pandemiebedingte Umstellung auf Homeschooling in Estland kein größeres Problem dar. Estnische Schüler schätzen zudem ihre digitalen Kenntnisse überdurchschnittlich hoch ein.

Kanada – Fortschrittsreport statt Noten

Auch Kanadas Schüler werden zum größten Teil in Einheitsschulen unterrichtet. Das Land investierte nach Daten der Industrieländerorganisation OECD im vergangenen Jahr rund 6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Bildung, in Deutschland waren es 4,6 Prozent.

Mit Eintritt in den Kindergarten kommen Heranwachsende in ein engmaschiges Monitoring, das Förderbedarfe erfasst. Dieses Monitoring ermöglicht es, Lehrpläne individuell anzupassen. Schwächere Kinder erhalten folglich andere Förderpläne als hochbegabte Kinder. Der Kindergarten wird als Vorschule verstanden.

Eine Besonderheit kanadischer Bildungspolitik ist die Förderung des Wohlbefindens. Positive Schulerfahrungen sollen die psychische und physische Gesundheit Lernender unterstützen. Um dieses Ziel zu erreichen, führen Schulen regelmäßige Befragungen der Schülerschaft durch und passen ihre Lehrkonzepte entsprechend an. Für deutsche Verhältnisse ausgefallene Fächer wie Journalismus, Tourismus oder Fotografie sollen zur positiven Schulerfahrung beitragen.

In den 1990er Jahren entschied man sich, die Leistungsbewertung radikal zu überdenken, und führte ein individualisiertes System ein: Statt des notenbasierten Vergleichs der Schülerinnen und Schüler untereinander, fertigen Lehrer sogenannte Fortschrittsreports an, die den Lernprozess abbilden.

Deutschlands Problem – die föderale Struktur

2017 analysierten die Pädagogik-Professorinnen Doris Wittek, Anne Sliwka und Silke Trumpa die Bildungssysteme der erfolgreichsten Pisa-Länder. Sie identifizierten die föderale Struktur Deutschlands als grundlegendes Problem des Bildungswesens. "Zwischen der Lehreraus- und -fortbildung, dem Bildungsmonitoring und den Maßnahmen im Hinblick auf Schulentwicklung, den Bildungsstandards und den Assessment-Instrumenten, den Berufswegen und den Karriereanreizen im Lehrerberuf bestehen zahlreiche Brüche und Inkonsistenzen", schreiben sie. Ein Blick auf die Lösungen anderer könne helfen, die deutschen Probleme zu überwinden – wie damals das Spicken bei der Klassenarbeit.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort