Palästinensische Familie im Nahost-Konflikt: "Niemand kann uns zwingen zu hassen"

Palästinensische Familie im Nahost-Konflikt: "Niemand kann uns zwingen zu hassen"

Israel will der palästinensischen Familie Nasser ihr Grundstück wegnehmen, um darauf Siedlungen bauen zu können. Dagegen wehrt sich die Familie mit den Mitteln des gewaltlosen Widerstandes. So wird die Geschichte zu einem Lehrstück des Nahost-Konflikts.

Gerade ist die Sonne hinter den Hügeln um Bethlehem untergegangen. Wenn man auf "Dahers Weinberg" nahe des palästinensischen Dorfes Nahalin 950 Meter über dem Meeresspiegel steht, kann man die Sonne an guten Tagen im Mittelmeer verschwinden sehen. Heute ist ein guter Tag. "Dahers Weinberg" gehört der arabisch-christlichen Familie Nasser. Mittlerweile in der vierten Generation leben dort Nassers und bauen Oliven und Mandeln an und halten Vieh. Über die Jahre ist dort auch die interkulturelle Begegnungsstätte "Tent of Nations" entstanden, wo sich Kinder und Erwachsene aller Religionen und Nationalitäten treffen, um etwas über das Leben in der Natur, über das Fremde und über den Nahost-Konflikt zu erfahren.

Vor dem rot-gelb-goldenen Abendhimmel zeichnet sich die Silouhette eines orangen VW-Busses ab. Der Bus ist Baujahr 1975 und dient der Familie Nasser als Familienvehikel. Wie an einem Samstagabend vor einigen Jahren, als Daoud Nasser mit seiner Frau, seinen drei Kindern und seiner Mutter Meladeh nach Bethlehem fahren will.

Die roten Laserpointer der Maschinenpistole tanzen auf seiner Brust

Es ist kurz vor Mitternacht. Die Familie will in Bethlehem, das etwa neun Kilometer entfernt liegt, am Sonntag den Gottesdienst besuchen. Daouds Töchter und sein Sohn schlafen hinten im Bus. Plötzlich springen israelische Soldaten in gepanzerten Westen und mit Maschinenpistolen bewaffnet auf die Straße. Der 46-jährige Familienvater soll aussteigen, die roten Laserpointer der Maschinenpistolen tanzen auf seiner Brust. Die Soldaten wollen den Van durchsuchen. "Die waren sehr aggressiv", erzählt Daoud. "Wir hatten Angst, und die Soldaten hatten auch Angst vor uns."

Der Offizier fordert ihn auf, seine Kinder zu wecken, damit die Soldaten das Auto durchsuchen können. Daoud versucht, mit ihm zu reden. Aber der Soldat besteht auf der Durchsuchung. So weckt der Vater seine schlafenden Kinder und erklärt ihnen auf Englisch, damit die Soldaten ihn verstehen können, dass sie gleich israelische Soldaten mit Gewehren sehen werden. Sie sollten aber keine Angst haben, die Soldaten seien nette Menschen.

Daoud Nasser hat vier Prinzipien für seinen gewaltlosen Widerstand. Foto: woi

"Das war eine ganz schwierige Situation. Die Waffen waren auf uns gerichtet, aber ich musste meinen Kindern erzählen, dass sie keine Angst haben brauchen." Als die Durchsuchung beendet ist, entschuldigt sich der Offizier bei ihm. "Sie haben verstanden, dass wir Menschen sind und keine Feinde", sagt Daoud. Er steht in der Dämmerung vor dem orangenen VW-Bus, sein Gesicht kann man in der beginnenden Dunkelheit kaum noch ausmachen. Es gibt schwarzen Tee mit frischem Salbei.

Vor 25 Jahren hat die israelische Regierung das Land, auf dem "Dahers Weinberg" steht, zu öffentlichem Besitz erklärt. Nun stehen rund um das palästinensische Dorf Nahalin und den Weinberg der Familie Nasser fünf jüdische Siedlungen. Die Straße zur Farm ist blockiert, das Militär hat dort Geröll aufgeschüttet, so dass Fahrzeuge nicht mehr durchkommen. Die Andekdote mit den Soldaten zeigt, dass die Nassers eine friedvolle Haltung gewählt haben.

Sie gehen den Weg des gewaltlosen Widerstandes, um ihr Land und ihre Existenz zu schützen. Die weigern sich, als Feind gesehen zu werden — und auch nicht als Opfer einer israelischen Siedlungspolitik. Die Familie lebt nach vier Prinzipien, erklärt Daoud. "Erstens: Wir weigern uns, Opfer zu sein. Nur so kommen wir aus der Defensive. Zweitens: Niemand kann uns zum Hass zwingen. Drittens: Wir handeln anders. Unser Glaube steht im Zentrum unseres Widerstandes. Und viertens: Wir glauben an Gerechtigkeit." Das sind die vier Pfeiler das gewaltlosen Widerstandes.

Die Geschichte der Nassers ist ein Lehrstück des Nahost-Konflikts

Und so wird die Geschichte der Nassers zu einem Lehrstück in Sachen Nahost-Konflikt. Das Land gehört der Familie seit 100 Jahren. 1916 kaufte Daouds Großvater Daher den Weinberg und zog mit seiner Familie auf den Hügel, um das Land zu bewirtschaften. Die Familie lebte in Felsenhöhlen unter der Erde. 1916 herrschte noch das Osmanische Reich im heutigen Palästina. Und weil die Herrscher, Grundsteuer von den Landeigentümern forderten, ließ Daher Nasser sein Land registrieren und bekam im Gegenzug eine Urkunde.

Auch unter der britischen, jordanischen und schließlich israelischen Herrschaft ließen die Nassers ihren Grundbesitz immer wieder registrieren. Und als 1991 der Staat Israel das Land, auf dem der Weinberg steht, zum öffentlichen Besitz erklärte, konnten die Nassers nachweisen, dass sie die rechtmäßigen Eigentümer ihres 42 Hektar großen Grundstücks sind. Grundsteuer und Urkunden retten nun vielleicht ihre Existenz.

Seit 25 Jahren ist der Fall Nasser beim obersten israelischen Gericht anhängig. Bislang ohne Entscheidung. Daoud verzweifelt daran aber nicht. Er möchte in allem das Positive sehen. "Wir sind immer noch da", sagt er. Rückschläge gab es auch schon: 2014 hat das israelische Militär zuletzt Olivenbäume auf dem Gelände der Nassers gefällt. Und davor gab es auch Übergriffe von jüdischen Siedlern. "Seit wir mehr internationalen Besuch haben, gab es solche Überfälle nicht mehr."

Gerade wird direkt neben dem Weinberg eine Tora-Schule gebaut. "Damit werden wir noch mehr isoliert", sagt Daoud. In der untergehenden Abendsonne hört man die Planierraupen, die das felsige Gelände in ebenen Baugrund verwandeln sollen. Weil es schnell dunkel wird, haben sie die Scheinwerfer eingeschaltet, große Lichtkegel fallen bisweilen auf das Land der Nassers. "Wir leben hier mit dem täglichen Terror, dass plötzlich eine der Planierraupen auf unserem Gelände steht", sagt Daoud.

Für den Fall, dass die Schule fertig gebaut wird und "Dahers Weinberg" dann vollständig abgeschnitten ist, will die Familie zu einem Selbstversorger-Betrieb werden. Dafür haben sie zusammen mit freiwilligen Helfern schon eine Solar-Anlage gebaut. Nun soll das Regenwasser in einer Zisterne gesammelt und wiederaufbereitet werden. Und Daoud möchte auch zwei bis drei Windräder bauen, damit die Stromproduktion auch im Winter klappt. "In den letzten Jahren haben wir auch in den Ausbau der landwirtschaftlichen Produktion investiert", sagt Daoud. Mit den Einnahmen aus der Landwirtschaft verdienen die Nassers Geld. Außerdem gibt es auf dem Gelände eine Zeltplatz. Für manche Projekte, wie etwa ein Sommerlager für palästinensische Kinder, bekommen die Nassers Spendengelder von christlichen Gemeinden im Ausland.

Das Gericht hat vor kurzem entschieden, dass das israelische Militär den Weinberg in Ruhe lassen muss. Die Regelung gilt bis Januar. Das ist ein kleiner Erfolg. "Wir sind gerade sehr erleichtert", sagt Daoud. Das Weihnachtsfest kann die Familie Nasser also in Ruhe verbringen. Er glaubt daran, dass Frieden nur von unten her, also von den Menschen ausgehend, wachsen kann. Das sei wie bei einem Olivenbaum. "Man muss den Boden kultivieren, damit der Baum wachsen kann." Den Boden zu bestellen, sei das Wichtigste und so, hofft er, kann auf diese Weise Frieden werden. Irgendwann.

(heif)
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