Offensive der Türkei in Syrien: Kampf um jeden Meter in Afrin

Offensive der Türkei in Syrien : Erbitterter Kampf um jeden Meter in Afrin

Die Türken rücken vor, die Kurden schlagen zurück - und mittendrin Hunderttausende Zivilisten. Die Sorge ist groß, dass die türkische Offensive in Afrin in einem Massaker enden könnte. Die USA und Frankreich rufen Ankara zur Zurückhaltung auf.

Bei der türkischen Offensive auf die kurdische Enklave Afrin im Norden Syriens zeichnen sich langwierige Gefechte ab. Die vorrückenden türkischen Truppen und verbündete Rebellen stießen auch am Dienstag wieder auf erbitterte Gegenwehr der Kurden-Miliz YPG, die nach eigenen Angaben ein Dorf und einen Hügel im Osten des Gebiets zurückeroberte. Hunderttausende Zivilisten saßen in der Enklave fest.

Afrin ist von drei Seiten von den türkischen Truppen umzingelt, nur aus dem Süden, der unter Kontrolle der syrischen Regierung steht, gelangen noch Menschen in die Region. Von unabhängiger Seite ist der Verlauf der Kämpfe deshalb kaum zu überprüfen. Auch Hilfsorganisationen haben keinen Zugang. Nach Schätzungen der UN halten sich etwa 323.000 Menschen in den Kurdengebieten in und um Afrin auf. Mehrere Tausend sollen in umliegende Dörfer geflohen seien. Humanitäre Helfer seien sehr besorgt über das Schicksal der Menschen in der Region, sagte UN-Sprecher Stéphane Dujarric.

Die Türkei drohte mit der Ausweitung des Einsatzes auf weitere kurdisch kontrollierte Gebiete. Ihre Armee hatte die "Operation Olivenzweig" am Samstag begonnen und YPG-Stellungen in der Region Afrin mit Artillerie und aus der Luft angegriffen. Am Sonntag folgte eine Bodenoffensive. Der Sprecher von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, erklärte am Dienstag, der Einsatz ginge weiter "bis die separatistische Terrororganisation von der Region vollständig gesäubert wird." Ziel sei zudem, dass die rund 3,5 Millionen syrischen Flüchtlinge in der Türkei in ihr Heimatland zurückkehren könnten.

Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian und US-Verteidigungsminister James Mattis riefen die Türkei zur Mäßigung auf. Nach dem Sieg über die Terrormiliz Islamischer Staat könnte dort ein neuer Konfliktherd explodieren, sagte Le Drian am Dienstag. Auch Mattis sagte, die Offensive versetze eine relativ stabile Gegend Syriens in Chaos und lenke vom Kampf gegen den IS ab.

Vor allem das Verhältnis zischen den Nato-Partnern USA und Türkei wird vom Vorstoß auf Afrin belastet. Denn die YPG ist eine der wichtigsten Stützen der USA im Kampf gegen den IS und von Washington mit Waffen ausgerüstet worden. Die Türkei betrachtet die YPG dagegen als Terrororganisation. Am Mittwoch wollen die Präsidenten der beiden Länder, Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump, telefonisch über die Lage beraten.

Die Türkei will eine 30 Kilometer breite Sicherheitszone in Afrin schaffen, Erdogan hat aber bereits Angriffe auf andere Kurden-Hochburgen in Syrien wie Manbidsch angekündigt. Am Dienstag habe das türkische Militär bereits Kamischli und andere Grenzorte beschossen, sagte ein YPG-Sprecher. Das sei eine Ablenkung von der eigentlichen Hauptoffensive auf Afrin fast 500 Kilometer weiter westlich.

Bei den Gefechten um Afrin sind nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle seit Samstag 27 Zivilisten, 38 kurdische Kämpfer und 43 mit der Türkei verbündete Rebellen getötet worden. Die meisten Zivilisten kamen demnach durch türkische Luftangriffe ums Leben. Der türkische Außenministers Mevlüt Cavusoglu bestätigte am Dienstag zudem den Tod eines zweiten türkischer Soldaten.

(wer)
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