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Österreichs Justizministerin Alma Zadic im Porträt

Österreich : Ministerin mit „Migrationsvordergrund“

Die erste grüne Justizministerin Österreichs Alma Zadic wird von den Rechten stark angefeindet. Ein Porträt.

Als die Eltern 1994 dem Bosnienkrieg entflohen waren und nach Österreich kamen, verstand die damals zehnjährige Alma kein Wort Deutsch. Aber sie lernte schnell und gut. Nach dem Abitur studierte das Flüchtlingskind Jura, ging danach als Praktikantin des Uno-Tribunals für Kriegsverbrechen in Jugoslawien nach Den Haag, bildete sich in New York weiter und arbeitete als Rechtsanwältin bei einer Wirtschaftskanzlei mit Sitz in London.

Die neue österreichische Justizministerin Alma Zadic, 1984 im nordostbosnischen Tuzla geboren, wechselte erst 2017 in die Politik. Entdeckt hat sie der Grünen-Veteran Peter Pilz, dessen Spaltliste „Jetzt“ bei der Neuwahl Ende September aus dem Parlament flog. Dann heuerte sie bei den Grünen an: Deren Chef Werner Kogler, nunmehr Vizekanzler, verschaffte der Quereinsteigerin gegen massiven parteiinternen Widerstand einen vorteilhaften Platz auf der Kandidatenliste. Kogler hatte in Parlamentsdebatten sowie in Untersuchungsausschüssen den brillanten Intellekt, die Grundsatztreue und den Realitätssinn Zadics schätzen gelernt. Sie war auch an den Koalitionsverhandlungen mit ÖVP-Chef Sebastian Kurz beteiligt. Kogler wird nachgesagt, er habe eine Einwanderin deshalb zur jüngsten Justizministerin gemacht, um den Ausländerhassern eine Lektion zu erteilen.

Prompt wabert seit den ersten Gerüchten zur Jahreswende in den sozialen Medien eine Welle rassistischer und sexistischer Postings von Politikern der rechten FPÖ und deren Umfeld. So behauptete der Tiroler FPÖ-Landeschef Markus Abwerzger fälschlicherweise, die neue Justizministerin sei strafrechtlich verurteilt worden. Nicht erwähnt hat Abwerzger, dass gegen Zadic lediglich ein medienrechtliches Verfahren läuft und noch nicht abgeschlossen ist. Sie hatte unter dem Foto eines Burschenschafters, der den Hitlergruß zeigt, gepostet: „Keine Toleranz für Neonazis, Faschisten und Rassisten.“ Der Richter fand die Rufschädigungsklage des jungen Mannes, der nur jemandem „gewunken“ haben will, berechtigt und verurteilte Zadic zu einer Entschädigungszahlung; sie legte dagegen Revision ein.

Der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp, einer der Vizebürgermeister Wiens, spielte in einem Tweet auf Zadics bosnische Herkunft an und behauptet ebenfalls faktenwidrig: „Es gibt endlich eine muslimische Ministerin.“ Tatsächlich ist Zadic ohne Glaubensbekenntnis. Identitären-Anführer Martin Sellner hatte zuvor Kanzler Kurz attackiert: Dank ihm bekomme Österreich „eine Muslima aus Bosnien“ als Justizministerin. Nepp spielte auch auf Zadics Erfahrung als Flüchtling mit der hämischen Bemerkung an: „Das qualifiziert natürlich jemanden sofort für ein Ministeramt!“ Und FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker (soeben aus anderen Gründen zurückgetreten) hatte zuvor Bundespräsident Alexander Van der Bellen aufgefordert, Zadic als Ministerin abzulehnen.

Möglicherweise übersteigt Zadics atemberaubender Aufstieg vom Flüchtlingskind zur jüngsten Justizministerin Österreichs das Vorstellungsvermögen dieser selbsternannten Patrioten vom rechten Rand. Sie selbst sagte kürzlich in einem Interview, dass ihre Migrationsgeschichte während ihrer Zeit als Anwältin verblasste. Als sie in die Politik wechselte, wurde das plötzlich relevant. Alma Zadic spricht deshalb bei sich selbst von einer Frau mit „Migrationsvordergrund“ statt mit Migrationshintergrund.

(gru)