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Ashton Carter: Obama holt einen Intellektuellen ins Verteidigungsministerium

Ashton Carter : Obama holt einen Intellektuellen ins Verteidigungsministerium

Wer einen hohen Posten innehabe in Washington, dem gehe es wie einem Christen im Kolosseum zu Rom, schreibt der designierte US-Verteidigungsminister Ashton Carter in seinen autobiografischen Skizzen. "Du weißt nie, wann sie die Löwen aus den Käfigen lassen, damit sie dich zum Vergnügen der Zuschauer zerreißen."

Mit so drastischen Worten hat selten einer das glatte Parkett, die spitzen Ellenbogen der amerikanischen Hauptstadt charakterisiert. Schon der Vergleich mit der Gladiatorenarena macht klar, dass Carter sich keinerlei Illusionen hingibt. Er kennt den Politikbetrieb wie seine Westentasche, seit gut drei Jahrzehnten ist er eine feste Größe im Pentagon, auch wenn er ab und an ins akademische Leben wechselt.

Wenn Carter neuer Verteidigungsminister wird, der vierte und wahrscheinlich letzte der Ära Obama, dann nur deshalb, weil andere dankend verzichtet haben. Michele Flournoy, die Favoritin, im Pentagon bestens vernetzt, hat dankend abgelehnt. Jeh Johnson, der Chef des Ressorts Heimatschutz, ließ verlauten, er fühle sich zu wohl in seinem Amt, um es gegen ein anderes einzutauschen. Also spricht alles für Carter, 60, einen Strategen hinter den Kulissen, von dem der Viersternegeneral Martin Dempsey behauptet, er sei in Washington "die wichtigste am wenigsten bekannte Figur".

Der Mann aus Philadelphia hat in Yale Physik und mittelalterliche Geschichte studiert; seine Abschlussarbeit handelte vom Gebrauch des Lateinischen in Klosterschriften über das Leben im Flandern des 12. Jahrhunderts. Später ging er nach Oxford, um seinen Doktor in theoretischer Physik zu machen. Sein Spezialgebiet war die Kontrolle von Atomwaffen.

Als Ronald Reagan über Sternenkriege philosophierte, einen kosmischen Schutzschild gegen sowjetische Nuklearraketen, gehörte Carter zu denen, die die Idee für Unfug erklärten, da sie technisch nicht machbar sei. Ein 1984 von ihm verfasstes Papier nannte er später stolz "den ersten Bericht, der sagte, der Kaiser hat keine Kleider". Vor acht Jahren wiederum forderte er die Administration George W. Bushs via Zeitungskolumne auf, einen Präventivschlag gegen Nordkorea zu führen, falls das Land weiter Interkontinentalraketen teste.

Im Pentagon war Carter von 2009 bis 2011 zuständig für Technik, Logistik und den Kauf neuer Waffensysteme - ein Schlüsselposten in einem Haus, das ein Jahresbudget von rund 600 Milliarden Dollar verwaltet. Unter anderem plädierte er für den verstärkten Einsatz ferngesteuerter Drohnen in Kriegs- und Krisengebieten. 2013, als der damalige Minister Leon Panetta seinen Hut nahm, wurde er, seinerzeit Panettas Stellvertreter, schon einmal als Kandidat für den Spitzenposten gehandelt. Am Ende musste er Chuck Hagel den Vortritt lassen. Der war Vietnamkriegsveteran und Senator, während Carter weder eine Uniform getragen noch Erfahrungen im Kongress gesammelt hatte. Der klassische Technokrat, nur eben einer aus der Ivy League. In Harvard, dem Bildungsmekka der Ostküste, lehrte er an der renommierten Kennedy School. Im Moment hält er Vorlesungen in Stanford, der besten Universität der Westküste.