NSA: Ein deutscher Student geriet ins Visier des Geheimdienstes

Spionage-Aktivitäten des US-Geheimdienstes : Ein deutscher Student geriet ins Visier der NSA

Seit Edward Snowden die ersten Überwachungsprogramme der NSA verraten hat, gibt es fast jede Woche neue Informationen über die Spionageaktivitäten des US-Geheimdienstes. Meist geht es um allgemeine Aktivitäten. Wer speziell ausgespäht wurde, bleibt im Verborgenen. Doch laut Medienberichten ist nach der Bundeskanzlerin nun ein zweiter Name eines Ausspionierten bekannt geworden. Es soll sich dabei um einen Studenten aus Erlangen handeln.

Wie die Sender NDR und WDR berichten, heißt der Student, der ins Visier der NSA geriet, Sebastian Hahn. Der Grund: Er beschäftigt sich in seiner Freizeit mit Verschlüsselungssoftware. Den Sendern liegt ein Teil des Überwachungsprogrammes XKeascore vor, also jene Software-Regeln, mit denen die Geheimdienstler festlegen, wer und was ausgespäht werden soll.

Und in diesem Teil des Quellcodes befindet sich nach Angaben der Sender auch die IP-Adresse von Sebastian Hahn. Der Erlanger betreibt einen Server für das Anonymisierungsnetzwerk Tor, mit dem Nutzer versuchen, ihre Spuren im Internet zu verwischen. Nutzt man dies und sucht zum Beispiel etwas in einer Suchmaschine, wird diese Anfrage durch gleich mehrere Server geleitet.

Dadurch kann die Herkunft, also die IP-Adresse,verschleiert werden. Insbesondere in Ländern, in denen es brandgefährlich ist, bestimmte Dinge über das Netz zu suchen und anhand der IP-Adresse ausfindig gemacht zu werden, wird Tor gern genutzt. Syrien ist da nur ein Beispiel.

Programmierer bezeichnen Nutzer als "Extremisten"

Entsprechend reagierte Hahn auch schockiert darauf. "Das ist ein Rieseneingriff in meine Privatsphäre", sagte er den Sendern. Weil er etwas Gutes tun wolle, gerate er "in den Fokus der Geheimdienste". Hahn betreibt als Freiwilliger einen von 5000 Tor-Servern weltweit. Und er betreibt einen von neun "Directory Authorities", was bedeutet, dass auf seinem Server eine Liste liegt, auf der alle Tor-Server zu finden sind. Genau das scheint ihn für die NSA besonders interessant gemacht zu haben.

Doch damit wird nicht nur Hahn von dem US-Geheimdienst ausspioniert, sondern alle Nutzer, täglich Hunderttausende, die auf seinen Server zugreifen. Die NSA, so heißt es in den Berichten, markiere diese Nutzer speziell, ihre Verbindungen würden gespeichert und anschließend landeten diese in einer speziellen NSA-Datenbank. Auch sei eine zweite deutsche IP-Adresse in dem Quellcode zu finden: der des Chaos Computer Clubs.

In dem Quellcode seien aber nicht nur technische Befehle der Programmierer zu finden, sondern auch Kommentare der Entwickler. So würden alle Nutzer von Programmen wie Tor als "Extremisten" bezeichnet.

Zudem sei aus dem Code erkenntlich, dass jeder, der die offizielle Tor-Webseite besuche und sich lediglich darüber informiere, markiert werde. Bei anderen Verschlüsselungsanbieter reiche es sogar, den Namen in eine Suchmaschine einzugeben.

Von Notz: "Das ist pervers und verrückt"

Die neuen Berichte über die NSA-Spionagetätigkeiten bezeichnete der Grünen-Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, Konstantin von Notz, im ARD-Morgenmagazin als "verheerend". Die einzige Antwort der Bundesregierung auf die NSA-Affäre laute, die Bürger sollten sich im Internet selbst schützen und ihre Daten verschlüsseln. "Und nun stellen wir fest, dass gerade die, die verschlüsseln und das nutzen, überwacht werden. Das ist pervers und verrückt."

Im NSA-Untersuchungsausschuss selbst könnte es am heutigen Donnerstag ebenfalls spannend werden. Denn dort sagen die ehemaligen NSA-Mitarbeiter Thomas Drake und William Binney aus. Beide hatten die Schnüffellei des Geheimdienstes kritisiert. Und Drake hatte im Interview mit der "Welt am Sonntag" bereits angekündigt, "dreckiges Wissen" preisgeben zu wollen.

Update: Sebastian Hehn äußert sich im Netz zu seinem Spionagefall:

Ich habe mal ein paar Fragen gesammelt, die ich bisher beantwortet habe. https://t.co/LyU6OCOzlv

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wer hört wen ab - und was man dagegen tun kann

(das)
Mehr von RP ONLINE