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Nordirland-Konflikt: Angst vor dem Wiederaufflackern der Gewalt

Von Boris Johnson im Stich gelassen : Nach Brexit wittern Nordirlands Protestanten „Verrat“

Mit dem Brexit verbindet sich in Nordirland die Angst vor einem Wiederaufflammen der Gewalt. Es sind jedoch nicht die lange unterdrückten Katholiken, bei denen sich die meiste Wut aufgestaut hat.

In Belfast müssen selbst die Toten durch eine Mauer getrennt werden. Auf dem städtischen Friedhof schirmt eine unterirdische Wand die Gräber der Katholiken und Protestanten voneinander ab. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Nordirlandkonflikts verlaufen durch Belfast immer noch Grenzen - unter der Erde und über der Erde. Kilometerlange und bis zu acht Meter hohe „Friedenslinien“ markieren katholische und protestantische Viertel. An fast jeder Ecke stößt man auf Gedenkstätten, Wandgemälde, Erinnerungsplaketten: Belfast ist eine hoch politisierte Stadt. Mit dem Brexit verbindet sich nun die Angst vor einem Wiederaufflammen der Gewalt.

Paul McCann steht auf der Straße und singt. „King Billy's on the wall, King Billy's on the wall!“ Ein altes Protestantenlied. „King Billy“ ist der Spitzname für den Mann, der hinter McCann riesengroß auf eine Hauswand gemalt ist: ein hagerer Typ mit überdimensionierter Perücke. Ein Schild erklärt, dass dieser „Billy“ eigentlich König Wilhelm von Oranien hieß und 1690 das abgefallene katholische Irland für das protestantische England zurückeroberte. „Er hat uns unsere Freiheit zurückgegeben“, sagt McCann.

Der Touristenführer ist nicht nur überzeugter probritischer Protestant, sondern auch leidenschaftlicher Brexit-Verfechter. „Ich will Britannien wieder groß sehen“, sagt er. Viele nordirische Protestanten sind momentan allerdings gar nicht gut auf London zu sprechen: Sie fühlen sich von Premierminister Boris Johnson im Stich gelassen. Denn der hat mit der EU ausgehandelt, dass Nordirland anders als Großbritannien auf Dauer im Binnenmarkt bleiben soll. Hartgesottene Protestanten wittern da „Verrat“.

Schon lange sehen sich die Protestanten als die Verlierer des nordirischen Friedensprozesses. Früher waren die gut bezahlten Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst und im Schiffsbau automatisch für sie reserviert. Aber das ist vorbei: Die Jobs in der Verwaltung gehen jetzt auch an Katholiken, und die Schiffsindustrie ist kaputt. Sogar die Werft, die einst die „Titanic“ gebaut hat, meldete vergangenes Jahr Insolvenz an.

Die Jugendarbeitslosigkeit sei unter Protestanten mittlerweile höher als bei den früher unterdrückten Katholiken, sagt der Nordirland-Experte Dieter Reinisch. Er glaubt: „Wenn es im Zuge des Brexits zu Gewalt kommt, dann von loyalistischer - also protestantischer - Seite.“

Die paramilitärischen Organisationen seien alle noch da, versichert Paul McCann. „Nichts ist verschwunden.“ In den vergangenen Monaten hätten solche Loyalisten eine Serie von Treffen organisiert, berichtet die Politologin Marisa McGlinchey. Um ihren Ärger deutlich zu machen, zogen sie dabei die britische Flagge verkehrt herum auf.

Dennoch glaubt McGlinchey, dass vorerst alles ruhig bleiben wird: Die radikalen Protestanten würden erstmal das Freihandelsabkommen abwarten, dass Boris Johnson bis Ende des Jahres mit der EU vereinbaren will. Möglicherweise klappt das ja gar nicht - dann gäbe es doch einen harten Brexit, und die protestantischen Hardliner wären zufrieden.

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders, und der Brexit wird zum Sprungbrett für die irische Wiedervereinigung. Das wäre die Horrorvorstellung der radikalen Protestanten. Und der Traum ihrer Gegner in der Partei Sinn Fein, die früher als politischer Arm der pro-irischen Terrororganisation IRA galt. Die Sinn Fein-Politikerin Martina Anderson, Mitglied des Europaparlaments, fordert möglichst bald ein Referendum über eine Wiedervereinigung. Begründung: Nordirland hat 2016 mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt.

Experten wie Reinisch glauben, dass es in Nordirland eine Mehrheit für den Austritt aus dem Vereinigten Königreich gäbe. Man weiß nicht genau, ob die Katholiken bereits jetzt in der Überzahl sind, aber: „In den nächsten fünf Jahren wird es auf jeden Fall eine katholische Mehrheit geben“, sagt Reinisch. Zudem finden sich auch unter den Protestanten Befürworter eines Zusammengehens mit Irland. Für sie ist entscheidend, dass Nordirland so zurück in die EU käme.

Die Frage ist höchstens, ob sich auch in der Republik Irland eine ausreichende Mehrheit dafür finden würde. Denn dort drohen im Fall einer Wiedervereinigung Steuererhöhungen, um den deutlich ärmeren Landesteil an den reicheren anzugleichen. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Wenn man mit Paul McCann über die protestantische Sandy Row läuft, wird er ständig gegrüßt oder sogar umarmt. Die Gemeinschaft ist ein warmes Nest. Aber sie steht eben auch deshalb so eng zusammen, weil es immer noch einen gemeinsamen Gegner gibt. „Wir haben dieses Land aufgebaut“, sagt er. „Warum sollten wir es zurückgeben?“ Zurück zur Gewalt will er aber auf keinen Fall. Auf seine frühere Grundschule gehen inzwischen auch katholische Kinder, und das soll so bleiben. „Wir müssen miteinander auskommen“, sagt er. Und fügt dann noch hinzu: „Eigentlich sind wir doch alle gleich.“

(ala/dpa)