Nahostkonflikt und Postkolonialismus Warum westliche Intellektuelle die Israelis hassen

Analyse · Die antisemitischen Ausfälle an westlichen Universitäten gehen auf die Ideologie des Postkolonialismus zurück. Mit der Realität in Israel und Gaza hat das wenig zu tun, eher mit fundamentalem Hass auf die Juden. Warum gerade westliche Akademiker dafür so anfällig sind.

Martin Kessler
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Propalästinensische Aktivisten nehmen an einer Pressekonferenz der Student Coalition Berlin zu Besetzungen von Universitäten der Hauptstadt teil.

Propalästinensische Aktivisten nehmen an einer Pressekonferenz der Student Coalition Berlin zu Besetzungen von Universitäten der Hauptstadt teil.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Eine Welle des Protests und des Hasses rollt über die Universitäten westlicher Staaten. Ziel ist der jüdische Staat Israel, dem ein Völkermord in Gaza vorgeworfen wird. Die Folgen des Protests sind bis in die Spitzen der Bundesregierung zu spüren. Dort kämpft Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) um ihr Amt. In ihrem Haus sind Pläne bekannt geworden, den Unterzeichnenden eines Manifests zu den propalästinensischen Universitätsbesetzungen Forschungsgelder zu streichen. Das verstößt gegen das Recht auf Meinungs- und Forschungsfreiheit. Zugleich ist es der etwas hilflose Versuch, einer linken Fundamentalkritik am Staat Israel etwas entgegenzusetzen.

Die liberale Ministerin steht dabei auf verlorenem Posten. Denn die Idee ihrer Kontrahenten ist wirkmächtiger. Die Verteidiger der palästinensischen Sache, die zugleich Ankläger des jüdischen Staates sind, stützen sich nämlich auf eine Theorie, die derzeit vor allem an westlichen Universitäten und gerade auch in Deutschland einen Siegeszug ohnegleichen erlebt. Es geht um den Postkolonialismus, also um das Erbe der Weltherrschaft des Westens. Dieser Expansionsdrang, einzigartig in der Weltgeschichte, hat unzähligen Völkern, vor allem in Afrika, aber auch im Nahen Osten, in Lateinamerika und Asien Elend und Vernichtung gebracht hat. Allein aus Afrika wurden seit den Entdeckungsreisen der Portugiesen und Spanier rund zwölf Millionen Menschen als Sklaven nach Amerika gebracht. Bei den Raubzügen auf dem schwarzen Kontinent starben Millionen, Hunderttausende kamen bei den Transporten ums Leben. Eine Tragödie ohnegleichen. Und es ist sicher die Aufgabe einer ganzen Generation von Historikerinnen und Historikern, das gründlich aufzuarbeiten. Die westlichen Gesellschaften sollten daraus Konsequenzen ziehen.

Leider verkehrt sich eine Konsequenz genau in ihr Gegenteil. Denn nach dem Oktoberpogrom in Israel, das die Terrororganisation Hamas angerichtet hat, steht plötzlich der jüdische Staat unter Anklage. Die militärische Reaktion der israelischen Regierung mag verstörend sein, das Leid der Menschen in Gaza ist entsetzlich. Aber im Grunde wissen außer den Geheimdiensten und der Hamas nur wenige, was wirklich in Gaza geschieht, auch wenn die Bilder schrecklich sind.

Trotzdem ist es in den Augen der postkolonialen Kritiker Völkermord, steht angeblich ganz in der Tradition des Sklavenhandels des Westens. Damit wird Israel zur Projektionsfläche des gesamten Kolonialismus des Abendlandes. Die Siedler, eigentlich alle jüdischen Bürger, nehmen die Stelle der Händler und Kolonisatoren von früher ein, die den Einheimischen das Land stehlen, die Bevölkerung unterjochen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Es ist geradezu beschämend, dass auch die internationalen Gerichte wie der Haager Gerichtshof nahtlos daran anschließen – ohne zwischen Tätern und Opfern kommunikativ zu unterscheiden.

Bezeichnenderweise sind es Länder wie Spanien und Belgien, die besonders israelkritisch auftreten. Beide haben als Koloniemächte in Lateinamerika und im Kongo gewütet und Zivilisationen zerstört. Auch damals gab es Kritik gegen dieses Vorgehen, sie wurde aber überhört oder übergangen. Frankreich und Großbritannien, die beiden anderen großen Kolonialmächte, haben eine differenziertere Haltung in der Regierung, aber die Intellektuellen in beiden Ländern brechen ohne Gnade den Stab über Israel. Schwingt hier nicht mit, dass man auch in jüngster Zeit mit den Juden wieder einen Sündenbock gefunden hat, der für die Verbrechen des Kolonialismus herhalten soll? Man bekommt als Intellektueller den Ablass für die Sünden einer belasteten Vergangenheit, wenn man Israel nur stark genug kritisiert. Und man findet damit den Beifall der ehemals kolonisierten Länder finden. In Deutschland kommt dann noch die Erfahrung mit dem Holocaust hinzu, den man wenigstens etwas mit harscher Israel-Kritik relativieren kann.

Die Wut auf den jüdischen Staat ist in intellektuellen Kreisen vorbereitet worden. Der afrikanische Philosoph Achille Mbembé hat als Erster Israel als Apartheidsstaat kritisiert. Das wurde als Relativierung des Holocausts aufgefasst, auch wenn der Kameruner Intellektuelle dagegen protestiert. Danach begann sogar eine Debatte, ob der industrielle Massenmord der Nazis an den Juden nicht eine Auseinandersetzung unter Weißen war, die im Vergleich zum weltweiten Rassismus des Westens nur zweitrangige Bedeutung besitzt. „Die Exzeptionalisierung der NS-Zeit und des Genozids ist insofern problematisch, als sie eine tiefe Auseinandersetzung mit Rassismus häufig verhindert“, bemerkte etwa die französische Antidiskriminierungsforscherin und Aktivistin Emilia Roig, die jetzt in Berlin lebt. Sogar mit Opferzahlen wurde gerechnet und relativiert. Und den zionistischen Siedlern in Palästina wurde schließlich vorgeworfen, die gleichen Methoden wie die Nazis gegen die Palästinenser anzuwenden.

Der Autor David Nirenberg unterstellt den westlichen und islamischen Gesellschaften einen im Grunde religiösen Antisemitismus, der im Judentum die Ursache für alles Übel sieht. Damit verarbeiten die neuen Glaubensrichtungen ihre Abkehr vom Ursprung ihrer Religion. In säkularisierter Form ist das im linksliberalen Milieu des Westens nun erneut aufgebrochen – flankiert von religiösen Aktivisten der muslimischen Welt und des palästinensischen Widerstands. Es geht nicht darum, dass Israelis und Palästinenser einen tiefgreifenden Konflikt um Staatlichkeit und Schutz ihrer Volksgruppe haben, sondern die gesamte Geschichte ist eingebunden in eine globale Auseinandersetzung um die Strukturen des immer noch virulenten Kolonialismus und Rassismus. Der Westen hält sich danach die Israelis als letzte Trutzburg dieses Systems. Und wer eignet sich besser als Jüdinnen und Juden, wenn es um globale Schuldzuweisungen geht?

Die postkoloniale Debatte hat sich in ein menschenfeindliches Terrain verirrt. Es geht nicht um Lösungen komplizierter Konflikte, sondern um messianische Menschheitsrettung. Der „palästinensische Sieg“, so der aus Puerto Rico stammende Soziologe und Rassismusforscher Ramón Grosfoguel, einer der antizionistischen akademischen Wortführer, werde „die Menschheit auf eine höhere Bewusstseinsebene führen“. Wenn das die akademische Wirklichkeit an unseren Universitäten wird, müssen sich Juden auf alles gefasst machen.