Krieg in Nahost Geisel-Deal zeichnet sich ab – wie könnte die Einigung aussehen?

Kairo · Zwischen Israel und der militant-islamistischen Hamas scheint sich eine Einigung über eine Waffenruhe und die Freilassung von Geiseln anzubahnen.

Gaza: Demonstranten durchbrechen Kontrollpunkt
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Demonstranten durchbrechen Kontrollpunkt an Grenzübergang nach Gaza

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Foto: AFP/OREN ZIV

Als inoffizielle Frist für einen Deal gilt der Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan um den 10. März herum. Eine Übereinkunft würde den verzweifelten Menschen im Gazastreifen und den Familien der Geiseln, die beim Terrorangriff der Hamas und anderer Extremisten am 7. Oktober aus Israel verschleppt wurden, eine gewisse Erleichterung verschaffen.

Wie die mögliche Vereinbarung aussehen könnte

Nach Angaben eines hochrangigen ägyptischen Regierungsvertreters, der anonym bleiben wollte, würde die Hamas im Gegenzug für eine sechswöchige Waffenruhe einwilligen, bis zu 40 Geiseln freizulassen. Dabei soll es sich überwiegend um Zivilistinnen, mindestens zwei Kinder sowie ältere und kranke Gefangene handeln. Israel soll dafür mindestens 300 in israelischen Gefängnissen inhaftierte Palästinenser freilassen.

Israel würde den Angaben zufolge von den Kämpfen vertriebenen Palästinensern erlauben, in bestimmte Gebiete im nördlichen Gazastreifen zurückzukehren. Dort lag der Schwerpunkt zum Beginn der israelischen Militäroffensive.

Die ägyptische Quelle erklärte, während der Waffenruhe würden die Hilfslieferungen in das Küstengebiet verstärkt. Ziel seien 300 bis 500 Lastwagen täglich. Die Verteilung der Hilfsgüter im Gazastreifen solle ebenfalls erleichtert werden, indem Israel von Angriffen auf Konvois und sie begleitende Polizeikräfte unter Kontrolle der Hamas absehe. Ägypten nimmt bei den Gesprächen zusammen mit den USA und Katar eine Vermittlerrolle ein.

Knackpunkte

Beide Seiten präsentieren sich öffentlich in ihren Positionen wenig flexibel, wenngleich die Gespräche in Katar andauern. Sowohl Israel als auch die Hamas haben Berichte über Fortschritte heruntergespielt. In der Vergangenheit lagen die Forderungen beider Seiten weit auseinander, was Verhandlungen in die Länge zog.

Israel will, dass bereits in der ersten Phase von Geisel-Freilassungen alle in Gefangenschaft der Hamas befindlichen Soldatinnen freikommen. So schilderte es ein israelischer Vertreter, der anonym bleiben wollte. Die Hamas betrachtet Soldaten generell als wichtiges Faustpfand und Druckmittel und dürfte sich das Ansinnen deshalb verweigern.

Der ägyptische Vertreter sagte, die Soldatinnen könnten erst nach einer ersten Reihe von Freilassungen freikommen. Diskutiert werde auch über die Frage, wie vielen Palästinensern die Rückkehr in den nördlichen Gazastreifen erlaubt werde und ob man sich dabei auf Männer und Frauen über 50 Jahren beschränkt.

In den Gesprächen werde auch diskutiert, aus welchen Gebieten des Gazastreifens Israel Truppen abziehen könnte. Israel wolle aber verhindern, dass die Hamas von diesen Gebieten aus Attacken verübe. Zudem fordere Israel, dass die Hamas aufhört, den Süden Israels mit Raketen zu beschießen. Die Hamas habe bislang beide Forderungen abgelehnt.

Die sich abzeichnende Vereinbarung bietet Israel die Möglichkeit, nach ihrem Auslaufen in Rafah zu operieren. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Gazastreifens ist in die Stadt an der südlichen Grenze mit Ägypten und die umliegenden Gebiete geflüchtet. Israel hat das Ziel ausgelobt, die dort verbliebenen Hamas-Bataillone zu zerschlagen.

Was noch ausgehandelt werden muss

Während der vorübergehenden Waffenruhe wollen die beiden Seiten nach Angaben des ägyptischen Vertreters über eine Ausweitung der Vereinbarung verhandeln. Diese soll die Freilassung aller israelischen Soldatinnen in Hamas-Gefangenschaft beinhalten. Im Gegenzug soll eine größere Zahl inhaftierter Palästinenser freigelassen werden, darunter auch solche, die wegen tödlicher Attacken auf Israelis lange Haftstrafen verbüßen.

Nach den Soldatinnen will sich Israel um die Freilassung ihrer männlichen Kollegen bemühen, für die die Hamas einen hohen Preis fordert. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat deutlich gemacht, dass er einer Vereinbarung nicht um jeden Preis zustimmen werde. Doch die Familien der Geiseln, deren Schicksal die israelische Gesellschaft erschüttert hat, dürften den Druck erhöhen, wenn andere freigelassen werden.

Die USA hoffen, dass ein neuer Deal zum Ausgangspunkt für die Umsetzung ihrer Vision für die Zukunft des Gazastreifens nach dem Krieg wird - und letztlich in der Schaffung eines palästinensischen Staats mündet. Washington schwebt vor, dass der Gazastreifen von einer neu aufgestellten Palästinensischen Autonomiebehörde regiert wird, die Teile des israelisch besetzten Westjordanlands verwaltet. Israel will indes die allgemeine Kontrolle über die Sicherheit in dem Küstengebiet behalten und hat die Vorstellung zurückgewiesen, dass andere Mächte dort einen Staat schaffen könnten.

(albu/dpa)
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