Gespräch mit Deborah Feldman „Die Hamas ist eine Ideologie, sie lässt sich nicht auslöschen“

Interview | Berlin · Die jüdische Schriftstellerin Deborah Feldman spricht über Antisemitismus, den Gaza-Krieg und die tieferen Gründe für Deutschlands uneingeschränkte Solidarität mit Israel. Die deutsch-amerikanische Bestseller-Autorin fordert weniger blinde Gefolgschaft der deutschen Politik.

Deborah Feldman mit ihrem Hund (Archivbild).

Deborah Feldman mit ihrem Hund (Archivbild).

Foto: Christophe Gateau / dpa

Frau Feldman, Sie entstammen einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in den USA, sind vor ihr 2009 mit ihrem kleinen Sohn nach Berlin geflohen und haben sich seither als Schriftstellerin international etabliert. Wir treffen uns an einem wichtigen Gedenktag, dem 85. Jahrestag der Reichspogromnacht. Was bedeutet dieser Tag für Sie?

Feldman Der 9. November ist für mich ein sehr trauriger Tag, weil ich an meine Ahnen denke. Und weil ich das Gefühl habe, dass wir überhaupt nicht weitergekommen sind. Diese Nacht mündete in den Holocaust. Seit meiner Kindheit habe ich mich mit dem Holocaust beschäftigt. Ich musste das tun, um weiter leben zu können, um mein Leben lebbar zu machen. Ich musste den Schmerz meiner Großeltern verarbeiten, die dem Holocaust nur sehr knapp entkommen sind.

Was haben Ihnen Ihre Großeltern über den Holocaust erzählt?

Feldman Sie sprachen sehr wenig darüber als individuelle Erfahrung. Individuelles Denken war in unserer orthodoxen Gemeinde in New York nicht erwünscht. Weil sie so wenig darüber gesprochen haben, habe ich mich auf die Bücher von Holocaust-Überlebenden gestürzt. Sie haben eine ganz große Verantwortung gespürt, uns zu erklären, wie es dazu kommen konnte und was wir daraus lernen müssen. So hat Primo Levi eindringlich darauf hingewiesen, dass der Anfang von allem ist, wenn eigene Meinungen nicht mehr frei geäußert werden dürfen.

Ist es für Sie vorstellbar, dass sich Pogrome in einer anderen Form in Deutschland wiederholen?

Feldman Es ist für mich sehr gut vorstellbar, dass die Wut, der Frust, die Trauer, die Verzweiflung, die viele Menschen spüren, sich irgendwann auf den Straßen in Deutschland entladen. Denn viele Menschen haben das Gefühl, sich nicht mehr frei äußern zu dürfen. Die Politik, so ihr Eindruck, ignoriert ihre Meinungen und sagt den Menschen, was sie noch sagen dürfen.

Inwiefern werden in Deutschland Meinungen unterdrückt?

Feldman Ich denke zunächst an die vielen Juden, die hier leben und die sich nicht mit der israelischen Politik identifizieren. Wenn sie Israel kritisieren, darf das nicht sein. Ich meine auch viele Palästinenser und arabischstämmige Menschen, die das Gefühl haben, ihre Meinungen nicht frei äußern zu dürfen. Auch viele Deutsche fühlen sich mundtot gemacht. Sie erleben diesen Widerspruch: Ihnen wurde von klein auf beigebracht, dass sie sich gegen Rassismus und Gewalt wenden müssen. Aber jetzt wird ihnen plötzlich gesagt: Deine moralischen Instinkte sind falsch, du darfst nicht auf sie hören.

Wie meinen Sie das?

Feldman Die Bundesregierung sorgt derzeit für eine Atmosphäre, in der es problematisch ist zu sagen, dass auch unschuldige Zivilisten in Gaza getötet werden. Ihre einseitige Loyalität mit der rechtsnationalen Regierung Israels wird selbst dort sehr kritisch gesehen.

Was sind die tieferen Gründe für den verfestigten Antisemitismus in Deutschland?

Feldman Den Antisemitismus gibt es seit Jahrtausenden. Und seit vielen Jahrhunderten in Deutschland und Europa. Wir müssen den Mut haben uns endlich einzugestehen, dass wir den Antisemitismus vielleicht nie ganz loswerden. Nach der Nazi-Zeit gab es in Deutschland den verzweifelten Versuch, ihn ein für alle Mal zu tilgen. Der Antisemitismus ist hier mit ganz viel Leidenschaft bekämpft worden. Daraus ist dann aber kurioserweise ein unterdrückter Antisemitismus entstanden. Wir wollen ihn nicht sehen, ihn nicht spüren, nicht zugeben, dass er noch da ist. Deshalb verstecken wir ihn einfach. Und was hilft uns dabei? Wir stehen unverbrüchlich zu Israel und erklären seine Existenz sogar zur deutschen Staatsräson!

Wie empfanden Sie die viel gelobte Rede von Vizekanzler Robert Habeck gegen den Antisemitismus?

Feldman Ich glaube, er meint es gut, aber das reicht nicht. Er sieht sich jetzt mit den moralischen Einschränkungen der Politik konfrontiert. Dadurch lässt er aber außer acht, dass auch Politik auf Menschlichkeit gründen muss, und dass sie Solidarität mit allen unschuldigen Opfern bedeutet, nicht nur mit den israelischen Opfern.

Kritik an Israel wird oft mit Antisemitismus gleichgestellt. Warum?

Feldman In Deutschland dient die uneingeschränkte Solidarität mit Israel als ein Freispruch vom Vorwurf des Antisemitismus. Wenn Israel aber Wege geht, die man eigentlich nicht mehr unterstützen dürfte, Israel also die Freispruch-Rolle nicht mehr so einfach spielen kann, sehen sich viele Deutsche bedroht in ihrer eigenen Abgrenzung vom Antisemitismus. Deshalb wollen sie es sich selbst und anderen nicht erlauben Israel zu kritisieren. Die Solidarität mit Israel, die deutsche Staatsräson sind also ein Selbstschutz. Sie hat narzisstische Motive.

Dass Israelkritik bereits antisemitisch sei, wird einem aber vor allem von jüdischer Seite unterstellt.

Feldman Von welcher jüdischen Seite? Sie meinen die rechtskonservativen Jüdischen Gemeinden in Deutschland, die vom deutschen Staat finanziert werden? Die vertreten nicht die Meinung aller Juden in diesem Land.

Was sagen Sie dazu, dass das Existenzrecht Israels deutsche Staatsräson ist?

Feldman Die Staatsräson soll den Deutschen ihre Angst vor dem eigenen inneren Monster nehmen. Aber sie ist gleichbedeutend mit der Bereitschaft, gegenüber Israel blind zu sein. Sie sagt: Wir gucken nicht hin, was ihr mit den Palästinensern macht, wenn ihr nicht wollt, dass wir hinschauen. Die deutsche Politik läuft deshalb Gefahr, als nicht mehr eigenständig, sondern nur noch als Ableger von einem rechtsnationalen Israel wahrgenommen zu werden.

Was wünschen Sie sich stattdessen von der Bundesregierung?

Feldman Dass sie diese psychologischen Mechanismen durchschaut und sich emanzipiert. Dass sie in der Lage ist, einerseits an der Seite Israels zu stehen, andererseits aber auch Israels Politik im Gaza-Krieg zu kritisieren. Ich bin genau dafür am Freitag in Berlin demonstrieren gegangen. Wir dürfen den kritischen Diskurs über Israel in Deutschland nicht abwürgen.

Lässt sich die Hamas auslöschen, wie Israels Regierung es möchte?

Feldman Nein, die Hamas lässt sich nicht auslöschen. Sie ist eine Ideologie, die bestehen bleibt solange sie einen Nährboden hat. Und wenn die Hamas-Struktur zerstört werden sollte, dann kommt danach eine neue terroristische Organisation, die bereit wäre, Gaza zu kontrollieren. Du kriegst die Ideologie nicht aus den Köpfen heraus, wenn du nicht den Grund für den Hass entschärfst. Je mehr auch die Palästinenser in Freiheit, Sicherheit und Würde leben können, desto weniger Nahrung bekommt der Hass. Zur Zeit haben sie nahezu keine andere Möglichkeit, als sich dem Hass zu fügen.

Dass auf unseren Straßen, etwa in Essen, arabischstämmige Menschen die Errichtung eines islamistischen Kalifats in Deutschland fordern, was sagen Sie dazu?

Feldman Das ist unerträglich. Ich möchte Ihnen so antworten: Ein Freund von mir war in der israelischen Armee. Er hat versucht, sich zu erhängen, weil er es dort nicht mehr ausgehalten hat. Er glaubt, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Israel ein Land ist wie der Iran, regiert nur noch von religiösen Eiferern. Für die sind wir säkulare Juden die allerschlimmsten Feinde. Mir wurde der Tod gewünscht, weil ich meine ultraorthodoxe Gemeinde verlassen habe.

Ich bin gespannt, welchen Zusammenhang Sie herstellen wollen.

Feldman Wir müssen anfangen zu verstehen, dass die Radikalen in Israel wie alle anderen Radikalen auf der Welt sind: Sie sind Feinde der Demokratie, der Freiheit, genauso wie die Islamisten, die hier ein Kalifat errichten wollen. Wir müssen uns gegen diese Fundamentalisten stellen, egal ob sie muslimisch, jüdisch, oder christlich sind. Wenn die Deutschen wirklich aus der Vergangenheit lernen wollen, dann müssen sie sich immer und immer wieder an den ersten Artikel des Grundgesetzes erinnern: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Menschenrechte müssen überall für alle gelten.

Birgit Marschall führte das Gespräch.

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