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Der Westen bleibt Russlands Feindbild: Moskau rüstet seinen Vorposten auf

Der Westen bleibt Russlands Feindbild : Moskau rüstet seinen Vorposten auf

Die Region Kaliningrad dient Russland als militärisches Bollwerk nach Westeuropa. Der Hafen Baltijsk ist die Basis der Baltischen Flotte. Die russische Marine veranstaltet zwar gemeinsame Manöver mit der Nato und ordert ihre Schiffe neuerdings auch in Frankreich. Trotzdem bleibt der Westen das Feindbild – und die wirtschaftlichen Probleme sind gewaltig.

Die Region Kaliningrad dient Russland als militärisches Bollwerk nach Westeuropa. Der Hafen Baltijsk ist die Basis der Baltischen Flotte. Die russische Marine veranstaltet zwar gemeinsame Manöver mit der Nato und ordert ihre Schiffe neuerdings auch in Frankreich. Trotzdem bleibt der Westen das Feindbild — und die wirtschaftlichen Probleme sind gewaltig.

Die Ostsee schimmert blau in der Frühlingssonne. Der Wind bläst über den Sandboden, streicht durch vertrocknetes Gras. Man ahnt das Rauschen des Meeres. Doch plötzlich tobt die Hölle. Haubitzen bellen dumpf, Granatwerfer krachen, Maschinengewehre knattern.

Die Einschläge lassen den Sand aufspritzen. Schützenpanzer rollen ins Gelände, Soldaten springen heraus und feuern Salven aus ihren Kalaschnikows. "Die Attacke des Gegners wurde erfolgreich beantwortet", knarzt eine Stimme aus dem Lautsprecher oben auf dem Gefechtsstand.

Üben für den Krieg

Die russische Marineinfanterie übt am Ostseestrand bei Kaliningrad für den Krieg. Die Region um das ehemalige Königsberg dient Russland als militärischer Vorposten. Rund 25.000 Soldaten sind hier stationiert — das ist die doppelte Stärke der gesamten Armee im Nachbarland Litauen. Der Hafen von Baltijsk (einst Pillau) ist die Hauptmarinebasis der Baltischen Flotte. Hier liegen schon heute 85 Kriegsschiffe und eine Handvoll U-Boote. Aber Moskau will die russische Exklave zwischen Polen und Litauen noch weiter aufrüsten.

Als Antwort auf die Stationierung des Nato-Raketenabwehrschirms in Osteuropa erhält die Baltische Flotte moderne Flugabwehrsysteme vom Typ "S-400". Außerdem sollen "Iskander"-Raketen ins Gebiet Kaliningrad verlegt werden. Die russische Führung glaubt felsenfest weiter an eine militärische Bedrohung aus dem Westen.

Soldaten-Stolz

Oberstleutnant Michail Sergejenko ist mit dem Ablauf der Übung zufrieden. "Das sind alles meine Jungs, Wehrpflichtige nach ein paar Monaten Ausbildung", sagt der Offizier. Keuchend kommen die Soldaten aus dem Gelände. "Ich bin stolz, dass ich hier in Kaliningrad dienen kann", sagt Ildar Kotschkarow und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Der 20-jährige Rekrut ist Tatare, er stammt aus Kasan an der Wolga. Die Aufgaben bei der Marineinfanterie findet er interessant. Trotzdem will er nach dem einjährigen Wehrdienst sein Studium fortsetzen, statt sich als Zeitsoldat zu verpflichten, wie manche seiner Kameraden es tun.

Für das Militär ist Geld für moderne Ausrüstung da

Baltijsk war bis 1991 als geschlossene Stadt selbst für Sowjetbürger gesperrt. Jetzt zeigen die Militärs bereitwillig einer Gruppe von westlichen Journalisten die Kasernen und das Trainingsgelände. Die Modernisierungsbemühungen der russischen Armee zeigen hier offenbar Wirkung: Die Rekruten schlafen in Sechsbett-Stuben, nicht mehr in großen Schlafsälen. Sie tragen Kampfanzüge aus atmungsaktivem Stoff, ziehen ihren Sold aus dem Geldautomaten und essen in der Kantine eines privaten Betreibers. "Hier muss niemand mehr Kartoffeln schälen. Das läuft alles im Outsourcing, damit unsere Männer mehr Zeit für die Ausbildung haben", sagt Oberstleutnant Sergejenko.

Fragen zur Politik sind allerdings nicht erlaubt: Bei allen Gesprächen mit den Uniformierten steht eine Vertreterin des Verteidigungsministeriums direkt daneben. Der Kommandeur der Baltischen Flotte sagt ein vereinbartes Interview kurzfristig ab. Die neue Offenheit hat eben ihre Grenzen.

Manöver mit der Nato

Der Himmel ist grau und verhangen. Sprühregen fegt über das Hafenbecken von Baltijsk. Sergej Skornjakow steht auf der Brücke der Fregatte "Jaroslaw Mudry" und schwärmt — von gemeinsamen Manövern mit der Nato. "Wir sind inzwischen richtige Freunde, unser Schiff war auch schon in London und Kiel zu Besuch", erzählt der Erste Offizier (33). Der blonde Sibirier strahlt unter seiner kreisrunden Uniformmütze, wenn er von Wettrennen auf See berichtet: "Unsere Fregatte war nicht schlechter als die Nato-Schiffe!"

Die "Jaroslaw Mudry" mit ihren 188 Mann Besatzung zählt zu den modernsten Kriegsschiffen der Baltischen Flotte. Ihre Geschichte ist typisch für das Dilemma des russischen Rüstungssektors: 1990 in Kaliningrad auf Kiel gelegt, wurde die Fregatte fast 20 Jahre lang nicht fertig gebaut. Erst 2009 konnte sie in Dienst gestellt werden. Ein Schwesterschiff wurde noch im Rohbauzustand verschrottet.

Neue Kriegsschiffe aus Frankreich

Offizier Skornjakow lobt die "komfortablen Bedingungen" für die Besatzung. Doch in der Offiziersmesse verbreiten Sperrholz Täfelung und Metallrohrstühle den Charme der Sowjetzeit. Hinter den Instrumenten auf der Brücke quillt ein Wirrwarr von Kabeln hervor. An die Wand hat jemand eine weiße Haushaltssteckdose geschraubt — wohl ein etwas hilfloser Versuch, irgendwie Ordnung in das Chaos zu bringen.

Inzwischen ordert die russische Marine ihre Kriegsschiffe im Westen. Im vergangenen Jahr wurde mit Frankreich ein Vertrag über die Lieferung von vier Hubschrauberträgern der "Mistral"-Klasse abgeschlossen. Sergej Skornjakow findet das in Ordnung: "Das ist eben Partnerschaft. Zu Sowjetzeiten wurden unsere Schiffe ja auch in Polen gebaut." Sieht er die Nato- Länder überhaupt als Feind? "Unsere persönlichen Kontakte sind das eine, der Staat das andere", sagt der Offizier, "wenn der Befehl kommt, die Heimat zu verteidigen, werden wir es tun."

Putin will massiv aufrüsten. Gegen den Westen.

Die Begleiterin aus dem Moskauer Verteidigungsministerium atmet bei dieser Antwort tief durch. Zum Anfang des Jahres wurden die Bezüge für alle Militärangehörigen kräftig erhöht — ein Geschenk von Wladimir Putin vor seiner Wahl zum Präsidenten im März. Ein Zeitsoldat bei der Marine verdient jetzt 1000 Euro im Monat. Das ist fast das Doppelte des russischen Durchschnittslohns. Ein Offizier kann mit 2000 Euro rechnen.

Für die kommenden Jahre seiner Präsidentschaft hat Putin eine "beispiellose Aufrüstung" angekündigt. Fast 600 Milliarden Euro sollen für neue Raketen, Panzer, Kampfflugzeuge und U-Boote ausgegeben werden. Und in seiner Rhetorik lässt Putin keinen Zweifel: Dieses Waffenarsenal ist gegen den Westen gerichtet.

Viele sind zwiegespalten

Die Menschen in Kaliningrad haben zu dem Säbelrasseln aus Moskau und der Militärpräsenz in ihrer Region ein widersprüchliches Verhältnis. "Wir leben hier in Europa, überhaupt nicht wie auf einer Insel", sagt Maksim Kusnezow (20), der schon öfter im Nachbarland Polen war. Trotzdem glaubt er, die Aufstellung der "Iskander"-Raketen sei nötig. "Wir müssen doch den USA die Stirn bieten."

Ähnlich sieht es der Rentner Aleksej Subkow: "Die Amerikaner sagen zwar, der Raketenschirm sei nicht gegen uns gerichtet. Aber warum stellen sie ihn dann gleich bei uns um die Ecke in Polen auf?"

Die Stimmung ist elend

Der pensionierte Monteur findet allerdings, wichtiger als Investitionen in Militär- Projekte sei die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen in der Region Kaliningrad. Die wirtschaftliche Situation in der Exklave ist nicht gut. Aus der einst geplanten Sonderwirtschaftszone mit dem schönen Namen "Bernstein" ist nichts geworden, weil der Zentrale der politische Wille dazu fehlt. Arbeitslosigkeit und soziale Misere drücken auf die Stimmung in Kaliningrad. Bei der Präsidentenwahl erhielt Wladimir Putin hier nur 52 Prozent der Stimmen — das schlechteste Ergebnis von allen Regionen.

Auch viele Lokalpolitiker sehen die forcierte Militarisierung mit Skepsis. Die strategische Bedeutung der Baltischen Flotte werde stark übertrieben, sagt der unabhängige Stadtparlamentarier Solomon Ginsburg: "Bei der Nato erwägt doch niemand ernsthaft, auf der Ostsee einen Seekrieg zu beginnen." Russland habe andere Möglichkeiten, im Sicherheitsgefüge der modernen Welt seine territoriale Einheit zu erhalten.

Deshalb hält Ginsburg es auch für unwahrscheinlich, dass die "Iskander"-Raketen stationiert werden. "Das ist nur die Rhetorik eines halbdiktatorischen Regimes, das immer ein Feindbild braucht", sagt der Lokalpolitiker. Es klingt ein wenig, als wolle er sich selbst beruhigen.

(pst)