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Tödliche Attacke auf Abgeordneten 1996: Mordanklage gegen Timoschenko noch vor der EM?

Tödliche Attacke auf Abgeordneten 1996 : Mordanklage gegen Timoschenko noch vor der EM?

Der psychische Druck auf die ukrainische Oppositionsführerin Julija Timoschenko wächst: Der stellvertretende Generalstaatsanwalt Renat Kusmin sagte in einem Interview, dass die schwer erkrankte Politikerin in Kürze mit einer Mordanklage rechnen müsse.

Kusmin sagte dem Internetportal Euractiv.com weiter, die diesbezüglichen Ermittlungen seien in einem Stadium, die es erlauben würden, dass seine Behörde "in zwei Wochen" Anklage erheben könne. Das würde bedeuten, dass der Vorgang noch vor Beginn der Fußball-EM starten würde.

Bei dem angesprochen Fall handelt es sich um den Mord am ukrainischen Abgeordneten und Geschäftsmann Jewhen Schtscherba. 1996 wurde der Mann zusammen mit seiner Frau und zwei weiteren Personen auf dem Flughafen von Donezk beim Verlassen eines Privatjets erschossen. Die Täter waren als Polizisten verkleidet. 2003 waren mehrere Männer der Tat für schuldig befunden worden. Die Auftraggeber blieben bis heute im Dunkeln.

Besuch aus der EU

Timoschenko bekam am Freitag erstmals Besuch aus der EU. Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite bezeichnete den Zustand der 51-Jährigen als gut. Zugleich warnte Grybauskaite jedoch nach dem Treffen mit Timoschenko in einem Krankenhaus von Charkow die Führung in Kiew: "Europas Vertrauen in die Ukraine nimmt ab."

Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch meldete sich nach Tagen des Schweigens erstmals zu Wort und nannte den scharfen internationalen Streit um Timoschenko "vorübergehend". Der Fall sei politisiert, aber das gehe vorbei, sagte Janukowitsch in Kiew. Zu den schweren Verstimmungen mit der EU bemerkte der umstrittene Staatschef, beide Seiten hätten Ende März ein Assoziierungsabkommen paraphiert. "Die Pause, die nun eingetreten ist, hat für uns beide ihren Nutzen", betonte Janukowitsch, der als größter Rivale Timoschenkos gilt.

Grybauskaite betonte, die europäische Perspektive der früheren Sowjetrepublik hänge auch davon ab, inwieweit Timoschenko das Recht auf angemessene Behandlung gewährt werde. Die Ex-Regierungschefin wird seit ihrer Verlegung vom Gefängnis in Charkow rund 450 Kilometer östlich der Hauptstadt Kiew am Mittwoch vom Berliner Neurologen Lutz Harms betreut. "Sie befindet sich in einem guten Zustand, wenn man berücksichtigt, dass sie aus einem 20-tägigen Hungerstreik kommt", sagte Grybauskaite. Allerdings habe Harms mit Besorgnis gesagt, dass die Inhaftierung ein Hindernis bei der Gesundung darstellen könne.

  • Fotos : Julia Timoschenko und ihre Verletzungen
  • Fotos : Jewgenija Timoschenko zu Besuch in Deutschland
  • Fotos : Zu Besuch vor Timoschenkos Gefängnis in Charkow

EU kritisiert Ukraine

Die EU kritisiert den Umgang mit der Oppositionsführerin scharf. Aus Protest bleibt die EU-Kommission im Juni den Spielen der Fußball-Europameisterschaft im Co-Gastgeberland fern. Der ukrainische Regierungschef Nikolai Asarow sagte, er hoffe auf ein besonders gutes Abschneiden der ukrainischen Nationalmannschaft bei dem Turnier. "Das wäre die richtige Antwort auf Boykottaufrufe", teilte er in Kiew mit.

Zu Konsultationen mit Abgesandten der Bundesregierung traf sich Generalstaatsanwalt Viktor Pschonka in Kiew. Die Ukraine danke Deutschland für ihren Anteil an der ärztlichen Behandlung von Timoschenko, sagte Pschonka bei dem Treffen mit Kanzlerberater Christoph Heusgen und Staatssekretärin Emily Haber.

Timoschenko ließ unterdessen mitteilen, dass sie die Behandlung durch Ärzte der Berliner Klinik Charité persönlich bezahle.
Behauptungen, dass die Bundesregierung oder der ukrainische Staat dafür aufkommen müssten, seien eine Provokation, sagte ihr Anwalt Sergej Wlassenko. Er kritisierte die Leitung des Krankenhauses in Charkow. Das Personal halte Lebensmittel zurück und verhindere damit, dass der Neurologe Harms die 51-Jährige aus einem dreiwöchigen Hungerstreik herausführen könne, sagte der Verteidiger. Das Krankenzimmer von Timoschenko nannte er "alles andere als Luxus".

Mit Agenturmaterial

(felt)