Mitt Romney: Der Anti-Trump, der keiner ist

US-Republikaner : Der Anti-Trump, der keiner ist

Seit Mitt Romney den Präsidenten unlängst scharf kritisiert hat, gilt er als potenzieller Anführer einer Rebellion der Republikaner. Wohl zu Unrecht.

Es war Klartext pur. Kein Schnörkel, kein Sowohl-als-auch. „Ein Präsident sollte uns einen“, schrieb Mitt Romney, „er sollte uns inspirieren, unseren besseren Engeln zu folgen“. In Zeiten, in denen die Nation derart gespalten, gereizt und zornig sei, sei es unverzichtbar, dass der Präsident mit Charakterstärke führe. „Und es ist in diesem Bereich, in dem die Defizite des Amtsinhabers besonders krass sind.“

Der Kommentar erschien am Neujahrstag in der „Washington Post“, seither gilt Romney als potenzieller Anführer einer Rebellion gegen Donald Trump. Ähnliches hatte man schon einmal erwartet, im Frühjahr 2016, als sich abzeichnete, dass Trump seine innerparteilichen Konkurrenten im Rennen ums Weiße Haus klar abhängen würde. Mit einem verzweifelten Auftritt versuchte ihm Romney den Wind aus den Segeln zu nehmen, damals so etwas wie der inoffizielle Sprecher des konservativen Establishments, das seine Felle davonschwimmen sah. Zornig warnte er vor einem Betrüger, der die Wähler mit seinem „Make America Great Again“ auf roten Baseballkappen für dumm verkaufe.

Mittlerweile 71 Jahre alt, ist Romney gerade in den US-Senat eingezogen, wo er Utah vertritt, den Mormonenstaat zwischen Rocky Mountains und Großem Salzsee. Einst Gouverneur von Massachusetts, 2012 im Zweikampf mit Barack Obama unterlegener Präsidentschaftsbewerber, meldet er sich zurück auf der politischen Bühne. Die furiose Art, wie er es tut, heizt Gerüchte an, nach denen er 2020 antreten wird, um Trump herauszufordern. Was ein ausgesprochen rebellischer Akt wäre, denn einem Präsidenten, der nach vier Jahren wiedergewählt werden möchte, fährt die eigene Partei in aller Regel nicht in die Parade. Zumal die Mitglieder der „Grand Old Party“ zu 89 Prozent gutheißen, was der Mann an der Staatsspitze tut.

Solange sich daran nichts ändert, wäre ein offener Aufstand gegen Trump wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt. Relevanter ist die Frage, ob sich Romney nach und nach als das profiliert, was John McCain bis zu seinem Tod im vergangenen August war. Als Stimme des Widerstands, der noch nicht Vereinnahmten unter den Republikanern. Als Anti-Trump.

Die Rolle zu spielen ist undankbar, denn die Partei Abraham Lincolns, Teddy Roosevelts und Ronald Reagans hat sich das „America first“ des Populisten weitgehend zu eigen gemacht. Die nach dem Zweiten Weltkrieg lange dominierende Fraktion der Freihändler, für die Romney beispielhaft steht, ist so geschwächt, dass sie einem Protektionisten, der von sich sagt, er sei ein Mann der Zölle, kaum ernsthaft Paroli zu bieten vermag. Die Fraktion der Interventionisten, bis vor Kurzem symbolisiert durch McCain, hat nach der Ernüchterung des Irakkrieges nachhaltig an Einfluss verloren. Wenn Trump erklärt, Amerika dürfe nicht mehr der Weltpolizist sein, ausgenutzt von den Trittbrettfahrern der westlichen Allianz, dann gibt es in den Reihen der Konservativen nur noch wenige, die ihm öffentlich widersprechen.

Zwei Senatoren, die gelegentlich scharfe Kritik übten, auch wenn sie bei Abstimmungen häufig auf der Trump-Linie lagen, haben den Kongress Anfang Januar verlassen. Der eine, Jeff Flake, sorgte für Aufsehen, als er am Rednerpult der Senatskammer davor warnte, Amerikas Werte auszuhöhlen und die Bündnisse des Landes infrage zu stellen: „Die nächste Generation wird uns fragen, warum habt ihr nichts getan, warum habt ihr den Mund nicht aufgemacht?“ Der andere, Bob Corker, verglich das Weiße Haus mit einem Kindergarten, in dem Erwachsene immerzu aufpassen müssten auf Donald Trump. Der Texaner Ted Cruz, vor drei Jahren während des Kandidatenwettlaufs Trumps härtester Gegner, stimmt seit geraumer Zeit nur noch Loblieder an auf den Rivalen, der ihm seinerzeit den Spitznamen „Lügender Ted“ verpasste. Bleibt Romney. Der allerdings hat sein Fähnlein schon zu oft nach dem Wind gehängt, als dass man ihm das Rückgrat zutraut, das einer braucht, um gegen Trump zu bestehen.

Im Sommer 2016 blieb er noch demonstrativ fern, als der republikanische Nominierungsparteitag den Milliardär offiziell zum Kandidaten fürs Oval Office kürte. Monate später war auch Romney bereit, zu Kreuze zu kriechen, als Trump ihn in die engere Wahl für das Amt des Außenministers zog. Aber Trump hatte Romney nur vorgeführt und zu einem peinlichen Kniefall gezwungen. Die Episode bestärkt all jene, die in dem Senator als Utah eher ein Chamäleon als einen Rebellenführer in spe sehen.

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