Sicherheitskonferenz: Millionen Hilferufe verhallen in München

Sicherheitskonferenz: Millionen Hilferufe verhallen in München

Viele leere Reihen bestätigen bei der Münchner Sicherheitskonferenz, was auf der Bühne Libanons Ministerpräsident Tammam Salam als die "wahre Katastrophe" bezeichnet: Dass die Welt die größte Flüchtlingskatastrophe aller Zeiten und die wachsenden Grausamkeiten der Terrororganisation Islamischer Staat als "Nicht-Ereignis" nicht mehr wahrzunehmen beginnt.

Es ist 22.30 Uhr, viele Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz, die sich am Nachmittag noch um die sich auflösenden Sicherheitsstrukturen der Welt sorgten, haben sich bei Hellem und Weizen Nachberatungen im kleinen Kreis im Münchner Nachtleben zugewandt, da kommt auf der Bühne ein Thema zur Sprache, für das immer wieder die Worte fehlen. Ein Videofilm bringt die Perspektive derer in den Saal, über die ansonsten nur pauschal und teilnahmslos-bedauernd berichtet wird: die Erlebnisse der Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflüchtet und den Weg über das Mittelmeer gewagt haben. Anderen gelinge es, über Skype oder Facebook Kontakt zu ihren Liebsten herzustellen, sagt ein Flüchtling mit brüchiger Stimme. Er weiß nicht, wo seine Frau geblieben ist. "Sie ist immer noch offline", schluchzt er.

Salt Sherry, Generalsekretär von Amnesty International, versucht die Dimension zu verdeutlichen und beklagt, dass wir "stumpf vor diesem Problem von Millionen grausamen Einzelschicksalen" würden. 3,8 Millionen Flüchtlinge hätten die fünf Nachbarländer Syriens aufgenommen, 27 EU-Staaten zusammen jedoch nur 9000. Er bietet weitere Details unter dem Twitter-Hashtag "OpenToSyria".

Libanons Ministerpräsident Tammam Salam nennt weiter Zahlen: Bei vier Millionen Einwohnern habe sein Land 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen - zusätzlich zu den 500.000 Palästinensern, die seit Jahrzehnten "vorübergehend" im Libanon lebten. Jeder zweite Einwohner sei also ein Flüchtling. "Das ist eine Katastrophe" sagt der Regierungschef, und verweist auf wachsende Herausforderungen für Kriminalität, Armut und Elend in seinem Land.

Und: "Mit jedem Tag wird die Situation schlimmer." Er appelliert an Europa, sich nicht darauf zu beschränken, die eigenen Türen vor den Feuern zu schützen, sondern die Feuer zu löschen. Es gehe darum, so schnell wie möglich eine politische Lösung für Syrien durchzusetzen und in einem ersten Schritt Flüchtlinge in sichere Teile Syriens umzusiedeln. "Auch die Amerikaner und Russen müssen endlich einsehen, dass es so nicht weitergeht", klagt Salam,

  • Fotos : Zu Besuch bei Flüchtlingen im Libanon

Weitere Grausamkeit in Zahlen kommt zur Sprache: Dass 2011 schon Rekorde gebrochen wurden, als sich täglich 11.000 Menschen zur Flucht entschlossen, dass es nun mehr als 23.000 seien. Dass inzwischen schon 27.000 im Mittelmeer ertrunken sind. Denken die Urlauber beim Blick auf das herrliche Meer daran, dass sie gleichzeitig auf das Grab von vielen tausend Menschen blicken?

UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres appelliert, dass der Syrien-Krieg endlich beendet werden müsse, dass es der internationalen Gemeinschaft aber offenbar an dem nachhaltigen Willen dazu fehle. Und auch Deutschlands Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) belässt es nicht nur bei einem Lob für die EU-Entscheidung, eine Extra-Milliarde als Sonderhilfe für die Flüchtlinge bereitzustellen, er beklagt zugleich eine andere Schieflage: Weltweit würden jährlich 1700 Milliarden ins Militär gesteckt, aber nur 130 Milliarden in die Entwicklungszusammenarbeit. Dieses Missverhältnis müsse abgebaut werden.

Es geht auf Mitternacht zu, da zeigt sich eine besondere politische Symbiose. Grünen-Politikerin Claudia Roth stellt sich hinter den CSU-Minister Müller, der gerade seine Stimme in einer anschwellenden Erkältung verloren hat: "Wir brauchen Sie und Ihr Engagement", sagt die Grüne zu dem Schwarzen. Die Bundestagsvizepräsidentin erinnert daran, dass das Flüchtlingsthema schon bei der letzten Sicherheitskonferenz in die Nachtstunden verbannt worden war und plädiert dafür, im nächsten Jahr endlich mal eine andere Zeit zu finden. Dann könnten vielleicht auch mal diejenigen im Saal sein, die die Hauptverantwortung für die internationale Sicherheitspolitik tragen, für eine Situation, die Guterres auf eine einfache Formel bringt: "Wir haben keine bipolare Welt, wir haben keine multilaterale Welt, wir haben eine chaotische Welt."

Unser Archivbild zeigt Libanons Ministerpräsident Tammam Salam. Foto: afp, FC
(may)
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