Milliarden-Risiko für die Türkei - Erdogans teurer Krieg in Syrien

Einmarsch : Erdogans teurer Krieg in Syrien

Wirtschaftlich könnten die Feldzüge in Nordsyrien die Türkei noch teuer zu stehen kommen. Schon jetzt haben die Einsätze Milliarden gekostet.

Der türkische Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan führt einen Krieg in Nordsyrien, der ihm innenpolitisch schon genutzt hat: So konnte er nationalistische Gefühle bedienen, große Teile der Bevölkerung hinter sich vereinen und seine zuletzt stark gesunkenen Beliebtheitswerte anheben.

Aber was bedeutet die als „Friedensquelle“ betitelte Invasion wirtschaftlich für die Türkei? Die Kosten des Kriegs hat Ankara der Öffentlichkeit bisher nicht dargelegt, sowenig wie jene der zwei vorangegangenen Syrien-Interventionen „Schutzschild Euphrat“ 2016 und „Olivenzweig“ im kurdischen Afrin 2018. Doch Erdogan selbst erkennt einen direkten Bezug zu den wirtschaftlichen Problemen der Türkei. Als die rasende Inflation von rund 20 Prozent im Frühjahr die Chancen seiner islamischen Regierungspartei AKP bei den Kommunalwahlen zu beeinträchtigen drohte, appellierte er an die Wähler, statt über den Preisanstieg zu lamentieren, lieber über den „Preis einer Kugel“ nachzudenken. „Was kostet die Uniform meines Soldaten und der Kampf, den er gegen Terroristen führt? Denkt darüber nach.“

Die staatliche türkische Rüstungsfirma MKEK verkauft Nato-Patronen für umgerechnet rund 30 Cent pro Stück. Drei Kugeln haben derzeit auf Istanbuler Märkten den Gegenwert von einem Kilo der Grundnahrungsmittel Tomaten oder Kartoffeln. Unmöglich zu kalkulieren ist der Munitionsverbrauch. „Ein US-Marinesoldat verschießt am Tag manchmal 24.000 Schuss. Bei den Türken und Syrern wird man aber von deutlich weniger ausgehen“, sagt der Berliner Militärexperte Otfried Nassauer.

Laut türkischen Medienberichten beteiligen sich an der Invasion mindestens 15.000 Soldaten der türkischen Armee sowie 14.000 syrische FSA-Kämpfer. Im August 2018 betrug der monatliche Sold eines von der Türkei bezahlten syrischen Kämpfers in der Provinz Azaz gemäß einem Reuters-Bericht 800 Lira. Demzufolge verschlingen die Zuwendungen für die Söldner mindestens 11,2 Millionen Lira, rund 1,75 Millionen Euro pro Monat. Das türkische Militär besteht hingegen überwiegend aus Wehrpflichtigen.

Am klarsten erschließen sich die Kosten der türkischen Kampfeinsätze bei einem Blick auf das Militärbudget. Ende April legte das Internationale Friedensforschungsinstitut Sipri in Stockholm seine neuesten Daten über die weltweiten Militärausgaben vor. Demnach verzeichnete die Türkei unter den Top-15-Ländern im Jahr 2018 weltweit den höchsten Anstieg. Die Aufwendungen stiegen um 24 Prozent von rund 18 Milliarden Dollar im Jahr 2017 auf ein Allzeithoch von rund 22 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr und werden im diesjährigen Budgetentwurf auf 24,8 Milliarden Dollar angesetzt. Im letzten Jahrzehnt steht die Türkei bei der Steigerung ihres Militäretats weltweit an zweiter Stelle hinter China. Die Ausgaben machten 2,5 Prozent des türkischen Bruttoinlandsproduktes und ein Prozent der Militärausgaben weltweit aus.

Sipri führte den enormen Ausgabenanstieg vor allem auf die Interventionen in Nordsyrien zurück. Der Parlamentsabgeordneten Erdogan Toprak von der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP bezifferte die Kosten der zwei bisherigen Syrieneinsätze im August auf rund 40 Milliarden Dollar – ebenso viel wie die offiziellen Aufwendungen seit 2011 für die 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge im Land.

„Die enorme Steigerung der Verteidigungskosten hängt eindeutig mit den Kampfeinsätzen in Syrien zusammen“, sagt der der im französischen Exil lebende Ökonom und türkische Budgetexperte Eser Karakas. „Die genaue Summe ist wegen zahlreicher unbekannter Faktoren nicht kalkulierbar. Wir können aber mit Sicherheit sagen, dass das Militärbudget auch dieses Jahr noch höher als veranschlagt sein wird.“

„Ökonomisch wird sich die Operation Friedensquelle für die Türkei mit Sicherheit nicht rechnen“, sagt Karakas. „Das Haushaltsdefizit wird weiter steigen, die Inflation wird angeheizt, wirtschaftlich ist es ein Verlustgeschäft, das Erdogan aus den Rücklagen der Zentralbank finanziert.“