Midterms: Die Wahl der Frauen

Kongresswahlen in den USA: Die Wahl der Frauen

Die Demokraten haben wieder die Mehrheit im US-Repräsentantenhaus, vor allem weil die Frauen der Mittelschicht gegen Präsident Donald Trump aufbegehrten. Im „House“ sitzen jetzt mindestens 100 weibliche Abgeordnete.

Nancy Pelosi steht an einem Rednerpult, doch bevor sie etwas sagt, führt sie ein Freudentänzchen auf. „Speaker! Speaker! Speaker!“, skandiert die Menge, an die sich Pelosi gleich wenden wird. Ob sie es wird, Sprecherin, also Chefin des Repräsentantenhauses, darüber muss ihre Partei noch entscheiden. Und in der gibt es Stimmen, die halten die 78-jährige Veteranin aus Kalifornien erstens für zu alt und zweitens für zu sehr von der Westküste und zu wenig vom Rust Belt geprägt, als dass man ihr den Posten anvertrauen sollte.

Aber darüber zu diskutieren, dafür ist jetzt nicht der Moment. Der Freudentanz verrät, wie viel Anspannung von dieser Frau gewichen ist. „Morgen bricht ein neuer Tag in Amerika an“, ruft sie, als sie schließlich redet.

Es ist, als wären an diesem 6. November zwei verschiedene Wahlen über die Bühne gegangen. Die Demokraten haben den Republikanern, nach acht Jahren in der Minorität, die Mehrheit im Abgeordnetenhaus abgenommen. Die Republikaner wiederum haben ihre Majorität im Senat nicht nur behauptet, sondern noch ausgebaut. Mike Allen, Gründer von Axios, einer für Washington-Insider unverzichtbaren Online-Plattform, bringt es kurz und knapp auf den Punkt. Die Midterms, doziert er, hätten einen gespaltenen Kongress produziert, symbolisch für die Spaltung des Landes.

Die Demokraten mussten netto 23 Mandate im Abgeordnetenhaus hinzugewinnen, um die Mehrheit zu bilden. Die Hürde haben sie relativ locker genommen, vor allem, weil die Frauen der Mittelschicht aufbegehrten gegen einen Präsidenten, für den sie sich schämen – wegen seiner Sprache, seiner Lügen, seiner Verharmlosung sexueller Übergriffe. In Suburbia, im prosperierenden Vorortmilieu um die Großstädte, verpassten sie Trump einen Denkzettel, indem sie sich trotz guter Wirtschaftslage von den Republikanern abwandten. Ob in New York, New Jersey, Pennsylvania, Virginia, Illinois, Texas oder Kalifornien: In Suburbia sammelten die Demokraten genügend Mandate ein, um die Verhältnisse zu kippen.

„The Year of the Woman“ lautet tags darauf eine oft wiederholte Medienschlagzeile. Was nicht allein an den rebellischen Wählerinnen aus dem Speckgürtel liegt, sondern auch an einem neuen Rekord. Mindestens 100 Frauen dürften im Repräsentantenhaus mit seinen 435 Sitzen vertreten sein, darunter erstmals zwei Musliminnen, Rashida Tlaib (42) aus Michigan und Ilhan Omar (36) aus Minnesota.

Die Wähler Detroits, der heruntergekommenen Autostadt, haben Tlaib in den Kongress delegiert. Ihr Vater, eingewandert aus dem Westjordanland, stand bei Ford am Fließband. Rashida, das älteste von 14 Kindern, war die Erste in der Familie, die ein College besuchte. Bereits 2008, als Barack Obama das Duell ums Weiße Haus für sich entschied, wurde sie ins Bundesstaatenparlament Michigans gewählt, wo sie sich auf dem linken Flügel profilierte.

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Heute plädiert sie für Universitäten ohne Studiengebühren. Sie fordert eine Gesundheitsreform, die die steuerfinanzierte Versorgung von Senioren auf alle Altersgruppen ausdehnt. Die Ausgaben fürs Militär will sie drastisch kürzen, den Mindestlohn auf 15 Dollar pro Stunde erhöhen. Omar floh mit ihrer Familie im Alter von acht Jahren aus Somalia. Seit 1997 lebt sie in den USA.

Auch Alexandria Ocasio-Cortez, das schillerndste Nachwuchstalent der Demokraten, ist dem linken Flügel zuzuordnen. Die New Yorkerin, die sich als demokratische Sozialistin bezeichnet, ist mit 29 Jahren die jüngste Frau, die jemals in den Kongress gewählt wurde.

Im linksliberalen Ostküstenstaat Massachusetts zieht mit Ayanna Pressley zum ersten Mal eine afroamerikanische Kandidatin ins Parlament in Washington ein. In Virginia besiegte die Demokratin Abigail Spanberger, einst CIA-Agentin, mit dem konservativen Amtsinhaber Dave Brat eine Symbolfigur der rechten Tea-Party-Rebellion.

In New Jersey ist es Mikie Sherrill, eine ehemalige Hubschrauberpilotin der Kriegsmarine, die vom Zorn vieler Frauen der Mittelschichten auf Donald Trump profitiert. Ihr Gegner, ein von Trump ausdrücklich zur Wahl empfohlener Republikaner, hatte es abgelehnt, die Organisation „Planned Parenthood“, in deren Kliniken Frauen abtreiben können, aus staatlichen Mitteln zu finanzieren. Sherrill setzt sich für gründlichere Personalüberprüfungen ein, um den Verkauf von Schusswaffen zu erschweren.

Auch Elaine Luria und Chrissy Houlahan, die in Virginia beziehungsweise Pennsylvania gewannen, dienten einst beim Militär, Luria bei der Navy, Houlahan bei der Air Force. Wie Spanberger sind sie politisch in der Mitte angesiedelt, pragmatische Frauen, die von sich sagen, dass sie in erster Linie Probleme lösen wollen, statt ideologische Debatten zu führen.

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