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Mariupol: Alle Frauen, Kinder und Ältere aus Stahlwerk in Sicherheit

Asowstal in Mariupol : Offenbar alle Frauen, Kinder und Ältere aus Stahlwerk in Sicherheit

Zumindest das Drama um die Zivilisten in dem von russischen Truppen belagerten Stahlwerk in der ukrainischen Stadt Mariupol scheint beendet: Die ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk erklärte, es seien alle Kinder, Frauen und ältere Personen evakuiert worden.

Aus dem von russischen Truppen belagerten Stahlwerk in der ukrainischen Stadt Mariupol ist nach Darstellung der in der Region herrschenden Separatisten ein großer Teil der Zivilisten in Sicherheit gebracht worden. Mit der Abfahrt 50 weiterer Menschen am Samstag summiere sich die Zahl der vom Werksgelände abgeholten Zivilisten auf 176, teilte das militärische Hauptquartier der pro-russischen Separatistenregierung in der Gebietshauptstadt Donezk am Samstag mit. Die ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk erklärte, es seien alle Kinder, Frauen und ältere Personen evakuiert worden. „Dieser Teil des humanitären Einsatzes in Mariupol ist beendet.“ Die Stadtverwaltung hatte die Zahl der auf dem weitläufigen Gelände mit zahlreichen Gebäuden und unterirdischen Anlagen eingeschlossenen Zivilisten vor wenigen Tagen auf 200 beziffert.

Unter der Federführung der Vereinten Nationen und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz war die Evakuierungsaktion am vergangenen Wochenende begonnen und am Freitag fortgesetzt worden. Russland und die Ukraine hatten einander wiederholt einen Bruch des dafür notwendigen Waffenstillstands vorgeworfen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Freitagabend erklärt, sein Land arbeite an einer diplomatischen Lösung, um auch die in dem Stahlwerk ausharrenden ukrainischen Soldaten zu retten. Allerdings setzten russische Artillerie- und Panzereinheiten nach Angaben des ukrainischen Militärs am Samstag ihre Angriffe auf das Werksgelände fort.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am 21. April den Sieg seiner Armee über Mariupol erklärt und eine Abriegelung des von ukrainischen Kämpfern gehaltenen Asowstal-Geländes erklärt. Die Verteidiger hatten es abgelehnt, sich zu ergeben. In der Ukraine wird befürchtet, die russischen Streitkräfte könnten bis zum Montag zu einem Vernichtungsschlag gegen sie ausholen, um Putin pünktlich zum Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg einen militärischen Erfolg zu verkünden. Der 9. Mai wird seit Sowjetzeiten in Moskau mit einer großen Militärparade begangen.

Russland verschärfte seinen Ton gegenüber den USA, die wie ihre Nato-Verbündeten die Ukraine unter anderem mit Waffen unterstützen. Der russische Parlamentschef Wjatscheslaw Wolodin bezichtigte die USA einer unmittelbaren Kriegsbeteiligung. „Washington koordiniert und entwickelt wesentlich militärische Operationen und beteiligt sich damit unmittelbar an Militäraktionen gegen unser Land“, erklärte der Duma-Vorsitzende. Die USA und ihre Verbündeten hatten erklärt, sie betrachteten sich nicht als Kriegspartei.

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Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief den Westen zu weiteren Lieferungen schwerer Waffen an die Ukraine auf. „Die Ukraine benötigt dringend weitere schwere Waffen, der Westen sollte seine Lieferungen intensivieren, noch mehr tun und sich auf ein langfristiges Engagement vorbereiten“, sagte er der „Welt am Sonntag“. Die Ukraine müsse sich auf einen „langen Krieg“ mit Russland über Monate oder Jahre einstellen.

Russische Truppen waren am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert. Inzwischen haben die russischen Bombardierungen mehrere Städte verwüstet. Tausende Zivilisten starben, Millionen sind auf der Flucht. Die Regierung in Moskau bezeichnet die Invasion der Ukraine als „militärische Spezialoperation“. Westliche Staaten sprechen von einem Angriffskrieg und Verbrechen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung.

Russland setzte seine Angriffe nach eigenen Angaben am Samstag fort und zerstörte ein großes Lager mit militärischem Gerät aus Europa und den USA. Das Lager habe sich in der Nähe des Bahnhofs Bohoduchiw in der Region Charkiw befunden, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. In der Nacht seien 18 ukrainische Militäreinrichtungen getroffen worden, darunter drei Nahe der südukrainischen Hafenstadt Odessa. Auch in der Stadt selbst schlugen nach Angaben der Regionalverwaltung mehrere Raketen ein. Aus dem Norden der Ukraine melden örtliche Behörden ebenfalls Raketenangriffe. In den Gemeinden Myropilske und Chotin in der Region Sumy seien Raketen eingeschlagen.

(felt/Reuters)