Demonstrationen in Ägypten und Jemen: Machthaber in arabischer Welt unter Druck

Demonstrationen in Ägypten und Jemen : Machthaber in arabischer Welt unter Druck

Kairo/Sanaa (RPO). Die arabische Welt kommt nicht zur Ruhe: Hunderttausende Menschen haben in etlichen Staaten nach den Freitagsgebeten an Demonstrationen teilgenommen. In einigen Ländern verlangten sie den Sturz ihrer autokratischen Herrscher, in anderen drängten sie auf Reformen.

Regierungskräfte eröffneten im Irak das Feuer auf Protestierende und töteten dabei mindestens elf Menschen. Auch aus dem Jemen und Tunesien wurden Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften gemeldet. Kundgebungen in Ägypten, Bahrain und Jordanien blieben dagegen weitgehend friedlich.

Zehntausende gingen am "Tag des Zorns" in mehreren irakischen Städten auf die Straße, um gegen die schlechte wirtschaftliche Lage zu demonstrieren. In nordirakischen Städten wurden nach Behördenangaben neun Menschen von Sicherheitskräften erschossen, die die Menge zurückdrängen sollten. In der westlichen Provinz Anbar wurden bei Protesten zwei weitere Menschen getötet.

Demonstrationen in Bagdad

In der Hauptstadt Bagdad gingen rund 2000 Demonstranten auf die Straße. Sie schwenkten Fahnen und skandierten Parolen wie "Nein zur Arbeitslosigkeit" und "Nein zum Lügner Al-Maliki". Viele Iraker machen Ministerpräsident Nuri Al-Maliki für die schlechte Wirtschaftslage, die Korruption und die mangelhafte Versorgung beispielsweise mit Strom verantwortlich.

In Basra im Süden des Landes forderten rund 4000 Demonstranten den Rücktritt von Gouverneur Scheltagh Abud al Majahi. Generalmajor Mohammed Dschawad Hawaidi erklärte der Menge kurz darauf, der Gouverneur sei der Forderung der Demonstranten gefolgt. Das staatliche Fernsehen berichtete, Ministerpräsident Al-Maliki habe al Majahi zum Rücktritt aufgefordert.

Prediger nannte jemenitischen Präsidenten Teufel

Bei der möglicherweise größten Kundgebung seit Beginn der Proteste im Jemen demonstrierten am Freitag Zehntausende auf dem zentralen Platz der Hauptstadt Sanaa gegen die Regierung. Beim traditionellen Freitagsgebet ermutigte ein Geistlicher die Menge zu weiteren Protesten, bis der seit 32 Jahren regierenden Präsidenten Ali Abdullah Saleh zurücktritt.

"Jeder Jemenit ist verpflichtet, für den Sturz dieses Regimes zu arbeiten", sagte Imam Abdullah Fatir. Präsident Ali Abdullah Saleh sei "ein Teufel, der uns in die Steinzeit getrieben hat." Die Kundgebung auf dem Platz vor der Universität von Sanaa wurde von einer massiven Präsenz der Sicherheitskräfte begleitet. Einige Demonstranten versuchten, die Absperrungen zu durchbrechen. Polizisten schossen in die Luft und drängten die Menschen zurück.

In der Hafenstadt Aden setzten die Sicherheitskräfte Tränengas ein, um Hunderte Demonstranten auseinander zu treiben. Dabei wurden zwei Menschen verletzt. Auch aus den Städten Tais und Hadramut wurde von Protesten berichtet.

Zehntausende fordern politische Reformen in Ägypten

In der ägyptischen Hauptstadt Kairo versammelten sich erneut Zehntausende Demonstranten auf dem Tahrir-Platz und feierten den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak vor zwei Wochen. Damit wollten sie Druck auf die herrschenden Streitkräfte ausüben, von denen sie politische Reformen erwarten.

Die ägyptischen Streitkräfte hatten nach Mubaraks Rücktritt am 11. Februar die Macht übernommen, die Regierungsgeschäfte jedoch bis zu Neuwahlen auf ein Übergangskabinett übertragen. Die Aktivisten befürchten, dass die Streitkräfte die politischen Reformen nicht schnell genug vorantreiben.

Sie fordern unter anderem die Aufhebung von Notstandsgesetzen, die Freilassung politischer Gefangener und die Entlassung von Mubarak-Anhängern aus wichtigen Ämtern wie Ministerpräsident Ahmed Schafik. "Wir haben Mubarak zum Rücktritt gezwungen und wir müssen auch Schafik zum Rücktritt zwingen", sagte Safwat Hegasi von der Muslimbruderschaft.

Die Demonstranten sind skeptisch, ob die Streitkräfte ihre Forderungen erfüllen. Das Militär habe schließlich von Mubaraks Regierung besonders profitiert, hieß es aus Kreisen der Protestbewegung. "Das Volk muss die Streitkräfte zum Wechsel zwingen. Wenn wir es dem Militär überlassen, enden wir in einer neuen Diktatur", sagte Wael Hassan. Die Demonstranten haben angekündigt, sich jeden Freitag zu Kundgebungen zu versammeln, bis ihre Forderungen erfüllt werden.

Jordanier zeigen Solidarität mit Protestbewegungen

Bei der bislang größten Kundgebung in der jordanischen Hauptstadt Amman forderten rund 4.000 Demonstranten Neuwahlen. Oppositionsführer Hamsa Mansur verlangte politische Reformen und nannte die bisherigen Bemühungen der Regierung zu langsam.

Zudem solle der Ministerpräsidenten künftig in allgemeinen Wahlen bestimmt werden und nicht wie bisher von König Abdullah II. Die Jordanier seien stolz auf die Demonstranten, die in Ägypten, Tunesien und Algerien gegen ihre autokratischen Regierungen auf die Straße Gegangenen seien, sagte Mansur. In Jordanien finden seit acht Wochen jeden Freitag Kundgebungen für mehr politische Freiheit statt.

Unterdessen stellte ein führender Geistlicher in Bahrain Bedingungen für den Dialog zwischen den Demonstranten und der Regierung. Die Forderungen der Regierungskritiker seien zu erfüllen, erklärte Isa Kassim während seiner Predigt in einer schiitischen Moschee in Diras.

Die Gespräche müssten "klar, umfassend und produktiv" sein. Zudem verlangten die Demonstranten eine Garantie über das Ziel der Gespräche, sagte Kassim. Für (den heutigen) Freitag hat die bahrainische Opposition erneut Demonstrationen auf dem zentralen Perlenplatz in der Hauptstadt Manama angekündigt.

Tunesische Polizisten gaben bei einer Demonstration von Regierungsgegnern in Tunis Warnschüsse ab und setzten Tränengas ein. Die Demonstranten kamen am Freitag vor dem Innenministerium zusammen, um den Rücktritt der Interimsregierung zu fordern.

Es waren die ersten Proteste seit den wochenlangen Demonstrationen, die den ehemaligen tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali im vergangenen Monat zum Rücktritt zwangen.

Hier geht es zur Infostrecke: Die Geschichte Tunesiens seit der Unabhängigkeit

(apd/felt)
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