Land zündete ein kleines Wirtschaftswunder Litauen: Nachzügler unter baltischen Staaten

Vilnius (RP). Tomas Juska hat sein eigenes Bild dafür, was die EU-Erweiterung für sein Land bedeutet. "Das ist, wie wenn ein Provinznest zum Vorort einer großen Stadt wird”, sagt er. Endlich werde Litauen dann als Teil Europas wahrgenommen, nicht mehr als kleines Land irgendwo am Rand von Russland. Denn genau das ist Litauen längst nicht mehr.

Litauen: Wichtige Kulturstätte
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Foto: Fremdenverkehrszentrale Estland - Lettland - Litauen

Für den 34-Jährigen ist das wichtig: In seiner Firma stellt er Möbel und Parkett her, und die verkauft er fast ausschließlich im Ausland. Das Geschäft läuft gut, denn die Wirtschaft in Litauen boomt: "In den vergangenen zwei Jahren haben wir 500 neue Arbeitsplätze geschaffen”, erzählt Juska stolz. Gerade 22 Jahre alt war er, als er mit ein paar Freunden den Grundstein für sein Unternehmen legte. "Die Sowjetunion war zerfallen und wir waren einfach neugierig, wie Kapitalismus funktioniert."

Die fünf Studenten lernten zufällig einen Italiener kennen, der bei ihnen Blöcke aus Eichenholz orderte. In einer Tischlerwerkstatt begannen sie ihr Geschäft. Das war 1992. Heute beschäftigt die Möbelfirma Libra in Vilnius 1800 Leute, liefert unter anderem Stühle für Ikea und macht einen Umsatz von 100 Millionen Euro im Jahr. Litauens Entwicklung von der Sowjetrepublik zum EU-Beitrittsland verlief nicht ganz so gradlinig.

Bereits im März 1990 hatte das Land seine Loslösung von der Sowjetunion proklamiert, doch im März 1991 schickte Moskau Panzer nach Vilnius, 14 Menschen starben. Nach der Unabhängigkeit erwarteten die Litauer eine unruhige Zeit. Ständige Regierungswechsel verzögerten die dringend nötigen Reformen. Die Privatisierung der Staatsbetriebe kam viel langsamer in Gang als in Estland oder Lettland. Bis in die zweite Hälfe der 90er Jahre galt Litauen als Nachzügler in der Region.

Erst ab 1998 wurden die Reformen mit Blick auf den angestrebten EU-Beitritt vorangetrieben und das zeigte Wirkung. Von dem Wirtschaftswunder zeugen die frisch renovierten Gründerzeitfassaden in Vilnius ebenso wie die schicken Geschäfte an der Gedemino-Straße und der Andrang bei den Biergärten, die überall in der Altstadt aufgemacht haben. Bei den Verhandlungen mit der EU musste die Baltenrepublik zwei gewaltige Stolpersteine aus dem Weg räumen.

Zum einen war da das Atomkraftwerk Ignalina: Die EU beharrte darauf, dass die Sowjet-Reaktoren des Tschernobyl-Typs bis 2009 vom Netz gehen. Litauen gelang es, hierfür 245 Millionen Euro herauszuhandeln. Das andere Problem war die russische Enklave Kaliningrad: Moskau drängte darauf, die Bürger aus dem ehemaligen Königsberg müssten auch nach Litauens EU-Beitritt ohne Visum nach Russland reisen können.

Ein spezielle Transit-Regelung wurde erst nach langem Ringen gefunden, doch jetzt funktioniert alles reibungslos. Nach dem EU-Beitritt dürfte Litauens wichtigste Sorge die Landwirtschaft sein. Denn das größte Baltenland ist ähnlich wie Polen immer noch sehr stark agrarisch geprägt. Und viele kleine Höfe, die oft noch nicht einmal fließend Wasser haben, werden der Konkurrenz aus dem Westen kaum standhalten können.

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