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Wütende Demonstranten stürmen Übergangsrat: Libyen: Vize tritt nach Prügel-Angriff zurück

Wütende Demonstranten stürmen Übergangsrat : Libyen: Vize tritt nach Prügel-Angriff zurück

Libyen stürzt nach der Revolution in neues Chaos. Am Samstag stürmten wütende Demonstranten den Sitz des Übergangsrates und plünderten die Gebäude. Am Sonntag trat der Vize-Präsident des Rates zurück. Er war zuvor verprügelt worden.

Wütende Demonstranten attackierten am Samstag den Sitz des Übergangsrats in der früheren Rebellenhochburg Bengasi. Nach stundenlanger Belagerung sei das Gebäude überrannt und geplündert worden, sagte ein Mitglied des Gremiums der Nachrichtenagentur AFP.

Hintergrund der Proteste sind Vorwürfe mangelnder Transparenz und Kritik an der Weiterbeschäftigung von Mitgliedern der gestürzten libyschen Führung.

Am Sitz des Übergangsrates demonstrierten am Samstag zunächst hunderte Menschen für mehr Transparenz und den Ausschluss von früheren Verantwortlichen der Führung um den ehemaligen Machthaber Muammar al-Gaddafi von wichtigen Posten. Bis zum Abend stieg die Zahl der Demonstranten auf rund 2000 Menschen. Laut Augenzeugen drangen mit Steinen und Metallstangen bewaffnete Demonstranten in das Gebäude ein und schleuderten selbstgebaute Sprengsätze.

Verletzt wurde nach offiziellen Angaben niemand.

Die Demonstranten setzten bei ihrem Angriff die Fassade des Gebäudes in Brand, zerstörten Fenster und ein gepanzertes Fahrzeug, wie Ratsmitglied Fathi Badscha sagte. Sie hätten es den Menschen im Innern des Komplexes aber ermöglicht, das Gebäude zu verlassen.

Unter ihnen war demnach auch der Vorsitzende des Übergangsrats, Mustafa Abdul Dschalil. Augenzeugen zufolge versuchte Dschalil erfolglos, die Demonstranten zu beruhigen. Er wurde demnach mit Plastikflaschen beworfen. Bilder zeigen, wie Demonstranten auf seinem Auto herumtrampelten.

Bereits seit Wochen gibt es in Bengasi Proteste gegen den Nationalen Übergangsrat. Am Donnerstag wurde der Vizepräsident des Gremiums, Abdel Hafes Ghoga, in der Universität von Bengasi von wütenden Studenten angegriffen und verpügelt. Drei Tage später, am Sonntag, kündigte er sein Ausscheiden aus dem Gremium an.

Er verzichte "im Interesse der Nation" auf sein Amt, sagte Abdel Hafes Ghoga am Sonntag dem Fernsehsender Al-Dschasira. Mit seiner Entscheidung reagiere er auf "die jüngsten Ereignisse".

Ghoga war am Donnerstag in der Universität von Bengasi von wütenden Studenten angegriffen worden. Sie warfen ihm vor, Teil der alten Führung um Libyens früheren Machthaber Muammar al-Gaddafi gewesen zu sein, und bezeichneten ihn als "Opportunisten".

Der Übergangsrat verurteilte den Angriff scharf. Mehrere Studenten wurden festgenommen. Dagegen demonstrierten wiederum am Sonntag etwa 4000 Kommilitonen.

Die Erstürmung des Sitzes des Übergangsrats ereignete sich einen Tag vor der für Sonntag geplanten Vorstellung von Details zur Wahl der verfassunggebenden Versammlung, die im Juni stattfinden soll. Präsentiert werden sollten sowohl ein neues Wahlgesetz als auch die Zusammensetzung der Wahlkommission. Ratsmitglied Salwa al-Digheili sagte AFP am Sonntag, die Verhandlungen dauerten an. Nach dem Angriff plante der Übergangsrat eine Sitzung an einem geheimen Ort.

Das Gremium hatte Anfang Januar einen ersten Entwurf des Wahlgesetzes veröffentlicht. Aus diesem ging hervor, dass in der Verfassungsversammlung zehn Prozent der Sitze für Frauen reserviert werden sollten, was Frauenrechtsgruppen umgehend scharf kritisierten. Der Gesetzentwurf sah zudem vor, dass Kandidaten zur verfassunggebenden Versammlung mindestens 25 Jahre und Wähler mindestens 18 Jahre alt sein müssen. Zudem dürfen Kandidaten demnach keine Verantwortung unter Gaddafi gehabt haben.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) rief den Westen unterdessen dazu auf, die Staaten des sogenannten Arabischen Frühlings auf ihrem Weg zu demokratischen Gesellschaftsstrukturen stärker zu unterstützen. Insbesondere Libyen, Tunesien und Ägypten bräuchten "Hilfe bei der Anpassung repressiver Gesetze und dem Aufbau staatlicher Institutionen", schrieb HRW in ihrem Jahresbericht.

(AFP)