Libyen: Luftangriff tötet 40 Menschen in Migrantenlager

Libyen : Luftangriff tötet 40 Menschen in Migrantenlager

In einem Vorort der libyschen Hauptstadt Tripolis ist ein Gefangenenlager für Migranten bei einem Luftangriff getroffen worden. Mindestens 40 Menschen sind in dem Lager in Tagiura getötet und 80 weitere verletzt worden.

Das teilte Malek Merset, ein Sprecher der libyschen Gesundheitsbehörden, in der Nacht auf Mittwoch mit. Er veröffentlichte Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Migranten in Rettungswagen in Krankenhäuser gebracht werden.

Im Internet kursierten Aufnahmen, die angeblich aus dem Inneren des Lagers stammen. Darauf sind Blut, Körperteile und Trümmer zu sehen, zusammen mit Habseligkeiten der Migranten. In dem Lager waren 616 Migranten und Flüchtlinge untergebracht.

Die Vereinten Nationen verurteilten den Angriff. In einer Mitteilung machte die von den UN unterstützte libysche Regierung die selbst ernannte Libysche Nationalarmee (LNA) des Generals Chalifa Haftar für den Luftangriff verantwortlich. Ein Sprecher Haftars war für eine Bestätigung zunächst nicht zu erreichen.

Libyen ist zwischen zwei rivalisierenden Regierungen gespalten. Beide werden jeweils von Milizen unterstützt, die verschiedene Städte unter ihrer Kontrolle haben. Haftar kontrolliert weite Teile des Ostens und Südens des Landes. Vergangene Woche musste er einen herben Rückschlag einstecken, als mit der Regierung in Tripolis verbündete Milizen die strategisch wichtige Stadt Garian zurückeroberten. Über Garian lief ein großer Teil der Versorgung der LNA.

Im April hatten Haftars Truppen eine Offensive zur Eroberung der Hauptstadt begonnen. Ende Juni hatte Haftar eine Initiative des Ministerpräsidenten Fajis al-Sarradsch zur Befriedung des Landes zurückgewiesen. Er werde seine Offensive fortsetzen und die Hauptstadt Tripolis von „terroristischen Milizen“ befreien, sagte Haftar. Militärische Einsätze würden nicht eingestellt, solange Tripolis nicht eingenommen sei, zitierte ein lokales Nachrichtenportal den General. Die UN und internationale Hilfsorganisationen kritisieren Haftars Offensive, durch die Hunderte Menschen getötet und Tausende Zivilisten vertrieben wurden.

Viele der lose mit der UN-gestützten Regierung in Tripolis alliierten Milizen haben ihre Lager in Tagiura, östlich des Zentrums von Tripolis, wo auch das angegriffene Lager liegt. Haftars Truppen haben diese bereits in den vergangenen Wochen aus der Luft angegriffen. Haftars Ziel ist es nach eigener Aussage, Stabilität in das nordafrikanische Land zurückzubringen. Er wird von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien unterstützt.

Seine Rivalen in Tripolis erhalten Unterstützung aus der Türkei und Katar. Er fährt seit 2014 eine Kampagne gegen islamistische Milizionäre in Libyen, die ihm wachsende internationale Unterstützung von Staatschefs eingebracht hat. Diese befürchten, Libyen könne zum sicheren Hafen für bewaffnete Gruppen und ein Ausgangspunkt für Migranten mit Ziel Europa werden.

Mindestens 6000 Migranten aus Eritrea, Äthiopien, Somalia, dem Sudan und anderen Ländern sind in Dutzenden Gefangenenlagern in Libyen inhaftiert. Diese werden von Milizen betrieben, denen Folter und andere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Die meisten gefangenen Migranten wurden von der libyschen Küstenwache festgenommen, die von der Europäischen Union mitfinanziert und ausgebildet wird.

Die Gefangenen in den Lagern haben nur beschränkt Zugang zu Lebensmitteln. Viele haben eine anstrengende Reise hinter sich - und sind in der Gewalt von Menschenschmugglern, die sie teils festhalten, um von den Familien Lösegeld zu erpressen.

Die Kämpfe um Tripolis drohen Libyen in einen neuen Bürgerkrieg zu stürzen wie den, der 2011 zur Entmachtung von Diktator Muammar al-Gaddafi und schließlich zu dessen Tod führte.

(felt/dpa)
Mehr von RP ONLINE