Kurden-Region Afrin: Türkei beschießt syrische Kräfte

Kurden-Region im Norden Syriens: Türkei beschießt syrische Kräfte in Afrin

Die Zeichen an der Grenze stehen auf Eskalation, mit syrischen Regierungskräften und Kurden auf der einen und dem türkischen Militär auf der anderen Seite. Auch bei Damaskus geht das erbarmungslose Bombardement der Rebellenorte weiter.

Der Kampf um die kurdische Enklave Afrin in Syrien droht sich zu einem offenen Konflikt zwischen der Türkei und der syrischen Regierung auszuweiten. Das türkische Militär beschoss am Dienstag regierungsnahe syrische Kämpfer, die zur Unterstützung der Kurden-Miliz YPG in Afrin eingerückt waren, wie das syrische Staatsfernsehen berichtete. Zweiter großer Kampfschauplatz im syrischen Bürgerkrieg war das Rebellengebiet Ost-Ghuta, in dem seit Montag fast 130 Menschen ums Leben kamen.

Im syrischen Staatsfernsehen waren Bilder von rund 20 mit schweren Maschinengewehren beladenen Fahrzeugen zu sehen, die vom nahegelegenen Dorf Nubul aus in Afrin einrückten. Etliche Bewaffnete auf den Fahrzeugen schwenkten syrische Flaggen und priesen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad. Als wenig später Mörsergranaten fielen, zogen sie sich zehn Kilometer von Afrin zurück, wie der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan sagte. Er warnte sie, nun bloß keine Fehler zu machen.

Die Regierung in Ankara will Assad ebenfalls entmachten, hat sich aber bisher darauf konzentriert, in Syrien gegen die Kurdenmiliz YPG und die Terrormiliz Islamischer Staat vorzugehen, die ihrerseits ebenfalls gegen Assads Truppen kämpften. Doch durch die Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen YPG und regierungstreuen Kräften beim Kampf um Afrin wurden die Karten wieder neu gemischt. Die Türkei hatte daraufhin gedroht, auch gegen die syrischen Truppen vorzugehen. Sie hatte vor einem Monat eine umfassende Offensive gestartet, um die YPG aus der Region Afrin zu vertreiben.

"Unrechtmäßige Invasion"

Die YPG bestätigte am Dienstagnachmittag, dass die Regierungskräfte damit begonnen hätten, in Afrin entlang der Grenze zur Türkei Stellung zu beziehen. Damit solle geholfen werden, die YPG vor der "unrechtmäßigen Invasion" der türkischen Truppen zu verteidigen, sagte ein Sprecher der Miliz, Nuri Mahmud. Erdogan sagte, die Türkei wolle die Enklave nicht "niederbrennen und zerstören", sondern sicherstellen, dass sie zu einem "sicheren und lebenswerten Ort" werde.

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Die von den USA unterstütze YPG hat sich dort im Laufe des syrischen Bürgerkriegs als Vormacht etabliert. Die Regierung in Ankara betrachtet die YPG aber als Terrororganisation und als Ableger der kurdischen PKK-Rebellen, die innerhalb der Türkei kämpfen.

Neben Afrin im Norden wurde am Dienstag auch wieder in dem Rebellengebiet Ost-Ghuta außerhalb der Hauptstadt Damaskus gekämpft. Bei Luft- und Artillerieangriffen der syrischen Regierung wurden dort nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte und der Ersthelferorganisation Weißhelme seit Montag fast 130 Menschen getötet. Acht Menschen starben bei Vergeltungsangriffen auf Damaskus.

Ost-Ghuta ist die letzte große Rebellenhochburg vor den Toren Damaskus. Dort leben allerdings auch nach wie vor rund 400.000 Zivilisten neben mehreren tausend Rebellenkämpfern unterschiedlicher Fraktionen. Die einflussreichsten dort sind die ultrakonservativen Gruppen Dschaisch-al-Islam und Failak al-Rahman. Dschaisch al-Islam-Kommandeur Mohammed Allusch, der auch die syrische Opposition bei den Genfer Friedensgesprächen vertritt, sagte, die Regierung verübe in Ost-Ghuta einen neuen "Holocaust".

Nach Angaben der Beobachtungsstelle war es die opferreichste Angriffswelle auf Ost-Ghuta seit drei Jahren. Beobachter gehen davon aus, dass die Regierung damit eine Eroberung des Gebiets vorbereiten will.

(oko)
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