Szenarien für das dritte Kriegsjahr Wie geht es in der Ukraine 2024 weiter?

Analyse | Warschau · Im dritten Kriegsjahr wird die Ukraine noch mehr unter Druck geraten. Zu groß ist die Luftüberlegenheit des Angreifers. Einen erneuten russischen Versuch, Kiew einzunehmen, dürfte es aber zunächst nicht geben.

Fotos: Zwei Jahre Ukraine-Krieg: Evgeniy Maloletka - Zeuge mit Kamera
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Zwei Jahre Krieg – Evgeniy Maloletka dokumentiert das Leben und das Grauen

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Foto: picture alliance/Evgeniy Maloletka / AP

Maxim aus Uman in der Zentralukraine lebt seit vier Jahren in Warschau und sagt es ganz offen: „Ich kann nicht zurück in die Ukraine, da sie mich dort an die Front schicken werden.“ Natürlich liebe er sein Heimatland, aber für den Waffendienst sei er nicht geschaffen, sagt der 30-Jährige. Später indes gibt er zu, dass man alles lernen könne, auch das Schießen und Töten. „Fünf meiner Jugendfreunde aus dem Fußballklub sind bereits in Zinksärgen zurückgekommen. Soll ich mich wirklich auch zu ihnen gesellen?“, fragt er und erzählt von seiner Freundin und den Eltern, die ebenfalls in Polen leben.

Wolodymyr Selenskyj, der Staatspräsident der Ukraine, macht gerade mächtig Druck, damit EU-Staaten zumindest die männlichen Flüchtlinge zurück in die Ukraine schicken. Der Grund ist einfach: Viele Frontsoldaten sind seit zwei Jahren im Dienst, sie müssen endlich abgelöst werden. Dafür fehlt dem ukrainischen Heer aber eine halbe Million Soldaten. Estland hat eine Rückführung wehrfähiger Männer in die Ukraine bereits halbwegs zugesagt, Polen hält sich noch bedeckt, Deutschland hat das Ansinnen des ukrainischen Präsidenten abgelehnt.

Der Personalmangel ist nur eine Facette des ukrainischen Abwehrkriegs gegen die brutale russische Invasion vom 24. Februar 2022. Dazu kommen Munitions- und Geldmangel sowie ein veraltetes und bunt zusammengestückeltes Waffenarsenal. Dazu droht die Kriegsmüdigkeit der demokratischen Welt zu wachsen, damit umgekehrt die Solidarität zu schwinden. Wichtige, 2024 anstehende Wahlen könnten diesen Abgrund vertiefen. Angst hat man in Kiew vor allem vor einem Wahlsieg des Putin-Bewunderers Donald Trump in den USA, aber auch vor Siegen wie jenem Robert Ficos im kleinen Nachbarland Slowakei im Herbst 2023 – und nun steht im März in der Slowakei auch die Präsidentenwahl an. All das streut bereits jetzt viel Sand ins Getriebe der dringend nötigen Nato-Waffenlieferungen.

Vernachlässigt wurde zudem vom demokratischen Westen, aber auch der Ukraine selbst der sogenannte Globale Süden, allen voran aufstrebende große Staaten wie Indien, Indonesien, Südafrika und Brasilien. „Der Ukraine-Krieg ist keine Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Autoritarismus, wie ihr das uns in Europa weiszumachen versucht, sondern es handelt sich um einen nackten Machtkampf in einem ziemlich kleinen Land der Welt, der Ukraine“, sagt Samir Saran, einer der einflussreichsten indischen Politologen, bei einem persönlichen Treffen in Warschau. Saran wirft der Europäischen Union, den USA und der Nato einen „himmelschreienden Eurozentrismus“ vor, eine unzeitgemäße Selbstverliebtheit gar.

Die Ukraine sei doch de facto ein kleines Land, widerspricht er im Gespräch immer wieder. Wegen dieses unwichtigen Landes namens Ukraine müsse Indien nun zum Beispiel viel höhere Benzinpreise bezahlen, Arme würden noch ärmer, klagt Saran, der die Umweg-Importe von russischem Rohöl nach Europa via zum Beispiel Indien massiv kritisiert. „So kann man natürlich gut EU-Sanktionen gegen Russland einhalten und alle kritisieren, die sie nicht unterstützen“, sagt Saran. Er habe überhaupt keine Position in diesem Konflikt, wehrt er Einspruch ab. „Ich will niemandem von außerhalb vorschreiben, wie er leben muss“, sagt der Politologe und kritisiert genau dies aufseiten der Nato – aber auch Russlands. „Für uns im Globalen Süden sind beide Konfliktparteien schuld“, sagt Samir Saran.

Immerhin, der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat vor Kurzem eine diplomatische Initiative Richtung Indien und Afrika angekündigt. Zu lange scheint sich die Ukraine nur auf Europa und die USA konzentriert zu haben. Doch auch dort geht inzwischen die Munition aus. Diplomaten in Warschau geben hinter vorgehaltener Hand freimütig zu, dass man die Waffenindustriekapazitäten seit dem Zerfall der Sowjetunion von 1991 und der Unabhängigkeit von deren Nachfolgestaaten wie etwa der Ukraine sträflich heruntergefahren habe. In Frankreich bauten staatliche Konzerne ab, in Deutschland waren es private wie Rheinmetall oder Krauss-Maffei-Wegmann.

Russland hingegen hat Ende 2023 beschlossen, auf Kriegswirtschaft umzustellen und fortan 30 Prozent (!) des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung auszugeben. Verteidigung heißt beim russischen Autokraten Wladimir Putin Angriff, konkret im Moment auf die Ukraine, bald aber womöglich auch auf Moldau, das Baltikum und vielleicht sogar Polen.

Allerdings: Im Jahr 2024 dürfte es aller Voraussicht nach für Russland bei Angriffen auf die Ukraine bleiben. Bei einem Waffenarsenal-Verhältnis von noch etwa eins zu acht zuungunsten Kiews wird sich die Ukraine im laufenden Jahr eher an der rund 1000 Kilometer langen bisherigen Frontlinie eingraben und diese verteidigen müssen. Die im Sommer 2023 angekündigte Gegenoffensive Richtung Asowsches Meer und Halbinsel Krim ist ohnehin schon vor Monaten zum Stillstand gekommen. Zu groß ist die Luftüberlegenheit der Russen, zu gut haben sie sich in den eroberten Gebieten der Oblasten Saporischschja und Cherson mit bis zu vier Verteidigungsringen eingegraben. Die ukrainische Stadt Melitopol etwa, das Tor zur Krim, ist zwar nur rund 100 Kilometer von dem im Sommer zurückeroberten Dorf Robotyne entfernt, doch für die Ukraine bestimmt nicht vor 2025 erreichbar. Daran würden auch ein paar F-16-Kampfflugzeuge und ein paar Taurus-Raketen nichts ändern.

Russland mag die Hauptstadt Kiew im Februar 2022 nicht wie erwartet innerhalb von drei Tagen erobert haben. Daraus jedoch abzuleiten, Kremlchef Wladimir Putin verfüge nur über eine schwache Armee, ist falsch.

Ein Soldat der Ukraine.

Ein Soldat der Ukraine.

Foto: AP/Evgeniy Maloletka

Die Ukrainer müssen im dritten Kriegsjahr laut Experten, etwa des Washingtoner Thinktanks Institute for the Study of War, nun erwarten, dass Russland die Frontlinie weiter begradigen will. Noch weiter unter Druck kommen damit die Gebiete im Donbass rund um die bereits von den Russen eroberten Städte Awdijiwka und Bachmut sowie das umkämpfte Kupjansk im Norden der größtenteils bereits seit Kriegsbeginn russisch besetzten Oblast Luhansk. Gerechnet wird auch mit einer möglichen viel massiveren Attacke auf die einstige 800.000-Einwohner-Stadt Saporischschja, die Hauptstadt der gleichnamigen Oblast, die zwei Jahre lang immer fest in Kiewer Hand war. Immerhin mit einem erneuten russischen Eroberungsversuch Kiews ist eher nicht zu rechnen – zumindest noch nicht 2024.

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