Eine Familie im Ukraine-Krieg Das schönste Geschenk – ein Video-Telefonat mit dem Vater an der Front

Kiew · Der ukrainische Frontsoldat Witalij ist das zweite Weihnachtsfest in Folge nicht bei seiner Familie in Kiew. Der 33-Jährige weiß genau, wofür er kämpft. Seine Frau Marianna sieht das auch so. Doch sie will, dass die Last fair verteilt wird. Die Väter der Mitschüler ihres Sohnes kämpfen nicht. „Das ist keine Gerechtigkeit“, klagt sie.

Bei einem Grananteneinschlag wurde Witalij schwer verwundet. Der Familienvater meldete sich noch während seiner Rehaphase an die Front zurück.

Bei einem Grananteneinschlag wurde Witalij schwer verwundet. Der Familienvater meldete sich noch während seiner Rehaphase an die Front zurück.

Foto: Till Mayer

Der Krieg hat seine Spuren auf dem Körper von Witalij hinterlassen. Im linken Unterarm haben die Splitter Zacken aus dem Fleisch gerissen. Jetzt zieht sich die Haut in Wellen über die Muskulatur. Auf dem Oberarm erinnert die ehemalige Wunde an ein dreidimensional eingeprägtes Tattoo einer Landkarte. Witalij hat nach seiner Verwundung wieder Muskeln aufgebaut, doch der Arm bleibt etwas ungelenk. Nicht einmal die Rehazeit wollte er nach seiner Verwundung ganz nutzen und meldete sich schnell wieder an die Front zur 63. Brigade zurück.

Fotos: Das sind die Hilfsgüter für die Ukraine aus NRW​
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Das sind die Hilfsgüter für die Ukraine aus NRW

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Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Der 33-Jährige zieht sich etwas steif seinen Wintermantel an, wirft den Träger mit den schusssicheren Platten über und setzt seinen Helm auf. Der Bunker ist ein schmaler Raum, in den Boden gegraben. An den Seiten trennen Holzplatten das Erdreich von den drei Hochbetten. Zwischen den Betten ist gerade Platz für einen Mann zum Stehen. Über die Balken der Decke des Bunkers zieht sich eine weiße Plastikplane, die herabfallende Erdbrocken auffängt. Ein kleiner Bullerofen spendet Wärme für die sechs Soldaten, die hier leben. „Holz zum Heizen haben wir ja zum Glück genug“, meint der junge Soldat.

Dann geht es aus dem Erdbunker mitten in einen Kiefernwald. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln. Aus der Ferne hört man die Einschläge von Granaten. Einige Kilometer entfernt. Dort, wo sich die Schützengräben ziehen, dort, wo die Linie null ist. Dann das Hämmern eines Maschinengewehrs. Schon näher, aber weit genug entfernt. Witalij lauscht nur kurz. Vermutlich gilt es einer Drohne.

  Ehefrau Marianna und Sohn Tychon vermissen Witalij. Es ist das zweite Weihnachtsfest ohne ihn.   Fotos (3): Till Mayer

Ehefrau Marianna und Sohn Tychon vermissen Witalij. Es ist das zweite Weihnachtsfest ohne ihn. Fotos (3): Till Mayer

Foto: Till Mayer

Weil Witalijs Arm nicht völlig funktionsfähig ist, will sein Kommandant Dmytro den Soldaten nicht in den Schützengraben lassen. So bewacht Witalij im Wald dahinter einen Kommandobunker, der ebenfalls ins Erdreich gegraben ist. Vier Stunden Wache, acht Stunden Ruhezeit, vier Stunden Wache. Und wieder von vorn. So geht es seit Monaten sieben Tage in der Woche rund um die Uhr. Bei Wind, Regen, im Winter bei Schnee und einer Kälte, die oft ins Gesicht schneidet. Der Stellungskrieg ist schon lange Alltag, hier im Osten der Ukraine, irgendwo in der Nähe von Kreminna.

Witalijs Aufgabe ist gefährlich genug. Selbst russische Mörsergranaten erreichen seine Stellung im Wald. Ganz zu schweigen von den Granaten der Panzer und der schweren Artillerie. Ein Blick in die Bäume rund um Witalijs Bunker erzählt vom Beschuss. Kiefern, die von den Einschlägen umgerissen wurden, liegen keine 20 Meter entfernt auf dem schneebedeckten Waldboden. Zersplitterte Stämme ragen direkt neben dem Bunker auf. Der Tod kann jederzeit kommen. Schnell, ohne Vorwarnung.

Ein Weihnachtsbaum tarnt den Eingang zum Erdbunker

 Witalij zeigt sein Lieblingsfoto auf dem Smartphone. Sohn und Ehefrau haben für ihn ein Selfie geschossen.

Witalij zeigt sein Lieblingsfoto auf dem Smartphone. Sohn und Ehefrau haben für ihn ein Selfie geschossen.

Foto: Till Mayer

Witalij weiß das bestens, davon zeugt die Haut auf seinem Arm. „Hier ist unser Weihnachtsbaum“, sagt er mit Grinsen im bärtigen Gesicht. Vor dem benachbarten Erdbunker haben Soldaten eine Tanne nahe dem Eingang in den Boden gerammt. Nicht in besinnlicher Stimmung, sondern um den Eingang zu tarnen. „Drohnen sind ein Problem. Wir müssen für sie unsichtbar sein“, sagt der 33-Jährige.

Zu Weihnachten hat Witalij sich selbst eine Aufgabe gestellt. Er will seinen Kameraden etwas ganz Besonderes kochen. „Jetzt sammle ich ihre Wünsche ein. Aber wir erwarten alle eine Zunahme des Beschusses in den kommenden Tagen. Also wird es vielleicht nichts mit dem Weihnachtsmenü“, erklärt der 33-Jährige. Vergangenes Jahr habe es ebenfalls nicht geklappt, berichtet er: „Wir waren im Norden, und unsere Einheit hat ununterbrochen Schützengräben ausgehoben.“ Dieses Jahr wollen sie am 24. Dezember feiern und dann noch ein bisschen aus alter Gewohnheit am 6. Januar. So wie früher, bevor Russland die Ukraine angriff. Der Krieg macht auch Weihnachten zum Politikum. Mit Russlands Orthodoxie, die den Krieg gegen die Ukraine unterstützt, ja regelrecht feiert, will die Mehrheit der Ukrainerinnen und Ukrainer so wenig Gemeinsamkeit wie möglich teilen.

Kochen ist Witalijs Berufung. Er war in leitender Position in einer Restaurant-Küche tätig. „Ukrainische und italienische Küche, quasi Pizza und Borschtsch“, erzählt er lachend. Dann half er als Experte bei Restaurant-Gründungen. „Es lief gut, bis die Invasion der Russen begann. Ich meldete mich bei der Armee“, sagt er. Dann hält er kurz inne, bevor er von seinem sechsjährigen Sohn Tychon erzählt. Holt sein Smartphone heraus, zoomt mit den Fingern das Foto von Frau Marianna und seinem Sohn heran. Ein Selfie, das die beiden ihm geschickt haben. „Wie sie mir fehlen. Das zweite Weihnachtsfest, das wir nicht zusammen feiern können“, sagt der Familienvater in Kampfmontur leise. Lediglich viermal für je zwei Wochen hat Witalij seit März 2022 insgesamt seine Familie bei Heimaturlauben gesehen.

„Das ist bitter. Mir fehlt meine Familie. Mir fehlt es, meinem Sohn das Kochen zu zeigen. Mit ihm Gerichte auszuprobieren. Er hat schon sein Lieblingsgericht: Spaghetti Carbonara. Wenn wir zusammen sind, machen wir gemeinsam die Nudeln selbst. Mir fehlt es, mit ihm Kiew zu erkunden, in den Zoo zu gehen – eben all das zu tun, was Vater und Sohn normalerweise gemeinsam unternehmen. Und mir fehlt meine Marianna“, sagt Witalij.

Trotzdem würde er sich wieder freiwillig zur Armee melden, wie er es kurz nach Beginn der groß angelegten Invasion 2022 tat. „Die russischen Verbände hatten Kiew schon in die Zange genommen. Was würde geschehen, wenn Russland uns besetzt? Das haben wir in Butscha, Irpin, Isjum, Cherson gesehen – überall wurden nach der Befreiung Massengräber gefunden. In den besetzten Gebieten wird gefoltert und gemordet. Die Menschen sind rechtlos. Ich liebe die Freiheit. Darum kämpfe ich. Ich kämpfe für die Ukraine, ich kämpfe für die Zukunft meiner Familie“, erklärt der 33-Jährige, der warnt: „Putins Hunger würde nicht mit der Ukraine gestillt sein.“

Dann ist es Zeit für einen kurzen Anruf bei seiner Frau. Er hat gerade Ruhezeit. Das Online-Signal von der nächsten Starlink-Satellitenschüssel ist gut genug für eine Audio-Übertragung. Witalij nutzt das. „Vielleicht wird es Weihnachten ja sogar etwas mit einem Video-Chat“, sagt Witalij. Dann lauscht er angestrengt in sein Smartphone. Als er die Stimme seiner Frau hört, zaubert das ein Lächeln auf sein Gesicht: „Marianna!“

Marianna wohnt mit ihrem Sohn und der Mutter in einer Wohnung im Osten von Kiew. Es ist ein gigantisches Meer aus Hochhäusern, das man aus dem Fenster ihrer Wohnung sieht. „Ich habe natürlich zwiespältige Gefühle, dass mein Mann an der Front steht“, sagt sie. „Ich weiß, es ist gut und richtig, dass er uns, unser Land, unsere Freiheit verteidigt. Ich bin stolz auf ihn. Aber als seine Frau habe ich Angst um sein Leben. Er fehlt meinem Tychon so sehr. Und mir natürlich auch.“ Dann herrscht kurz Stille.

Dass die großen Erfolge bei der Offensive ausblieben, dass die russische Armee mit aller Brutalität wieder zur Gegenoffensive ansetzt, trifft die Menschen in der Ukraine hart. „Uns allen ist klar, was das bedeutet. Es bedeutet, dass der Krieg noch lange weitergehen wird“, erklärt sie. Darauf bereitet auch Präsident Wolodymyr Selenskyj das Volk in den vergangenen Wochen immer wieder vor. „Schon fast zwei Jahre verzichten wir auf unseren Witalij. Wenn alles gut geht, ist die Qualität der Verbindung gut genug, dass wir uns einmal am Tag kurz sprechen können. Klappt ein Video-Chat, ist das wie ein Geschenk. Aber eher kommt es vor, dass nicht mehr als Textnachrichten möglich sind“, erklärt Marianna.

„Uns ist nicht festlich zumute“, sagt sie. Sie verzichtet deshalb auf Weihnachtsdekoration. Ihrem Sohn hat sie dennoch ein 30-Zentimeter-Minibäumchen geschenkt. Tychon ist ein Junge mit ernsten Augen. Stolz zeigt er das Foto, das im kleinen Magnetrahmen auf dem Kühlschrank hängt. Vater und Sohn strahlen da bei einem Zoo-Besuch um die Wette. „An der Schule gab es kürzlich eine kleine Weihnachtsfeier mit Kindern und Eltern. Da standen all die großen und gesunden Väter. Von den 29 Kindern ist Tychon der einzige, dessen Vater kämpft. Das ist keine Gerechtigkeit“, klagt sie.

In der Ukraine läuft nach bald zwei Jahren seit dem Beginn der groß angelegten russischen Invasion eine schmerzhafte gesellschaftliche Diskussion. Die Notwendigkeit der Kämpfe stellt praktisch niemand infrage. Ein möglicher Waffenstillstand würde nur Putin in die Karten spielen, das ist breiter gesellschaftlicher Konsens. Doch bei aller Wut auf Russland, Patriotismus und Freiheitsliebe: Es ist ein großer Schritt, dafür sein Leben zu riskieren. Das womöglich für Jahre. Es melden sich nicht mehr ausreichend Freiwillige an die Front. Also muss verstärkt die Einberufung greifen.

Vor allem Frauen der aktiven Soldaten fordern, dass der Dienst zeitlich begrenzt sein sollte und auf mehr Schultern verteilt wird. Laut Selenskyj bittet die Armeeführung zudem um 450.000 bis 500.000 neue Soldaten bei einer derzeitigen Truppenstärke von 820.000. Neben der Herausforderung der Finanzierung von bis zu 500.000 neuen Soldaten würde das neue und nicht populäre Rekrutierungswellen bedeuten. Der neue Verteidigungsminister Rustem Umjerow würde zudem im kommenden Jahr gerne auch im Ausland lebende Ukrainer zum Wehrdienst heranziehen.

Selenskyj hat mittlerweile eine Reform der Einberufungsgesetze in Aussicht gestellt. Es wird ein schwieriges Unterfangen werden. Vor allem in Zeiten, in denen Republikaner in den USA und Viktor Orbán in der Europäischen Union Mittel für die Ukraine blockieren und zugesagte Lieferungen des Westens schon zuvor nur teilweise erfolgten. Die von der Europäischen Union schon im Frühjahr versprochene eine Million Schuss Artilleriemunition erhielt die Ukraine bisher nur teilweise. Es ist jedoch Munition, die derzeit dringend an der Front benötigt wird.

Für Marianna ist Selenskyjs Ankündigung immerhin ein gutes Zeichen. „Ja, wir müssen unser Land verteidigen. Aber der Einsatz dafür muss gerecht verteilt sein“, sagt sie. „Drei Tage hatte ich nichts von Witalij gehört, als er damals verwundet wurde. Dann eine Männerstimme am Telefon. ,Witalij ist außer Lebensgefahr. Kommen Sie in die Klinik nach Dnipro.’ Mehr wusste ich nicht auf dem ganzen Weg von Kiew nach Dnipro. Warten und Hoffen, das ist das Schicksal einer Soldatenfrau. Zu Weihnachten schmerzt es leider besonders.“

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