Kriegszeuge mit Kamera Wie der ukrainische Fotograf Evgeniy Maloletka dem Leid ein Gesicht gibt

Düsseldorf · Der ukrainische Fotograf Evgeniy Maloletka berichtet aus den umkämpften Regionen seines Heimatlandes – und riskiert dafür sein Leben. Das Bild einer verletzten Schwangeren nach dem Beschuss einer Geburtsklinik in der belagerten Stadt Mariupol ging um die Welt.

Fotos  Ukraine-Krieg: Evgeniy Maloletka - Kriegszeuge mit Kamera
28 Bilder

Bilder des Krieges – Evgeniy Maloletka dokumentiert das Grauen

28 Bilder
Foto: dpa/Evgeniy Maloletka

Als die eigenen Soldaten ihn finden, trägt er einen Arztkittel und hält sich mitten im Beschuss in einem Krankenhaus versteckt. Der ukrainische Fotograf Evgeniy Maloletka gehört zu den beiden letzten internationalen Journalisten, die im März 2022 in der eingekesselten ukrainischen Hafenstadt Mariupol ausharren. Tod, Verwundung, Zerstörung, Schmerzen, Leid – all das erleben sie aus nächster Nähe – und halten es in Bildern fest. Sie dokumentieren, wie russische Soldaten eine Lebensader nach der anderen kappen: die Versorgung mit Strom, Wasser, Lebensmitteln, zuletzt die mit Information.

Evgeniy Maloletka

Evgeniy Maloletka

Foto: AP/Taylor Jewell

Irgendwann tauchen ukrainische Soldaten in dem Krankenhaus auf, wo Maloletka und sein Video-Kollege Mstyslav Chernov sich versteckt halten. Sie evakuieren die beiden Journalisten. „Wenn ihr den Russen in die Hände fallt, werden sie euch zwingen, vor laufender Kamera zu sagen, dass eure Berichte Lügen sind“, sagen die Soldaten. Dann wäre alles umsonst gewesen. Darum nehmen sie das Risiko auf sich, zwei Journalisten aus einer umkämpften Stadt zu bringen.

Die Wahrheit stirbt zuerst im Krieg, heißt es. Kriegsfotografen riskieren ihr Leben, um das zu verhindern. Evgeniy Maloletka, der vor allem für die Agentur AP arbeitet, ist einer von ihnen, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen, darunter der Visa d'Or News Award. Aufgewachsen in der Industriestadt Berdjansk, absolvierte er zunächst ein Technikstudium, wurde dann Fotograf. Als der russische Angriff auf die Ukraine bevorstand, die letzten diplomatischen Verhandlungen noch liefen, fuhr er nach Mariupol und blieb. Er war vor Ort, als russisches Militär am 9. März 2022 eine Geburtsklinik unter Beschuss nahm.

Seine Bilder einer Frau, die während der Entbindung schwer verletzt wurde, kurz darauf starb und der hochschwangeren Marianna Vyshemirsky, die im gepunkteten Schlafanzug die zerstörte Klinik verlässt, gingen um die Welt. Die russische Propaganda behauptete später, den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Klinik habe es nicht gegeben, die Frauen auf den Fotos seien Schauspielerinnen. Die Fotos und Videos der damals letzten Journalisten aus Mariupol beweisen das Gegenteil.

Und sie machen weiter. Obwohl man ihnen gesagt hat, sie stünden auf einer schwarzen Liste des russischen Militärs. Auch im Moment ist Maloletka in der Ukraine im Einsatz. Zeigt der Welt weiter, was der Angriff Russlands für seine Landsleute konkret bedeutet. Erzählt von Menschen, die leiden. Und teilt dafür mit ihnen die Gefahren des Krieges.

Anmerkung der Redaktion: Diesen Artikel haben wir bereits am 8. Februar 2023 veröffentlicht. Wir haben ihn aktualisiert und bieten ihn aufgrund der aktuellen Geschehnisse noch einmal zum Lesen an.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort