Streumunition für die Ukraine Die fatale Logik der Gewalt

Meinung | Washington · Kriege bekommen eine gefährliche Eigendynamik je länger sie dauern. Dass die USA der Ukraine jetzt Streumunition liefert, obwohl diese von vielen geächtet wird, ist ein klares Beispiel dafür.

 Der Rest einer Streubombe ist nach einem Angriff zu sehen (Archivbild).

Der Rest einer Streubombe ist nach einem Angriff zu sehen (Archivbild).

Foto: dpa/Anas Alkharboutli

Die Logik der Gewalt, die Kriegen innewohnt, entwickelt eine brutale Eigendynamik, je länger die Kriege dauern. Ein Beispiel dafür ist die Entscheidung der USA, die Ukraine mit Streumunition zu versorgen, die mehr als 120 Länder geächtet haben. Die Kehrtwende hat damit zu tun, dass die Bestände konventioneller Geschosse schwinden. Die in ihren Stellungen verschanzten Russen können bis zu viermal so viel Artillerie verschießen wie die Ukrainer. Das lässt die Gegenoffensive zur Befreiung besetzter Gebiete im Osten nur langsam vorankommen.

Da die Rüstungsindustrie nicht schnell genug Nachschub produzieren kann, ist es verlockend, die Ukraine aus den riesigen Beständen ungenutzter Streumunition zu versorgen. Dass dabei moralische Bedenken der Vergangenheit vom Tisch gewischt werden, ist das Ergebnis des fatalen Kriegsautomatismus. Die Amerikaner nehmen dafür Kritik ihrer Verbündeten in Kauf und frisieren erkennbar ihre Statistiken. Wenn sie tatsächlich über neue Testergebnisse verfügen, die deutlich niedrigere Blindgängerraten bei neuerer Munition zeigen, warum legt das Pentagon sie nicht offen?

Das Problem mit der Streumunition besteht darin, dass sie noch tötet, wenn bewaffnete Konflikte längst vorüber sind. Opfer werden dann nicht Soldaten, sondern Zivilisten. Besonders betroffen sind Kinder, die nicht explodierte Sprengkörper finden und damit spielen. Schließlich sind diese Waffen auch aus militärischer Sicht zwiespältig zu sehen. Sie sind zwar maximal effektiv gegen feindliche Streitkräfte, die sich verschanzt haben, aber die hohe Zahl an Blindgängern hält auch das Vorrücken der eigenen Truppen auf.

Es gibt gute Gründe, der Ukraine mit Panzern, Raketen und Kampfjets zu helfen. Bei Streumunition wäre Zurückhaltung besser gewesen. Leider konnte sich Joe Biden der Logik der Gewalt wohl nicht verschließen.

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