Klinikchefin im umkämpften Cherson „Der Krieg hat uns zusammenwachsen lassen“

Cherson · Alla Malaytska führt im ukrainischen Cherson ein großes Krankenhaus. Sie floh mit ihren Patienten in einen Bunker und wurde von russischen Soldaten bedroht. Unweit der Klinik wird gekämpft. Doch die Medizinerin ist genau da, wo sie sein will.

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Bilder des Krieges – Evgeniy Maloletka dokumentiert das Grauen

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Foto: dpa/Evgeniy Maloletka

Ein dunkles Grollen ist zu hören. In der Ferne donnert die Artillerie. Alla Malaytska blickt kaum auf. Im Fensterrahmen hinter ihrem Schreibtisch stapeln sich Sandsäcke, zudem hängt noch eine schwere Decke vor dem Fensterglas. Griffbereit liegt eine schusssichere Weste.

 Klinikchefin Alla Malaytska im Luftschutzbunker: Für die Kranken sei der Weg hinunter eine Tortur gewesen.

Klinikchefin Alla Malaytska im Luftschutzbunker: Für die Kranken sei der Weg hinunter eine Tortur gewesen.

Foto: Till Mayer

So sieht das Büro einer Klinikchefin in der Frontstadt Cherson aus. Das „städtische klinische Krankenhaus benannt nach Ye. Karabelesh“ hat einen sperrigen Namen und in seiner Geschichte zwei Weltkriege überstanden. Das stolze Hauptgebäude aus dem Jahr 1914 steht an der schnurgeraden Hauptmagistrale der Stadt, die direkt zum Fluss Dnipro führt. Am anderen Ufer ist Niemandsland. Dann kommen schon die russischen Stellungen. Die Panzer, Grad-Raketenwerfer und Haubitzen der Invasionsarmee, deren Geschosse immer wieder in der Stadt einschlagen, stehen nur wenige Kilometer entfernt.

Für Alla Malaytska ist seit dem 24. Februar 2022, dem Beginn des russischen Angriffs, alles anders. „Die ersten Tage der Invasion waren ein Albtraum. Wir mussten bei Alarm mit allen Patienten in den Keller“, sagt die 56-Jährige. Dann führt sie den Besucher hinab, in den Bauch der Klinik. Der in Sowjetzeiten entstandene Bunker sieht aus wie die Kulisse aus einem Film, der im Zweiten Weltkrieg spielt. Hochbetten aus groben Holzrahmen stehen im Dämmerlicht nebeneinander, Matratzen und Decken darauf. „Hoffentlich müssen wir niemals wieder hierher“, sagt die Ärztin.

Cherson steht unter regelmäßigem Beschuss. In einer anderen Klinik schlug jüngst eine Rakete in der Mutter-Kind-Abteilung ein. „150 Fenster sind in unseren Gebäuden durch Druckwellen von Explosionen zu Bruch gegangen“, zählt die Krankenhaus-Chefin auf. Vor wenigen Tagen schlug eine Grad-Rakete ins Dach. „Schon repariert“, sagt sie stolz. In die Fensterrahmen sind jetzt Sperrholzplatten genagelt oder neues Glas eingepasst. 1035 Krankenhäuser und Einrichtungen der Gesundheitspflege wurden seit der Invasion in der Ukraine beschädigt. 171 sind völlig zerstört worden. So lauten die offiziellen ukrainischen Zahlen vom 26. Januar.

Alla Malaytska führt in die Unterwelt „ihres“ Krankenhauses. „Es war eine Tortur für die uns anvertrauten Menschen, als wir sie in den Keller bringen mussten. Frisch Operierte, Schlaganfallpatienten. Wir haben hier unten Menschen reanimieren müssen, für die der Transport in den Bunker zu kräftezehrend war.“

Dann berichtet die Medizinerin über den Vormarsch der russischen Truppen Ende Februar, Anfang März 2022. „Viele Menschen in Cherson flohen vor dem heranrückenden Feind. Auch Mitglieder unseres 1000-köpfigen Teams, darunter 40 Prozent unserer Spezialisten, bis zu 20 Prozent des weiteren Personals. Gerade die Spezialisten fehlen uns heute für Eingriffe. Seit Beginn der Invasion können wir nur noch unaufschiebbare Operationen vornehmen. Wir hatten uns durch die Pandemie-Zeit gekämpft und dann diese Katastrophe: der Krieg“, sagt die Internistin.

Vor der Invasion war die Einrichtung Anlaufstelle für 100.000 Menschen. Doch in Cherson sind insgesamt weniger als 20 Prozent der Einwohner geblieben, das bedeutet auch einen Rückgang der Patientenzahl. „Aber deswegen brauchen wir trotzdem ausgebildete Chirurgen. Sonst sind keine Operationen möglich“, sagt sie. Und die Ärztinnen und Ärzte bekommen es mit ungewohnten Kriegsverletzungen zu tun: schwere Verbrennungen durch Explosionen, Splitter, die Knochen und Gewebe zerfetzen, Schussverletzungen.

„Anfang März übernahmen dann die russischen Truppen die Stadt. Auch bei uns im Krankenhaus tauchten bald bewaffnete Soldaten auf“, berichtet Alla Malaytska. „Vom Prinzip her haben sie sich einfach nicht um uns gekümmert. Die Gehälter kamen weiter aus der Ukraine, Medikamente lieferten uns Freiwillige aus dem unbesetzten Gebiet. Wirklich mutige Menschen. Sie konnten nach Absprachen die Frontlinie passieren. So konnten sie uns die Medikamente bringen. Das ging bis in den Mai so. Es gab es viele Schikanen von russischer Seite, aber sie ließen es zumindest zu.“

Dann versiegte diese Quelle, die russischen Streitkräfte erlaubten keine Passage mehr. Der erste schwere Vorfall unter der Besatzung ließ nicht lange auf sich warten. Nahe dem Krankenhaus nutzte die russische Armee ein Gebäude für ihre Kommandostrukturen, das einen Treffer von der ukrainischen Armee bekam. Ein Pfleger machte aus der Abteilung für Schlaganfallpatienten ein Foto davon und postete es auf einem Telegram-Kanal. Kurz darauf seien acht schwer bewaffnete Soldaten in das Krankenhaus gestürmt, berichtet die 56-Jährige. „Sie polterten in die Abteilung, zwangen die Schlaganfall-Patienten, ihre Mobiltelefone zu zeigen. Das waren Menschen, die kaum reden konnten, schwer gelähmt, bettlägerig. Keiner wäre in der Lage gewesen, das Foto zu machen. Es war ein Schock für uns alle.“ Die Ärztin wurde gezwungen, den Dienstplan offenzulegen, der „Fotograf“ wurde verhaftet.

Die Genfer Konvention verpflichtet die Besatzer das Gesundheitssystem aufrecht zu erhalten. „Viel passiert ist nicht. Wir blieben immer ein ukrainisches Krankenhaus“, sagt die Ärztin. Als dann aber das Pseudo-Referendum Chersons Anschluss an Russland propagierte, wurde auch die Eingliederung der Klinik in das russische Gesundheitssystem angemahnt. Alla Malaytska kündigte. „Vier FSB-Offiziere drohten mir. Ich habe eine ordentliche Übergabe gemacht und bin untergetaucht“, berichtet die 56-Jährige. Auf der anderen Seite des Flusses besitzen sie und ihr Mann, ebenfalls Arzt, eine Datscha im Grünen. Von dort aus hielt sie online den Kontakt zu den ukrainischen Behörden und auch zu ihrem Team. Ihre Nachfolgerin, eine Kollegin, hatte sich auf die Seite der Russen geschlagen. „Das hat mir persönlich wehgetan.“

Am 11. November verschwanden die russischen Besatzer plötzlich. Nur Alla Malaytska konnte nicht in die befreite Stadt zurückkehren. Sie befand sich auf der falschen Seite des Flusses. Eine Odyssee durch russisch kontrolliertes Gebiet, über die Türkei, Griechenland, Bulgarien und Rumänien folgte. „Das waren Tausende Kilometer, um dann keine zehn Kilometer vom Ausgangspunkt entfernt anzukommen“, sagt sie kopfschüttelnd. Nun ist sie wieder verantwortlich für die Klinik, stolz zeigt sie die modernen Geräte im OP. Hilfsmittel und Medikamente werden aus dem In- und Ausland gespendet. „Es sind so viele und so unterschiedliche Menschen, die helfen. Der Krieg hat uns zusammenwachsen lassen“, sagt Alla Malaytska.

Anmerkung der Redaktion: Diesen Artikel haben wir bereits am 11. Februar 2023 veröffentlicht. Wir haben ihn aktualisiert und bieten ihn aufgrund der aktuellen Geschehnisse noch einmal zum Lesen an.

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