Krieg im Nebel: Warum der Konflikt im Jemen eskaliert

Mittlerer Osten: Im Jemen tobt ein verborgener Krieg

Im Jemen tobt seit drei Jahren ein verheerender Konflikt. Millionen droht der Hungertod. Dass davon so wenig nach außen dringt, ist Strategie.

Verschimmelte Brotkrümel gemischt mit Wasser und Salz. An einigen Tagen gibt die Frau von Jahia Hussein ihren vier Kindern auch eine Paste aus gekochten Blättern. Es gibt kaum andere Möglichkeiten, sie zu ernähren. Hussein, der in einem Lager für Vertriebene im Nordjemen lebt, hat bereits den Tod seines fünf Monate alten Sohns hinnehmen müssen. Er starb auf der Flucht in den Armen seiner Mutter. Hussein weiß nicht, ob das Baby verhungerte oder verdurstete.

Die Husseins gehören zu Millionen von Bewohnern des Jemen, die im Bürgerkrieg ihr Zuhause, ihre Arbeit und Angehörige verloren haben. Und der Krieg hat den Jemen, in dem knapp 29 Millionen Menschen leben, an den Rand einer Hungersnot gebracht. Mindestens acht Millionen Menschen haben nichts zu essen, abgesehen von dem, was sie unregelmäßig von Hilfsorganisationen bekommen. UN-Generalsekretär António Guterres spricht von der „schlimmsten humanitären Katastrophe der Welt“.

Dass der Konflikt international trotzdem nur wenig Aufmerksamkeit bekommt, hat seine Gründe. Anders als etwa aus dem syrischen Bürgerkrieg gelangen nur wenige Bilder und Informationen aus der Konfliktzone. Die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition, die seit 2015 mit massiven Luftangriffen und einer Blockade versucht, schiitische Huthi-Rebellen zu vertreiben, sorgt dafür, dass möglichst keine ausländischen Reporter ins Land gelangen. Jemenitische Journalisten dagegen werden von allen Kriegsparteien systematisch verfolgt.

Mindestens 10.000 Menschen sind bei den Kämpfen bereits getötet worden, vielleicht aber auch fünfmal so viel. Noch deutlich mehr Jemeniten dürften Hunger und Krankheiten zum Opfer gefallen sein. Dass sich in Europa das Interesse an ihrem Schicksal in Grenzen hält, ist wohl auch der Tatsache geschuldet, dass es kaum Flüchtlinge aus dem Jemen gibt. Das Land liegt vergleichsweise abgeschottet zwischen Saudi-Arabien im Norden, Oman im Osten, eingeklemmt zwischen viel Wüste und dem Ozean im Süden und Westen. Für die Menschen gibt es kein Entkommen. Und es ist kein Krieg, in dem man klar zwischen Gut und Böse unterscheiden könnte. Es ist ein komplexer Konflikt, in dem freilich einmal mehr die erbitterte Feindschaft zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran als Brandbeschleuniger wirkt.

  • Rebellen greifen Riad an : Saudi-Arabien fängt Raketen und Drohnen aus dem Jemen ab

Im Jemen, der in seinen heutigen Grenzen erst 1990 aus der früheren Republik Jemen im Norden und der kommunistischen Volksrepublik Jemen im Süden entstand, protestierten die Schiiten (rund 45 Prozent der Bevölkerung) seit 2004 gegen ihre politische und ökonomische Benachteiligung. Unter dem Namen eines ihrer getöteten Anführer, Hussein Badreddin al Huthi, eroberten sie seit 2012 immer größere Teile des Landes und marschierten 2014 sogar in die Hauptstadt Sanaa ein. In Saudi-Arabien wollte man jedoch um keinen Preis hinnehmen, dass die mit dem Erzfeind Iran liierten Huthi-Rebellen das Nachbarland unter ihre Kontrolle bringen.

Der damalige saudische Verteidigungsminister und heutige Kronprinz, Mohammed bin Salman, organisierte eine arabische Allianz mit Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und Katar, die im März 2015 aufseiten der international anerkannten Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi in die Kämpfe eingriff. US-Präsident Barack Obama, offensichtlich bemüht, die Saudis nach dem Atom-Abkommen mit dem Iran zu beschwichtigen, ließ die Koalition vom amerikanischen Militär logistisch unterstützen. Großbritannien und wohl auch Frankreich sind ebenfalls militärisch involviert. Außerdem verdienen amerikanische wie europäische Rüstungsunternehmen blendend an dem Konflikt. Auch deutsche Waffentechnologie tauchte im Jemen auf, wenn auch nur in geringem Ausmaß.

Geplant war ein schneller Sieg, doch daraus wurde nichts. Zunehmend wird daher auch strategische Infrastruktur bombardiert, Straßen, Brücken, Wasserreservoirs oder Märkte. In mindestens 100 Fällen sollen Kampfjets zivile Ziele angegriffen und dabei Tausende getötet haben. Nachdem die Huthis die saudische Hauptstadt Riad mit mutmaßlich vom Iran gelieferten Raketen beschossen hatten, verhängte die Koalition eine totale Blockade. Derzeit tobt eine Schlacht um die Hafenstadt Hudaida, in der sich die Huthis verschanzt haben und über die ein Großteil des Landes  versorgt wird. Sollte der Hafen zerstört werden, dürfte die humanitäre Krise endgültig eskalieren. (mit dpa)

Mehr von RP ONLINE