Konflikt in der Ukraine - die Spuren des Kriegs

Konflikt in der Ukraine : In Slawjansk sind die Spuren des Kriegs sichtbar

Die Folgen des blutigen Konflikts im Osten der Ukraine sind nicht überall sichtbar. Aber der Krieg ist in den Köpfen der Menschen.

Im Sommer 2014 herrschte in Slawjansk im Osten der Ukraine Ausnahmezustand.  Im April war die Stadt von maskierten Separatisten besetzt worden, es begann eine Belagerung durch die ukrainische Armee, die sich in den Schützengräben um die Stadt positioniert hatte. Am frühen Morgen des 5. Juli 2014 starteten die Soldaten vom nahegelegenen Karatschun-Berg aus ihre Offensive. Die Separatisten hatten zuvor vom „zweiten Stalingrad“ gesprochen, und sie versprachen, die Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen, als letzte Bastion vor der Separatistenhauptstadt Donezk.

In Slawjansk machte man sich damals direkt an den Wiederaufbau, doch die Wochen der Besatzung hatten ihre Spuren hinterlassen, nicht nur in Straßen und zerstörten Gebäuden, auch in den Köpfen der Bewohner. Die Atmosphäre in der Stadt war durch Misstrauen und Vorurteile geprägt, der Riss zog sich durch alle Teile der Gesellschaft und trennte jene, denen man vorwarf, sie seien Kollaborateure, Verräter und Feinde der Ukraine, von jenen, die sich versteckt hatten oder während der Besatzung aus der Stadt geflohen waren. Heute scheint das Leben in Slawjansk, etwa 650 Kilometer von Kiew entfernt, auf den ersten Blick dem in anderen Orten der Ukraine sehr ähnlich zu sein: Die Menschen schlendern durch die Straßen, entspannen sich in der Nähe der Brunnen im Stadtzentrum und gehen in die Parks, Cafés und Kinos. Dabei trennen nur 80 Kilometer die Stadt vom Krieg.

Am Sonntag wählt die Ukraine einen neuen Präsidenten. Der Krieg spielt im Wahlkampf eine zentrale Rolle, vor allem für die Menschen in den Gebieten, die 2014 von der ukrainischen Armee zurückerobert wurden. Andrei lebt seit langer Zeit in Slawjansk, engagiert sich vielfältig in der Zivilgesellschaft und Antikorruptionsinitiativen. „Das Interesse an dieser Präsidentschaftswahl ist groß. Auch, was mich wundert, das Interesse der Jugendlichen. Sie haben einen großen Drang, an die Urnen zu gehen, das war in der Vergangenheit anders. Egal in welchem Lager man fragt, Präsident Poroschenko hat viel Vertrauen verloren, die großen Korruptionsskandale in der letzten Zeit haben die Bevölkerung sehr wütend gemacht. Der Krieg geht jetzt schon lange, und die Menschen sehen keine Lösung.“

Die 100.000-Einwohner-Stadt Slawjansk begrüßt die Besucher mit einem rostigen Namenszug vor den Toren der Stadt. Nach der Rückeroberung wurden die Buchstaben in den ukrainischen Landesfarben blau-gelb bemalt, wie man es oft in von der Regierung kontrollierten Städten findet. Kaum ein Brückengeländer oder Strommast wurde ausgelassen. Ebenfalls begrüßt den Ankommenden nun eine Unzahl an Wahlplakaten der mehr als 40 Kandidaten für das Amt des ukrainischen Präsidenten. Besonders ins Auge fällt das Plakat des amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko, welches bereits Monate vor dem Wahlkampf breitflächig plakatiert wurde und ihn in Militäruniform zeigt, daneben der Slogan „Eine starke Armee ist eine Garantie für den Frieden“.

In Slawjansk ist der Krieg immer noch sichtbar, auch wenn nach und nach immer mehr seiner Spuren verschwinden. Nach der Befreiung waren große Teile der Stadt übersät mit Bombenkratern, und viele Häuserfassaden waren beschädigt. Der Wiederaufbau war für die Stadtverwaltung ein Kraftakt. Der Direktor des örtlichen Bauamts, Anatoli Aleksjuk, sagt, dass man den Fokus der Reparaturen zuerst auf die Straßeninfrastruktur gelegt habe. „Wir hatten nicht viele Möglichkeiten, das Geld war knapp. Leider standen in der Folge viele Gebäude zerstört herum, ehe wir auch dort ansetzen konnten.“ Mehr als 40 Gebäude seine sehr stark beschädigt gewesen, mittlerweile seien aber alle Schäden weitgehend behoben. Das Krankenhaus liege in Ruinen und werde abgetragen, dafür aber würden neue Gebäude gebaut, auch dank Geld aus Deutschland. „Ein großes Problem bleibt aber die Kanalisation, wir haben als Stadt an alle politischen Stellen Briefe geschickt, um auf die Situation hinzuweisen, sie wurden mal mehr, mal weniger zur Kenntnis genommen.“ Nahe einer Schule im Westen der Stadt lässt sich der Wiederaufbau an einem der typischen Wohnblöcke aus den 60er Jahren begutachten. Die Schäden an diesem vierstöckigen Wohnblock waren groß, in der Mitte des Gebäudes hatte es zahlreiche Einschläge gegeben. Mittlerweile wurden die Stellen repariert und neu verputzt.

Polizeichef Anatoli Kowaltschuk ist erst vor Kurzem in sein Amt gekommen. Über seinem Schreibtisch hängt ein Bild des Präsidenten Poroschenko. Zuvor war Kowaltschuk in Awdijiwka stationiert, einer Frontstadt in der Ostukraine. Aber auch in Slawjansk, so erzählt Kowaltschuk, sammelt die Polizei noch beinahe täglich Waffen ein, die während der Besatzungszeit in die unterschiedlichsten Hände gelangt waren. „Das können kriminelle Gruppen sein, aber auch ganz normale Leute. Geklaut wurde alles über Munition, Kleinfeuerwaffen, aber auch Granaten.“

Für den Bürgermeister von Slawjansk, Vadim Mihajlowitsch, wirken die Kriegstraumata bis heute nach. „Während der Besatzung hat sich unter den Menschen viel abgespielt, was bis heute nachwirkt. Dass ukrainische Flugzeuge die Stadt bombardierten, hat damals viele schockiert.“ Die ukrainischen Einheiten waren damals energisch vorgestoßen, es sollte kein längerer Stellungskampf werden. Das liege zwar nun schon einige Zeit zurück, so der Bürgermeister, aber man befinde sich immer noch in der Randzone des Krieges. „Es ist, so könnte man sagen, eine merkwürdige Distanz und Nähe zur gleichen Zeit. Die größten Ängste der Bevölkerung bleiben der Krieg und seine mögliche Rückkehr.“

An den Hängen des Karatschun-Berges waren die Kämpfe besonders heftig, in einer Umgebung, die zum dörflichen Teil der Stadt gehört und die durch ihre kleinen Holzhäuser geprägt ist. Der 50-jährige Vitali lebt mit seiner Frau Ljuba in unmittelbarer Nähe des Berges. Er ist vom Krieg gezeichnet. Er verlor ein Bein, als er auf der Straße herumlief. „Ich war im April 2014 im Stadtzentrum unterwegs, als plötzlich in unmittelbarer Nähe eine Granate einschlug und mein Bein zerfetzte.“ Im örtlichen Krankenhaus konnten sie Vitali nicht helfen, die Verletzung war zu schwer, also brachte man ihn nach Donezk, damals war das noch möglich. „Die Ärzte konnten aber auch dort mein Bein nicht mehr retten und trennten es ab. Als wir zurückkehrten, fanden wir unser Haus zerstört wieder, die Granaten hat es getroffen. In einem kurzen Zeitraum war alles weg.“

Doch ans Wegziehen dachten Vitali und seine Frau nicht, auch ihres Sohnes wegen. Ljuba erinnert sich. „Es klingt ja immer so leicht, wenn die anderen sagen, dass man doch einfach wegziehen soll. Aber wohin? Wir haben, wie die meisten hier in der Nachbarschaft, viel Geld in unsere Häuser gesteckt. Wir wollten hier alt werden, wenn wir das zurücklassen, auch nachdem wir es wiederaufgebaut hatten, haben wir nichts mehr.“

Viele Möbel stehen nicht mehr in dem Haus, auf dem Tisch im Wohnzimmer ist ein Bild des Sohnes eingerahmt. Vitali hält es in den Händen. „Er ist gestorben, vor wenigen Monaten. Ich sage, es waren die Langzeitfolgen des Krieges. Durch den Stress, aber auch wegen meines Schicksals bekam der Junge Depressionen und legte viel Gewicht zu, am Ende starb er an einem Herzinfarkt. Dieser Krieg hat uns viel genommen, und er ist irgendwie nie vorbei. Ich weiß von vielen aus der Umgebung, dass auch sie am Herzinfarkt gestorben sind. Ich höre den meisten Politikern gar nicht mehr zu, sie erzählen alle dasselbe. Ich kann hier nicht weg, mein Sohn ist hier gestorben und meine Freunde auch.“

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