Bericht: Gefahr durch El Kaida nicht rechtzeitig erkannt: Kommission: USA verfehlte Anti-Terror-Politik

Bericht: Gefahr durch El Kaida nicht rechtzeitig erkannt : Kommission: USA verfehlte Anti-Terror-Politik

Washington (rpo). Eine unabhängige Kommission zur Untersuchung der Anschläge vom 11. September hat ihren Bericht vorgelegt. Demanch habe die US-Regierungen unter Bill Clinton und George W. Bush schwere Versäumnisse bei der Terrorismusbekämpfung zu verantworten.

Beide Regierungen hätten die Gefahr durch das Terrornetzwerk El Kaida nicht rechtzeitig erkannt, heißt es in einem am Dienstag in Washington veröffentlichten vorläufigen Bericht der Kommission. Führende Vertreter der Bush-Regierung wiesen die Kritik zurück. Der 11. September sei nicht vorhersehbar gewesen, sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Dem Bericht zufolge haben die Regierungen in den vergangenen Jahren mehrere Chancen verpasst, führende Köpfe von El Kaida auszuschalten.

Nach Angaben des republikanischen Kommissionsvorsitzenden Thomas Kean wären die Anschläge vom 11. September mit besseren Einwanderungskontrollen und einem wirksameren Geheimdienst zu verhindern gewesen. Dem Bericht zufolge lagen der Regierung spätestens 1997 verlässliche Informationen über El Kaida "als weltweite terroristische Organisation" vor. Während sie sich in Afghanistan ausgebreitet habe, sei das Interesse des US-Außenamts an dem Land beschränkt geblieben. Die Kommission hat während ihrer 16-monatigen Untersuchung mehr als tausend Zeugen gehört und rund zwei Millionen Seiten Dokumente gesichtet.

El-Kaaida-Chef Osama bin Laden hätte nach Erkenntnissen des Gremiums schon vor den Anschlägen in New York und Washington getötet werden können. So soll es 1999 drei Möglichkeiten binnen eineinhalb Tagen gegeben haben, ihn auszuschalten, als er sich in der südafghanischen Stadt Kandahar aufhielt. Auch habe Washington 1995 eine Gelegenheit verpasst, den mutmaßlichen Planer der Anschläge vom 11. September, Khalid Sheikh Mohammed, zu fassen. Aus Furcht, dieser könnte vor seiner Ergreifung gewarnt werden, habe Washington damals gezögert, die Hilfe des Golfstaates Katar in Anspruch zu nehmen. Sheikh Mohammed stand schon damals im Verdacht, einen Anschlag auf elf US-Passagiermaschinen mit geplant zu haben. Er wurde 2003 in Pakistan gefasst.

Rumsfeld äußerte vor dem Ausschuss die Einschätzung, die Anschläge vom 11. September hätten auch stattgefunden, wenn Bin Laden zuvor getötet oder festgenommen worden wäre. Er wies darauf hin, dass sich die Attentäter bereits monatelang in den USA aufgehalten hätten. Rumsfeld lagen nach eigenen Worten ab seinem Amtsantritt im Januar 2001 bis zum 11. September 2001 keine Informationen vor, die eine Tötung Bin Ladens möglich gemacht hätten.

Bush betonte vor Journalisten: "Wenn meine Regierung Informationen über die Anschläge vom 11. September gehabt hätte, hätten wir gehandelt." El Kaida sei seit den Flugzeugattacken gejagt, zwei Drittel der El-Kaida-Führer seien gefasst oder getötet worden. "Und wir werden sie weiter verfolgen, so lange ich der Präsident der Vereinigten Staaten bin." US-Außenminister Colin Powell sagte vor der Kommission, Bush habe bereits im Frühjahr 2001 eine umfassende Strategie gegen El Kaida geplant. Er sei es leid gewesen, "nur Fliegen totzuschlagen".

Auch die Außen- und Verteidigungsminister unter dem demokratischen Präsidenten Clinton, Madeleine Albright und William Cohen, verteidigten vor der Kommission die Anti-Terror-Politik in den 90er Jahren. Auf Grundlage der vorliegenden Erkenntnisse habe die Regierung "alles Erdenkliche" getan, um El Kaida zu besiegen, sagte Albright. Nach Cohens Worten wurden Aktionen mehrmals kurzfristig abgebrochen, weil es geheißen habe: "Wir sind nicht ganz sicher."

Der Abschlussbericht der Kommission wird für Ende Juli erwartet. Ihre Untersuchungen sind insofern brisant, als Bush den "Kampf gegen den Terror" in den Mittelpunkt seiner Politik und seines Präsidentschaftswahlkampfes gestellt hat. Der US-Präsident hat sich bereit erklärt, vor der Kommission hinter verschlossenen Türen auszusagen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Anschläge vom 11. September 2001

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