Kommentar zum Pulverfass Korea: Ein Blick in den Abgrund

Pulverfass Korea : Ein Blick in den Abgrund

Die Situation in Ostasien ist brandgefährlich. Jederzeit, so warnt Nordkorea, könne nun ein Krieg ausbrechen. Die Anlässe dafür mehren sich. Nun braucht es den ganz großen diplomatischen Entwurf für eine Befriedung der Region.

Wer die Nerven beruhigen will, der mag sich einreden, dass alles schon nicht so schlimm werde: Dass Nordkorea und Malaysia, die sich bislang recht gut verstanden, die Botschafter gegenseitig ausweisen und nun wechselweise die Landsleute als Geiseln nehmen, könnte man als vorübergehende Überreaktion abtun. Dass die Raketenabwehr in Südkorea nicht erst Ende des Jahres sondern bereits Ende April einsatzbereit sein soll, ließe sich als simple Verschiebung auf der Zeitachse ohne sonderliche Zusatzdynamik verstehen.

Dass Nordkorea vier Raketen Richtung Japan abschoss, um die Drohung gegen die dort stationierten Amerikaner zu unterstreichen, könnte mit viel Verdrängungswillen auch als immer mal wieder vorkommende Provokation interpretiert werden. Doch das Zusammentreffen all dieser brisanten Vorgänge bewirkt eine hochexplosive Lage, die Nordkorea zu der Feststellung brachte, es könne nun jederzeit ein Krieg ausbrechen.

Werden die Karten neu gemischt?

Obwohl fast vier Millionen Menschen im Koreakrieg ab 1950 ihr Leben verloren und seinerzeit die Sorge wuchs, hier könne der Auslöser für einen dritten Weltkrieg liegen, schaffte es die Völkergemeinschaft auch in 67 Jahren nicht, aus dem Waffenstillstand einen Frieden zu machen. Stets standen sich die Interessen Chinas, Russlands, der USA und Japans in der Region im Weg. Mit dem Amtsantritt von Donald Trump glauben diese und weitere regionale Akteure, dass die Karten um Macht und Einfluss neu gemischt werden.

In der Zwischenzeit hat das hochgerüstete Nordkorea seine Atomwaffenpläne weit vorangetrieben, ist die Gefahr gewachsen, dass ein irrationaler Diktator nicht mehr nur vom Atomschlag gegen die USA schwadroniert, sondern den Wahnsinn Wirklichkeit werden lässt. Und das in einer Situation, in der sich nicht abschätzen lässt, wie rational Trump die Welt sieht, wie der Oberbefehlshaber der Supermacht auf eklatante Herausforderungen reagiert.

Umso wichtiger wären nun Besonnenheit und auch diplomatischer Mut. Es braucht den ganz großen Entwurf für einen Interessenausgleich in der Region. Und vor allem braucht es den Willen aller direkt und indirekt Beteiligten, zu einem Kompromiss zu kommen, in dem alle gewinnen und keiner sein Gesicht verliert. Das ist im Vergleich zum Bürgerkrieg in Syrien deutlich herausfordernder, auch wenn die Konfliktlinien übersichtlicher zu sein scheinen. Die Präsidenten der USA, Russlands und Chinas müssten Vertrauen aufgebaut haben, um nun gemeinsam zu befrieden. Stattdessen belauern sie sich und lassen ihre Muskeln spielen. Die Welt blickt in einen Abgrund.

(may-)
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