Kaschmir: Die Atommächte Indien und Pakistan sind auf Konfrontationskurs

Indien und Pakistan streiten um Kaschmir : Atommächte auf Konfrontationskurs

Seit Jahrzehnten streitet sich Indien mit Pakistan um Kaschmir. Nun will die Regierung in Neu-Delhi den Sonderstatus der Himalaya-Region aufheben – zu einem Zeitpunkt, da die Stellung Pakistans in Südasien stärker wird.

Am schwer bewachten Wagah-Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan ging am Donnerstag nichts mehr. Das eiserne Tor, das die verfeindeten Nachbarn trennt, blieb geschlossen. Der aus Indien kommende Expresszug musste umkehren. Hunderte von Lastwagen, die täglich Gemüse, Früchte und andere Waren nach Pakistan transportieren, stoppten vor der Grenze. Indien und Pakistan befinden sich mal wieder auf Konfrontationskurs, seit die Regierung in Neu-Delhi die Rücknahme der Staatlichkeit und der Sonderrechte von Jammu und Kaschmir und die Teilung des Gebietes beschlossen hat.

Am Mittwoch hatte Pakistan die diplomatischen Beziehungen zu Indien zurückgestuft. Indiens Botschafter muss Islamabad verlassen, sein Amtskollege soll gar nicht erst nach Neu-Delhi reisen. Premierminister Narendra Modi hatte am Montag überraschend die weitreichendsten Verfassungsänderungen in Indien seit der Unabhängigkeit 1947 durchgedrückt. Das mehrheitlich muslimische Kaschmir ist seit mehr als sieben Jahrzehnten Streitpunkt zwischen Indien und Pakistan, die beide die Region für sich reklamieren. Die Atommächte haben bereits drei Kriege um Kaschmir geführt.

Pakistans Premierminister Imran Khan will die „Aktivierung aller diplomatischen Kanäle“ angewiesen haben, „um das brutale und rassistische Regime in Indien bloßzustellen“. Khan prophezeite, es werde mehr Terrorattentate in der umstrittenen Region geben. Im September soll sich der UN-Sicherheitsrat mit der Krise befassen.

Derweil herrscht in Kaschmir Ausnahmezustand: Trotz Ausgangssperren und massiver Polizeipräsenz kommt es zu Protesten. Mehr als 500 Menschen sind bislang festgenommen worden. Auch wichtige kaschmirische Politiker – darunter die ehemaligen Regierungschefs, Mehbuba Mufti und Omar Abdullah – sind in Haft. Internet und Telefon sind blockiert, Schulen, Geschäfte und Behörden geschlossen. Indien hat in den vergangenen Tagen rund 46.000 weitere Sicherheitskräfte in Kaschmir stationiert.

Als inoffizielle Grenze zwischen Pakistan und Indien gilt die Waffenstillstandslinie von 1949. Nach der Regelung kontrolliert Pakistan etwa ein Drittel und Indien etwas mehr als die Hälfte des früheren Fürstentums Jammu und Kaschmir. Da die Bevölkerung mehrheitlich muslimisch ist, beansprucht Pakistan das Gebiet für sich. Indien hingegen vertritt die Auffassung, das Tal gehöre zu Indien, da der frühere Fürst den Anschluss an Indien gewünscht habe. Alle Bemühungen, den Konflikt im Himalaya zu entschärfen, sind bisher gescheitert. Erst Ende Februar hatten sich Indien und Pakistan in Kaschmir kriegerische Auseinandersetzungen geliefert.

Indiens Entscheidung, Kaschmir ganz in Indien zu integrieren, geschieht vor dem Hintergrund einer sich verändernden Machtbalance in der Region. Die Vereinigten Staaten verhandeln in Katar mit den aufständischen Taliban über ein Friedensabkommen in Afghanistan. US-Präsident Donald Trump will die amerikanischen Soldaten so rasch wie möglich vom Hindukusch abziehen und das Engagement beenden. Das stärkt Pakistans Stellung – die Regierung in Islamabad unterhält gute Beziehungen zu den Taliban. In letzter Zeit hatte Trump mehrmals erklärt, er wolle helfen, den Kaschmir-Konflikt zu lösen. Indien lehnt dies jedoch entschieden ab.

Mit der Abschaffung des Sonderstatus zieht Indien Kaschmir fest in seinen eigenen Machtbereich und signalisiert so, dass es den Status quo festigen will und nicht vorhat, auf Trumps Angebote einzugehen, über Kaschmir zu verhandeln und dabei Pakistan Zugeständnisse zu machen. Gleichzeitig erfüllt Indiens nationalistischer Regierungschef Narendra Modi sein Wahlversprechen, Kaschmir voll in das mehrheitlich hinduistische Indien zu integrieren.

Viele Kaschmiris befürchten nun, dass die Region „hinduisiert“ werden soll. Auch wenn die Autonomie des Bundesstaates in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausgehöhlt wurde, hat sie einen enormen symbolischen Wert für die Bevölkerung. Der Sonderstatus galt als ein klares Bekenntnis zu einem säkularen Indien, für den sich Staatsgründer und Unabhängigkeitskämpfer wie Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru eingesetzt hatten und der als ein Gegenmodell zur religiös motivierten Staatsgründung von Pakistan diente. Kaschmir sieht einer ungewissen Zukunft entgegen.

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