USA ernsthaft besorgt: Karsai verstört den Westen

USA ernsthaft besorgt : Karsai verstört den Westen

Kandahar (RPO). Das Verhalten des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai gibt den westlichen Verbündeten Rätsel auf. Erst beschimpfte er UN-Vertreter, nun droht er offen mit Widerstand gegen die geplante Großoffensive. Sogar ein Bündnis mit den Taliban gegen den Westen gilt mittlerweile als denkbar. Ein Sprecher der US-Regierung nennt die Lage "wirklich beunruhigend".

Der Westen muss wegen zunehmender Spannungen mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai ernsthafte Konsequenzen für seine Militärstrategie am Hindukusch befürchten. Karsai drohte auf einem traditionellen Treffen mit rund 1500 Stammesältesten offen mit Widerstand gegen die anstehende Großoffensive des Militärbündnisses in der Taliban-Hochburg Kandahar. Demonstrativ distanzierte er sich im Beisein des Oberkommandierenden der US- und Nato-Streitkräfte in Afghanistan, General Stanley McChrystal, von seinen ausländischen Verbündeten. Die USA äußerten sich erneut irritiert über die Kritik ihres einstigen engen Verbündeten.

Afghanistan werde zur Ruhe kommen, wenn die Bevölkerung zu der Überzeugung gelange, dass die Regierung unabhängig sei - "und nicht eine Marionette", sagte Karsai auf dem Treffen am Sonntagabend in Kandahar. Die Regierung in Kabul solle sich nicht von Ausländern in ihre Arbeit hineinpfuschen lassen. Er habe US-Präsident Barack Obama kürzlich gesagt, dass sich die Probleme im Land nicht durch Krieg lösen ließen. "Seit acht Jahren geht das nun schon so. Wir wollen Frieden und Sicherheit."

Rhetorisch fragte Karsai anschließend in die Menge, ob sie wegen der Pläne für die Nato-Offensive besorgt sei. "Ja, das sind wir!", antworteten mehrere Anwesende umgehend. "Nun", sagte Karsai daraufhin, "wenn ihr euch Sorgen macht, wenn ihr damit nicht glücklich seid, dann wird es keine solche Operation geben."

Am meisten aber irritiert die Verbündeten, das Karsai intern ein Bündnis mit den Taliban ins Gespräch bringt. Auf einer nichtöffentlichen Sitzung mit ausgesuchten Parlamentariern drohte er damit, sich bei andauerndem Druck auf seine als korrupt kritisierte Regierung den Taliban anzuschließen.

"Er sagte, wenn ich unter ausländischen Druck komme, könnte ich mich den Taliban anschließen", zitierte der Abgeordnete Faruk Marenai aus Nangarhar den Präsidenten. "Er sagte, aus dem Aufstand würde dann Widerstand." Derzeit gilt in der internationalen Gemeinschaft der Kampf der 2001 von den USA von der Macht vertriebenen Taliban als Aufstand gegen eine demokratisch legitimierte Regierung. Sollte sich Karsai den Taliban tatsächlich anschließen, würde daraus aus afghanischer Sicht Widerstand gegen ausländische Besatzungstruppen.

Das US-Präsidialamt reagierte irritiert auf den zweiten Rundumschlag Karsais gegen den Westen in nur einer Woche. "Die Äußerungen sind wirklich beunruhigend", sagte Sprecher Robert Gibbs in Washington. In der Substanz seien die Vorwürfe des afghanischen Präsidenten falsch. Gleichwohl halte Präsident Barack Obama an dem für den 12. Mai geplanten Treffen mit Karsai fest und wolle weiter mit ihm zusammenarbeiten. Karsai sei der gewählte Präsident Afghanistans.

Die Nato will in und um Kandahar im Südafghanistan mit der bislang größten Militäroffensive seit Beginn des Kriegs die langersehnte Wende im Kampf gegen die radikal-islamischen Taliban erzwingen. Die USA schicken dazu 30.000 zusätzliche Soldaten an den Hindukusch. Nach Ansicht vieler Militärkommandeure hängen die Chancen für ein Ende des Krieges, der auch in den Heimatländern der ausländischen Truppen auf immer größere Ablehnung stößt, entscheidend vom Verlauf der Offensive ab.

Da viele Afghanen wegen der zahlreichen zivilen Opfer bei bisherigen Nato-Einsätzen aber nicht gut auf das Bündnis zu sprechen sind, bemühen sich die Militärs verstärkt um Rückhalt der Bevölkerung.

Viele Beobachter sprechen inzwischen von einem Tiefpunkt der US-afghanischen Beziehungen. Dies wurde unter anderem vor einer Woche bei Obamas ersten Afghanistan-Besuch seit seinem Amtsantritt deutlich, als er sich nicht mit Karsai gemeinsam vor die Presse stellte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Hamid Karsai

(RTR/APD/pst)
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