Karl von Habsburg: "Die Monarchie ist nicht von gestern"

Interview mit Karl von Habsburg: „Die Monarchie ist nicht von gestern“

Im Habsburgerreich ging einst die Sonne nicht unter. Was aber macht der Chef des Hauses im 21. Jahrhundert? Ein Gespräch über Etikette, Eheschließungen und das Erbe der Geschichte.

Wie rede ich Sie eigentlich korrekt an?

Von Habsburg Das ist eine typische Frage, für die ich eigentlich keine echte Antwort habe. Ich lebe in Österreich, da sind die Titel abgeschafft. In meinem Pass steht: Karl Habsburg Lothringen. Ich tue es meistens meinem Vater nach, der international bekannt war als Otto von Habsburg. Deswegen bezeichne ich mich meistens als Karl von Habsburg, befinde mich aber damit zum Teil in Österreich auf schwierigem Terrain. Ich wurde dieses Jahr schon angezeigt, weil meine Website auf Karl von Habsburg – www.karlvonhabsburg.at – lautet und man gesagt hat: Das ist nicht mit dem österreichischen Gesetz vereinbar. Ich wurde aber bislang nicht verurteilt.

Jetzt gibt es ja Leute, die sagen: Kaiserliche und Königliche Hoheit. Ist das korrekt?

Von Habsburg Ja und nein. Wenn ich es auf mich persönlich beziehen würde, wäre es wahrscheinlich nicht korrekt. Aber ich beziehe es ja meistens auf eine Funktion, die in Bezug auf die Geschichte meiner Familie besteht. Es ist eine Reverenz vor der Geschichte.

Sie haben Kinder. Wie gehen die mit Namen und Titel um?

Von Habsburg Völlig locker. Die sind in Österreich groß geworden, daher kennen sie die Schwierigkeiten, die es dort gibt. Sie sind natürlich viel international unterwegs, und da geht es ihnen ähnlich wie mir. Es gibt kein Patentrezept.

Sie haben im August beim Europafest der Schützen eine „Erklärung für Frieden und Freiheit. 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs“ unterzeichnet. Warum ist Ihnen das wichtig?

Von Habsburg Ich glaube, die vergangenen vier Jahre haben gezeigt, dass man so eine Art Bewusstseinsbildung schafft, was der Erste Weltkrieg für uns heute bedeutet. Was mich fasziniert hat an dieser Zeit – ich habe sehr viele Veranstaltungen besucht und Vorträge gehalten –, ist zunächst einmal die Tatsache, dass einem bewusst werden muss, dass wahrscheinlich der Zweite Weltkrieg wesentlich besser historisch aufgearbeitet ist als die Konsequenzen des Ersten Weltkriegs. Nach dem Ersten Weltkrieg ging es ja sofort weiter – in Wirtschaftskrise, Depression, Machtübernahme, wiedererstarkten Nationalismus und schon in den Zweiten Weltkrieg hinein. Die Konsequenzen des Ersten Weltkriegs sind niemals aufgearbeitet worden. Wir sind ja auch heute noch sehr von den Konsequenzen des Ersten Weltkriegs betroffen. Ich denke da zum Beispiel an den Vertrag von Sèvres, in dem das Osmanische Reich aufgelöst wurde. Wenn man heute die Situation im Mittleren Osten sieht, die auf uns in Europa sehr wohl eine Wirkung hat, dann ist dies eine typische Konsequenz des Ersten Weltkriegs. Deshalb ist es so wichtig, solche Erinnerungsjahre zu nutzen.

Der Erste Weltkrieg hat viel mit Ihrer Familie zu tun.

Von Habsburg Natürlich.

Wie geht ein Habsburger damit um?

Von Habsburg Ich habe es nicht selbst miterlebt. Ich gehöre auch nur zur Erkenntnisgeneration und nicht zur Erlebnisgeneration. Und als solcher stelle ich historische Betrachtungsweisen an, ohne ein Historiker zu sein. Ich bin ein interessierter Laie. Und ich habe das große Glück gehabt, dass ich mit vielen Personen sprechen konnte, die den Ersten Weltkrieg nicht nur miterlebt, sondern auch wichtige Positionen besessen haben. Insofern fühle ich mich sehr privilegiert. Damit ändert man seine Betrachtungsweise ein bisschen. Und was vor vier Jahren das Hauptthema war, war nicht die Frage, was der Auslöser des Ersten Weltkriegs war. Das wissen wir alle – - die Schüsse in Sarajevo. Aber was war  der Grund für den Ersten Weltkrieg? Und da kommen alle seriösen Historiker zum Schluss, dass der Hauptgrund der wachsende Nationalismus war.

Was bedeutet das für uns heute?

Von Habsburg Man sieht auch heute nationale Egoismen, die sich in gewissen Bewegungen darstellen. In jedem europäischen Land. Es ist klar: Wenn man die Sache historisch betrachtet, muss man sagen, dass es in jedem Land immer einen gewissen Prozentsatz von rein national denkenden Menschen gibt. Der ist aber meistens nicht sehr groß. Manchmal wird das stärker und manchmal schwächer gewertet. Momentan sind wir aufgrund der Umstände, wozu die ganze Migrationsfrage und die Frage der Konflikte im Mittleren Osten gehören, so weit, dass diese Themen und diese Randgruppen auch wieder stärker betont werden. Und da glaube ich, dass es wichtig ist, die Möglichkeit der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg zu nutzen, um auf die Gefahr des Nationalismus hinzuweisen. Wir müssen zumindest mit einem wachsamen Auge die verschiedenen Bewegungen anschauen, die es heute gibt.

Das Haus Habsburg hat einst ein Reich regiert, in dem die Sonne nicht unterging. Ist davon bei der jetzigen Familie etwas geblieben?

Von Habsburg Insofern, als die Familie sehr groß und auf der ganzen Welt vertreten ist.

Wie viele Habsburger gibt es?

Von Habsburg Es gibt über 500 Habsburger. Die leben auf allen Kontinenten. Das hat damit zu tun, dass die Familie nach dem Ersten Weltkrieg ins Exil gehen musste. Und damit ist die Familie weit verstreut. Das hat heute auch seine Vorteile. Man hat überall Kontakte, es besteht noch immer ein großer Zusammenhalt. Ich versuche in gewissen Abständen, Familientreffen zu organisieren, ich schaue, dass diese Kontakte nicht abbrechen.

Wie wird man Chef des Hauses?

Von Habsburg Dafür kann ich nichts. Da bin ich unschuldig. Der älteste Sohn des ältesten Sohns übernimmt halt diese Aufgabe.

Kann man sich auch weigern?

Von Habsburg Nein. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, wie dieses System sonst weitergehen sollte. Auch meinem Sohn ist ganz klar, dass er einmal diese Funktion übernimmt. Das ergibt sich einfach.

Über Jahrhunderte haben fünf bis sechs Familien die Geschicke Europas bestimmt. Wie würden Sie diese Zeit im Nachhinein betrachten?

Von Habsburg Nicht nur in Europa, sondern auch in anderen großen Kulturen sieht man ähnliche Situationen. Natürlich war in der Zeit, in der diese Familien die bestimmenden Familien in Europa waren, die Kommunikation eine komplett andere als heute. Das heißt, wenn jemand Kommunikation beherrscht hat, dann hatte er ein Mittel in der Hand gehabt, das viele andere nicht hatten. Die Kommunikation zwischen Karl dem Großen und dem Kalifen Harun al Raschid brauchte immer ein Jahr, um die Nachricht zum Vertreter des anderen Hofes zu bringen. Trotzdem hat es einen relativ lebhaften Gedankenaustausch gegeben, der nur wenigen vorbehalten war.

Welche Bedeutung hat denn der Hochadel heute?

  • Korschenbroich : Karl von Habsburg lobt Rolle des Brauchtums für Europa

Von Habsburg Ich glaube zunächst einmal, dass es wichtig ist, den Bezug zur Geschichte herzustellen. Und natürlich, wenn jemand lebt und greifbar ist, ist der Bezug zur Geschichte viel einfacher darzustellen, als wenn man das nur aus Geschichtsbüchern lernt. Für mich spielt die Tätigkeit bei den Europäischen Schützen eine wichtige Rolle, weil ich das Gefühl habe, dass hier eine riesige Interessensgemeinschaft existiert, die klar aus der Geschichte gelernt hat. Sie tragen Traditionen aus der Geschichte mit sich, sind aber auch ungemein modern orientiert. Da stehen gemeinsame Wertvorstellungen im Vordergrund. Deswegen fühle ich mich den Schützen sehr verbunden.

In Großbritannien, in den Niederlanden, in Belgien, Norwegen, Schweden und Spanien gibt es noch Könige. Gibt es eine latente Sehnsucht nach der Monarchie?

Von Habsburg Menschen, die sagen, dass die Monarchie eher eine Staatsform der Vergangenheit ist, sind einfach nicht realistisch. Es ist genauso eine Staatsform der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, wie andere Staatsformen auch eine Rolle in der Vergangenheit gespielt haben oder in der Zukunft spielen werden. Das trifft, leider Gottes, auf totalitäre Staatsformen genauso zu wie auf demokratische Staatsformen. Diese einer Zeitepoche zuzuordnen, ist nicht adäquat. Wenn heute jemand in Großbritannien die Abschaffung der Monarchie fordert, mag das vielleicht sehr medienwirksam sein. Aber ansonsten wird es keinen großen Effekt auf die Bevölkerung haben. Weil die Bevölkerung weiß, was sie hier an dieser Form hat. Und das wird sich so bald nicht ändern. Das ist genauso, wenn jemand in der Schweiz plötzlich eine Monarchie fordern würde. Das wird dann da auch nicht sehr erfolgreich sein.

Wie empfinden Sie das Kitsch-Image, das durch Sisi und Franz Joseph in Wien verbreitet wird?

Von Habsburg Tja, es passt zur Vermarktung der Geschichte irgendwie, auch wenn es mir nicht immer gefällt, um ehrlich zu sein. Es ist für mich immer faszinierend, wenn man durch Wien geht und sich die Architektur anschaut, die ganze Ringstraßenarchitektur, die Museen und sieht, wie sehr diese Stadt auf die Geschichte ausgerichtet ist. Wenn Wien heute eine große Kongressstadt ist, dann kommt daher, dass viele Kongresse in der Hofburg stattfinden. Dort ist das imperiale Bild präsent. Und dazu gehört, glaube ich, der Kitsch. Kitsch repräsentiert die Geschichte bis zu einem gewissen Grad, wenn man sie extrem oberflächlich betrachtet. Trotzdem sehe ich nichts wirklich Negatives darin.

Wir leben in einer Gesellschaft, die in Teilen multikulturell angelegt ist, ob uns das gefällt oder nicht. Ist da der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn möglicherweise ein Vorbild? Oder ist er daran gescheitert?

Von Habsburg Es kann ja beides sein. Das eine schließt nicht unbedingt das andere aus. Man muss natürlich sagen: Der Vielvölkerstaat ist letztendlich an den Nationalismen gescheitert. Was auch damit zu tun hatte, dass der Vielvölkerstaat diese Völker immer als eigenständige Völker betrachtet hat und ihnen, ganz im Gegensatz zu allen anderen europäischen Staaten, ja immer die kulturelle Besonderheit zugesprochen hat. Für mich ist eines der besten Beispiele die österreichische Volkshymne. Sie hat zur Zeit der Monarchie in zwölf offiziellen Formen und unzähligen inoffiziellen Formen und Sprachen existiert. Das soll man sich einmal von irgendeiner anderen Hymne vorstellen. Wer in Frankreich versucht hätte, die Marseillaise auf Bretonisch oder Okzitanisch zu singen, wäre wahrscheinlich guillotiniert worden. Bei uns war das eine Selbstverständlichkeit. Jeder Beamte oder Offizier ab einer gewissen Ebene in Österreich-Ungarn hat mindestens drei Sprachen gesprochen. Die verschiedenen Religionen waren entsprechend respektiert. Ich habe ein Foto aus der Sammlung meines Vaters vor Augen, ein Bild aus dem Ersten Weltkrieg von einem bosnischen Regiment, wo der Regimentsgeistliche, der Regimentsrabbi und der Regimentsimam zusammenstehen und gemeinsam beten mit dem Regiment. Das ist für mich Österreich! Das könnte auch Beispielwirkung für ein modernes Europa geben.

Wie demokratisch ist der europäische Adel?

Von Habsburg Der europäische Adel hat sich heute dem Grundprinzip der Demokratie angepasst. Das ist heute kein echter Diskussionspunkt mehr. Weil es auch nicht um Wahlen geht, sondern darum, dass man moderne Systeme akzeptiert, weil sie notwendig sind. Ich sehe da keinen Widerspruch und kein Problem.

Geburtsadel und Leistungsgesellschaft - passt das zusammen?

Von Habsburg Ich hoffe schon. Die Leistungsgesellschaft gehört dazu. Wenn man die Leistung nicht erbringt, die von einem erwartet wird, dann sehe ich auch eine Schwierigkeit, den Adel zu repräsentieren.

Sie haben eben von den Sprachen gesprochen. Wie viele Sprachen sprechen Sie?

Von Habsburg Als Kind haben wir alle fünf Sprachen gelernt. Das war für uns normal. Dann kamen nachher halt noch ein paar Sprachen dazu, die ich aber weit entfernt von der Perfektion spreche. Das trifft auch auf alle meine Geschwister zu. Auch auf meine Kinder.

Welche besondere Sprache lernen Ihre Kinder?

Von Habsburg Meine jüngste Tochter studiert Arabisch.

Dürfen Ihre Kinder eigentlich die Partner frei wählen?

Von Habsburg Klar. Wir haben zwar gewisse Familiengesetze in der Beziehung, aber das beschränkt sich auf ein absolutes Minimum.

Welche?

Von Habsburg Nicht in der Wahl. Natürlich lege ich Wert darauf, dass die nächste Generation auch nach katholischen Grundprinzipien erzogen wird. Das ist für mich die Hauptrichtschnur, die ich in der Beziehung habe.

Aber es muss kein Partner aus dem Adel sein?

Von Habsburg Nein.

Ihr Vater hat sich aus seiner Lebenserfahrung heraus stark politisch engagiert, auch im Europaparlament. Was machen Sie?

Von Habsburg Ich will es mal so sagen: Meine Familie war an und für sich 800 Jahre Berufspolitiker. Die Umstände haben sich natürlich geändert für meinen Vater und für mich, im Gegensatz zu unseren Vorfahren. Wir haben uns alle versucht politisch einzubringen, wo wir das Gefühl haben, dass eine Notwendigkeit besteht. Das hat auch mit der Tradition zu tun. Mein Vater war natürlich speziell für seine Tätigkeit in Europäischen Parlament bekannt. Auch wenn man sagen muss, dass mein Vater ja erst mit 68 Jahren ins Europäische Parlament gewählt wurde. Ich habe auch ein paar Jahre im Europäischen Parlament verbringen dürfen, die eine unglaubliche Erfahrung waren. Und für mich ist heute eins der ganz wesentlichen Themen die Frage des Kulturgüterschutzes. Also des Schutzes unserer gemeinsamen Geschichte. Und ich darf hier die Organisation „Blue Shield“ leiten, die kulturelle Güter bei bewaffneten Konflikten schützt. Das ist heute, Gott sei Dank, hauptsächlich außerhalb Europas relevant, auch in eingeschränktem Maße in der Ukraine. Aber der größte Bereich ist der Mittlere Osten, sind die verschiedenen Konflikte, die wir auch in Nordafrika erleben. Das ist aber alles unser gemeinsames Kulturerbe, nicht das Kulturerbe nur eines Staates. Man muss auch überlegen, wie Erbe tradiert wird. Und deswegen ist für mich immer ganz wichtig, dass man das immaterielle Kulturerbe nicht vergessen darf. Dass man Brauchtum nicht vergessen darf. Dass man Sprache nicht vergessen darf. Auch vieles von dem, was nicht in Stein gehauen oder auf Papier festgehalten ist, muss erhalten werden. Für die nächsten Generationen.

Wo engagieren Sie sich konkret?

Von Habsburg Wir verlieren heute im Durchschnitt alle sechs Wochen eine Sprache auf der Welt. Das ist gigantisch. Es gibt etwa 6800 Sprachen. Aber vier Prozent der Bevölkerung sprechen 96 Prozent der Sprachen, und 96 Prozent der Bevölkerung sprechen also vier Prozent der Sprachen. Diese vier Prozent werden von großen Sprachgruppen gesprochen und sind also nicht gefährdet. Aber 96 Prozent der Sprachen, die wir kennen, sind mehr oder weniger gefährdet. Man muss sie wie aussterbende Arten behandeln.

Mehr von RP ONLINE