Karibik Neuer Bericht gibt Opfern der Bandengewalt in Haiti ein Gesicht

San Juan · Haiti versinkt immer tiefer im Chaos. Polizei und Behörden haben der Bandengewalt nichts entgegenzusetzen. Der Bericht einer Menschenrechtsgruppe soll zumindest dafür sorgen, dass das Leid der Bevölkerung aktenkundig ist.

 Ein gepanzerter Polizeiwagen patrouilliert in Haitis hauptstadt Port-au-Prince, in der Nähe des Allgemeinen Krankenhauses.

Ein gepanzerter Polizeiwagen patrouilliert in Haitis hauptstadt Port-au-Prince, in der Nähe des Allgemeinen Krankenhauses.

Foto: dpa/Odelyn Joseph

Ein Fotograf, der einem Drive-by-Shooting zum Opfer fiel. Ein 80-jähriger Patient, der in einem OP-Saal im Krankenhaus erschossen wurde. Ein Paar, das enthauptet wurde, als es nach getaner Arbeit sein kleines Geschäft schloss.

Ein neuer Bericht einer haitianischen Menschenrechtsgruppe gibt den Opfern der dramatischen Bandengewalt in dem Karibikstaat ein Gesicht. Die Gangs töten, vergewaltigen und verstümmeln. Sie bleiben straflos, weil in dem Land ein politisches Vakuum herrscht. „Dieses Jahr ist es viel schlimmer, und es dreht sich alles um die Gangs. Sie haben viel mehr Macht und nehmen mehr Raum ein“, sagte Pierre Espérance, der Exekutivdirektor des Nationalen Netzwerks zur Verteidigung der Menschenrechte (RNDDH), am Donnerstag.

Das Netzwerk setzt sich dafür ein, dass die für die Gewalt Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Die Gruppe ist darauf angewiesen, dass Menschen vor Ort die Namen und andere persönliche Angaben der Opfer sammeln, um sicherzustellen, dass sie nicht anonym bleiben. Die Tötungen in Haiti sind nur schwer nachzuverfolgen. Von der unterfinanzierten und nicht ausreichend ausgestatteten Polizei, die den Gangs auch personell unterlegen ist, werden sie vielfach nicht registriert. Insgesamt sind nach UN-Angaben zwischen Januar und dem 22. März in Haiti mehr als 1550 Menschen getötet worden.

Dem Bericht zufolge, der am Mittwoch veröffentlicht wurde, sind unter den Opfern sieben Menschen, die sich an Bord eines Segelboots befanden, das westlich der Hauptstadt Port-au-Prince unterwegs war und als öffentliches Verkehrsmittel diente. Neun Menschen wurden getötet, die als Buspassagiere auf der wichtigsten Straße unterwegs waren, die Port-au-Prince mit der zentralen Region Artibonite verbindet. Und ein Militär im Hauptquartier der haitianischen Streitkräfte wurde von einer verirrten Kugel am Kopf getroffen. Zu den Todesopfern zählen auch ein siebenjähriger Junge, die Direktorin einer Mädchenschule, ein 28-jähriger Basketballspieler, der Chefbuchhalter des Staatssekretariats für Alphabetisierung und ein 26-jähriger Sportreporter, der zu Hause von einer verirrten Kugel getötet wurde.

Der RNDDH-Bericht beschreibt weit verbreitete Angriffe auf verschiedene Viertel, bei denen mindestens 67 Menschen getötet wurden, als Banden ihre Häuser anzündeten und Überlebende zur Flucht zwangen. Etwa 17 000 Menschen sind dadurch obdachlos geworden. Viele von ihnen drängen sich in improvisierten Notunterkünften. Einige der Flüchtenden suchten Schutz auf dem Gelände des Instituts für Sozialfürsorge und Forschung. Doch die Polizei drängte die Menschenmenge zurück. Dabei kam ein 14-jähriger Junge ums Leben.

Bei den Angriffen der Gangs auf Stadtviertel sind Vergewaltigungen keine Seltenheit. Mindestens 64 Menschen sollen zwischen Januar und März Vergewaltigungen überlebt haben. Es wird vermutet, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. Grund ist das Stigma, das sexuelle Übergriffe umgibt.

Während die Bandengewalt unvermindert anhält, können Sanitäter und Ärzte vielen der Opfer nicht helfen. Das größte öffentliche Krankenhaus Haitis ist geschlossen, genau wie mindestens ein Dutzend kleinere Krankenhäuser und Kliniken. Benzin, Sauerstoff, Medikamente - an allem mangelt es, weil der wichtigste Hafen weitgehend außer Betrieb und der internationale Flughafen in Port-au-Prince seit mehr als einem Monat geschlossen ist. „Folglich müssen Patienten für alles selbst aufkommen“, heißt es in dem Bericht. In einem Krankenhaus müssen Schwangere demnach ein Dokument vorlegen, um zu beweisen, dass sie Treibstoff gekauft haben, damit sie eine Behandlung erhalten. Die Situation drohe, sich zu einer beispiellosen humanitären Krise auszuweiten, heißt es in dem Bericht.

(juju/dpa)
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