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Blog aus Afghanistan - Tag fünf: Kampfzone Kandahar

Blog aus Afghanistan - Tag fünf : Kampfzone Kandahar

Kabul (RPO). Mit militärischem Druck und millionenschwerer Wiederaufbauhilfe sucht die Nato in der Taliban-Hochburg die Entscheidung – offenbar mit Erfolg: Die islamistischen Kämpfer sind zu Tausenden auf dem Rückzug.

Kabul (RPO). Mit militärischem Druck und millionenschwerer Wiederaufbauhilfe sucht die Nato in der Taliban-Hochburg die Entscheidung — offenbar mit Erfolg: Die islamistischen Kämpfer sind zu Tausenden auf dem Rückzug.

Kandahar "Die Taliban greifen immer zwischen zwei und vier Uhr nachts an", warnt Adam Sweet. "Sie schießen dann Raketen auf uns ab. Werfen Sie sich sofort auf den Boden, wenn Sie den Abschussknall hören", rät der junge Kanadier eindringlich.

Seine nächsten Sätze werden erstickt von ohrenbetäubendem Rotorenlärm: Im Camp "Nathan Smith" mitten in der afghanischen Taliban-Hochburg Kandahar setzt ein US-Hubschrauber eine Gruppe schwerbewaffneter Infanteristen mit Nachtsichtgeräten auf den Helmen ab — die Nato-Offensive rings um das Wespennest der Taliban im Osten Afghanistans kennt keine Pause.

Pünktlich um zwei Uhr nachts kracht es gewaltig, doch niemand im Camp reagiert. Es war wohl diesmal schwere eigene Artillerie. Über der Stadt kreisen unsichtbar, doch unüberhörbar mehrere Nato-Jets, den Triebwerksgeräuschen nach amerikanische A-10-Bomber, "Warthogs" (Warzenschweine) mit großer Gatling-Schnellfeuerkanone im Burg. Über den Bergen nordöstlich stoßen die A 10 immer wieder glitzernde "Flares" aus, Täuschkörper gegen Flugabwehrwaffen, die wie Silvester-Feuerwerk aussehen. Am Horizont flackert es plötzlich grell — ob Einschlag oder Abschuss ist nicht zu erkennen. Stundenlang röhren die Jets über das Lager hinweg, am Boden ist Taschenlampen-Rotlicht zur Tarnung Pflicht — es wird Krieg geführt in Kandahar.

Rasanter Flug mit offenen Seitentüren

Deshalb schauen die beiden Bordschützen im tarngefleckten Helikopter wachsam auf das braune Häusermeer aus Lehm und Ziegeln, als die alte Bell — vom Flughafen Kandahar aus gestartet — am Vorabend zur Landung im Camp ansetzt. Der rasante Flug mit offenen Seitentüren erinnert unweigerlich an den US-Vietnamfilm "Apocalypse now". Die Passagiere werden bei laufenden Rotoren abgesetzt, um bei Beschuss durch Gewehre oder Panzerfäuste schnell wieder starten zu können. Darüber kreisen als Sicherung zwei weitere Bell.

Als am nächsten Morgen die Sonne aufgeht, macht sich die Kampfgruppe "Raider" einsatzbereit. Soldaten montieren schwere Maschinengewehre auf die gepanzerten Fahrzeuge und laden Munition und Ausrüstung ein. Eine Staubwolke legt sich über das Lager, als die ersten wüstengelben Panzerwagen zum Tor rollen. Auf einem Beobachtungsturm sitzt Staff Sergeant Tyler Woodward (24) aus Colorado, der später die Hubschauberbesatzungen einweisen muss, und singt leise zu seiner Gitarre. Die US-Flagge im Camp Nathan Smith, das wie alle Stützpunkte hier in Afghanistan nach gefallenen Soldaten benannt ist, hängt auf Halbmast: Wenige Stunden zuvor sind die US-Fallschirmjäger Jonathan Curtis (24) und Andrew Meari (21) einer Sprengfalle um Opfer gefallen.

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Spielende Kinder, eine Ziegenherde

In die Hunderte, vielleicht sogar Tausende gehen inzwischen die Toten, die die Nato-Schutztruppe Isaf in dieser Sand- und Steinhölle zu beklagen hat. Davon seien allein 153 Kanadier, berichtet Sweet. Im südlichen Bereich des Lagers knattern plötzlich sekundenlang Schüsse, vielleicht sind es Warnschüsse. Alarm wird jedenfalls nicht gegeben.

Der Blick vom Wachturm Minuten zuvor war dagegen eher unspektakulär: spielende Kinder, eine Ziegenherde, brennende Müllhaufen, flache graubraune Häuser und Mauern. Trotzdem empfehlen die Soldaten, nicht zu lange Ausschau zu halten, um eventuellen Scharfschützen kein leichtes Ziel zu bieten. Die Warnung vor einem Selbstmordattentäter, der angeblich in einem Pkw unterwegs ist, wird durchgegeben und von den Soldaten mit Fatalismus quittiert: "Hier ist immer irgendwo gerade ein Selbstmordattentäter unterwegs."

Auf 25.000 bis 45.000 Männer schätzt die Nato allein die Taliban-Kämpfer im Bereich Kandahar/Helmand im Osten Afghanistans. Darunter sind viele, die nur zeitweise gegen Geld von den Islamisten rekrutiert werden. "Sie kämpfen nicht in militärischen Grundformen. Das ist Guerilla, die Strukturen verändern sich. Mal ist es ein einzelner Scharfschütze oder ein Selbstmordattentäter, mal sind es fünf oder sieben Angreifer", sagt der deutsche Brigadegeneral Josef Blotz, der Sprecher des kommandierenden Isaf-Generals David Petraeus. Pro Tag werden 50 bis 60 Zwischenfälle von der Sprengfalle bis zum Sturmangriff auf auf Isaf-Posten gemeldet.

"Es gibt noch einzelne Widerstandsnester"

Doch die Nato-Offensive zeige eindeutig Wirkung, berichten übereinstimmend alle Verantwortlichen in Kabul und vor Ort in Kandahar, ob in Uniform oder Zivil. "Wir haben endlich genug Truppen, zivile Ausbilder und Geld", sagt der US-Repräsentant im Provinz-Wiederaufbauteam von Kandahar, Bill Harris. "Wenn wir es hier im Kernland der Taliban schaffen, sie zu vertreiben, ist das ein Signal für ganz Afghanistan."

Die Lage habe sich binnen 60 Tagen dramatisch verbessert: "Die Aufständischen fliehen in Massen aus der Provinz. Manche haben auch ihre Waffen niedergelegt und die Sprengköper vergraben." Von einem Sieg gegen die Taliban könne man bei Terroristen zwar nicht sprechen, da sie immer irgendwo punktuell zuschlagen könnten. "Aber es gibt positive Entwicklungen beim Wiederaufbau, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen." Die Bevölkerung, obwohl vom selben Volksstamm der Paschtunen, hasse die Taliban wegen ihrer früheren Gewaltexzesse und Einschüchterungsversuche abgrundtief.

Das bestätigt Major Earl Brown von der 4. Infanteriedivision aus Colorado: "Die Bewohner warnen uns zunehmend vor Sprengfallen oder bringen uns sogar die Bomben. Das ist ein sehr gutes Zeichen." Es werde weiterhin heftig gekämpft, betont der Offizier. "Wir versuchen, die Taliban noch vor ihrer Flucht nach Pakistan zu stellen, schalten ihre Führer aus und unterbrechen die Nachschubwege." Nicht nur Kandahar, sondern auch die Zufahrtsstraßen seien jetzt fest in der Hand von Isaf und der afghanischen Armee. "Es gibt aber noch einzelne Widerstandsnester."

Schutzweste und Helm drücken

Mit der Impfung von 350.000 Kindern gegen Polio oder der Reinigung des alten Kanalsystems von Kandahar sammeln die internationalen Aufbauhelfer zunehmend Pluspunkte. Umgerechnet rund 80 Millionen Euro investiere Kanada pro Jahr in die Region, sagt Tim Martin. Er ist der "Rock" (englisch für Fels), die Abkürzung für "Representative of Canada in Kandahar". "Die Bevölkerung ist sehr freundlich zu uns", bestätigt Sweet. Allen ist aber klar, dass sich die Taliban in Pakistan während des Winters neu aufstellen und bei wärmerem Wetter neue Angriffe versuchen werden. Die verbesserte Zusammenarbeit von Isaf mit der pakistanischen Armee könnte dies aber erschweren: Pakistan habe 125.000 Soldaten im Grenzgebiet von Wasiristan zusammengezogen.

Am Mittag, das Thermometer zeigt dem bevorstehenden Wintereinbruch zum Trotz 29 Grad, geht es im Hubschrauber weiter in die vorgeschobene Operationsbasis "Camp Wilson" im Zhari-Distrikt. Eine Gruppe Fallschirmjäger der 101. Luftlandedivision, darüber kreisen Kiowa-Beobachtungshubschrauber, eskortiert zu einer nahegelegenen Lehrfarm für afghanische Bauern — der Weg führt durch Kriegsruinen, in denen teilweise Menschen leben, über staubige Sandpisten und karge braune Felder.

Nach Minuten ist die Kleidung schweißnass, Schutzweste und Helm drücken. Der Sandstaub verklebt die Nase. Wie aus dem Nichts tauchen zwei schwarz gekleidete Männer auf, die Gesichter mit Tüchern vermummt. Taliban, harmlose Dorfbewohner?

"Es ist leicht für sie, ihre Waffen zu verstecken und sich unter die Bevölkerung zu mischen", hatte Major Brown vorher gesagt. Doch ohne Zwischenfall wird die Farm erreicht, die sogar mit Strom versorgt ist — ein Luxus in Afghanistan. "Es ist eine Tragödie der vielen Kriege, dass das traditionelle Wissen um die Landwirtschaft verloren gegangen ist. Hier können sich die Bauern anschauen, welche Methode die beste für sie ist", sagt Tim Martin. Dutzende Männer lassen sich gerade ausbilden und grüßen freundlich. Doch einer von ihnen hält wachsam ein Gewehr in der Hand — die Ruhe könnte trügerisch sein in Kandahar.