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Kampf um Berg-Karabach: Aserbaidschan und Armenien rufen Kriegszustand aus

Kampf um Berg-Karabach : Aserbaidschan und Armenien rufen Kriegszustand aus

Nachdem Armenien am Nachmittag das Kriegsrecht ausgerufen hat, hat am frühen Abend auch die Südkaukasusrepublik Aserbaidschan nach der Eskalation in der Unruheregion Berg-Karabach den Kriegszustand in einigen Landesteilen verhängt.

Das Parlament in der Hauptstadt Baku habe bei einer Sondersitzung bereits zugestimmt, meldete die aserbaidschanische Staatsagentur Azertac am Sonntag. Auch Präsident Ilham Aliyev soll die Entscheidung Berichten zufolge bestätigt haben, so dass der Kriegszustand ab Mitternacht (Ortszeit - 22 Uhr MESZ) beginnen werde. Ab Montagabend soll es zudem Ausgangssperren in den Regionen geben. Zuvor hatte der Staatschef den Beginn einer Militäroperation in dem von Armenien kontrollierten Konfliktgebiet erklärt.

Die beiden verfeindeten Nachbarn liefern sich seit Sonntagmorgen schwere Gefechte um Berg-Karabach. Die Behörden der international nicht anerkannten Region meldete 18 Tote und mehr als Hundert Verletzte. Unter den Opfern sind auch Zivilisten.

Der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan warf Aserbaidschan vor, die Lage provoziert zu haben und verhängte den Kriegszustand für sein Land. Das bedeutet auch, dass sich alle Bewohner ab einem Alter von 18 Jahren für einen Einsatz bereit machen sollen. Paschinjan sieht die Gefechte als Kriegserklärung Bakus an. Aserbaidschan erklärte, die Gegenoffensive sei nur gestartet worden, um die eigene Bevölkerung zu schützen.

Der Iran hat angeboten, im Konflikt zwischen den beiden Nachbarstaaten als Vermittler zu agieren. Das sagte der iranische Außenamtssprecher Said Chatibsadeh am Sonntag nach Angaben der Nachrichtenagentur Isna. Teheran verfolge die Gefechte im Südkaukasus mit großer Sorge. „Wir rufen beide Seiten auf, Zurückhaltung zu üben, den Konflikt umgehend zu beenden und die Verhandlungen wieder aufzunehmen“, fügte er hinzu. Teheran pflegt zu beiden Staaten gute diplomatische Beziehungen und hat im Konflikt um Berg-Karabach schon in der Vergangenheit vermittelt.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan befinden sich seit fast 30 Jahren im Konflikt um Berg-Karabach. Die mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region war zu Sowjetzeiten Aserbaidschan zugeschlagen worden. Pro-armenische Rebellen brachten das Gebiet nach Kämpfen mit rund 30.000 Todesopfern Anfang der 90er Jahre unter ihre Kontrolle.

1991 rief Berg-Karabach seine Unabhängigkeit aus; international wird das Gebiet jedoch bis heute nicht als eigenständiger Staat, sondern als Teil Aserbaidschans angesehen. Die Regierung in Baku will die Region wieder vollständig unter ihre Kontrolle bringen, notfalls mit Gewalt.

Ein länger andauernder militärischer Konflikt könnte weitreichende Auswirkungen haben. Russland und die Türkei konkurrieren um Einfluss in der Kaukasusregion. Das ölreiche Aserbaidschan hat seine Armee in den vergangenen Jahren hochgerüstet und kann auf die Unterstützung der Türkei zählen. Russland unterstützt dagegen Armenien, wo es einen Militärstützpunkt unterhält.

Ankara sicherte Aserbaidschan umgehend volle Unterstützung zu. "Das türkische Volk wird unsere aserbaidschanischen Brüder wie immer mit allen Mitteln unterstützen", erklärte Präsident Recep Tayyip Erdogan auf Twitter. Der internationalen Gemeinschaft warf er vor, nicht ausreichend auf die "Agression" Armeniens reagiert zu haben. Armeniens Regierungschef Paschinjan warnte Ankara, sich in den Konflikt einzumischen.

Russland forderte die Konfliktparteien auf, die Kämpfe sofort einzustellen und Verhandlungen zu einer Stabilisierung der Lage aufzunehmen. Aus Diplomatenkreisen hieß es, der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu habe am Vormittag mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow telefoniert.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell forderte ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen und die Rückkehr an den Verhandlungstisch. Die Minsk-Gruppe der OSZE mit Russland, den USA und Frankreich als Ko-Vorsitzenden stehe dafür als Vermittler bereit, erklärte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD).

(felt/dpa/AFP)